Daumen runter für Mehdorn - über politische Verantwortung
Hartmut Mehdorn übernimmt die Verantwortung für eine Reihe von Pannen und organisatorischem Versagen seines Unternehmens. Bis zuletzt betont der Bahnchef, dass er sich persönlich nichts vorzuwerfen habe und auch bei der Deutschen Bahn juristisch nichts Unrechtes geschehen sei. Dennoch ist der Druck zu groß geworden. Mehdorn hinterlässt nach zehn Jahren ein gesundes Unternehmen - bei aller Kritik.
Neben Mehdorn trat heute auch Rick Wagoner, der Chef von General Motors zurück. Auch wenn bei ihm die Gründe völlig anders gelagert sind und er durch seine Person für Misswirtschaft im eigenen Unternehmen zu stehen scheint. Mehdorn hingegen hat eine erfolgreiche Arbeit hinterlassen. Er hatte es über Jahre jedoch versäumt, sich echte Freundschaften und loyale Weggefährten aufzubauen. Sein schlechtes Image führte jetzt in der Konsequenz zu seinem Rücktrittsangebot, das der Aufsichtsratschef Werner Müller sicherlich annehmen wird.
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Die Politik muss das Undenkbare denken lernen
Die Märkte wurden zu Wochenschluss aufgescheucht durch neue Hiobsbotschaften: Das Fass ohne Boden - die Hypo-Real-Estate - soll Verpflichtungen außerhalb der Bilanz haben, welche die bisherigen Dimensionen sprengen. Die Bundesregierung muss jetzt umschwenken.
Die Sueddeutsche Zeitung (SZ) zitiert den Bundestagsabgeordneten Jochen-Konrad Fromme mit den folgenden Worten: “Vor einem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir es mit einer solchen Dimension zu tun bekommen könnten”. Die SZ beruft sich auf einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.
Rente mit 67: Münteferings Blattschuss
Franz Müntefering hat überlegt eine überfällige Debatte angestoßen. Seine Kritiker meinen, dass diese Debatte zu früh oder zur Unzeit käme. Das ist keineswegs so. Müntefering hat gelernt: Unvermeidbare Debatten führt man sofort oder gar nicht.
Da haut unser Arbeitsminister eine Binsenweisheit raus, und die Welt steht Kopf. Einige Dampfplauderer wie Horst Seehofer packen ihr soziales Gewissen aus und produzieren sich als Bewahrer des Sozialstaates, dabei hat die aktuelle Diskussion über die Rente mit 67 die Politik ein stückweit näher an die Realität gebracht.
Wir Jüngeren - ich zähle mich mit meinen 40 Lebensjahren auch mal dazu - sollten weiterlesen …
Richtungsstreit: Warum Franz Müntefering mit der SPD und Kurt Beck ringt
Franz Müntefering verteidigt seine Position als Vertreter der Agenda 2010 in einem scheinbar unwesentlichen Detail: die Bezugszeiten von Arbeitslosengeld für ältere Arbeitnehmer. Es geht um deutlich mehr. Daher ist Widerstand gegen Kurt Beck berechtigt.
Die Gewerkschaften haben ein durchaus nachvollziehbares Anliegen, das sich Kurt Beck zu eigen gemacht hat. Der DGB beklagt: Ältere Arbeitnehmer besitzen ein größeres Arbeitsplatzrisiko und sollen daher im Falle der Arbeitslosigkeit länger Arbeitslosengeld erhalten - bevor sie in Hartz IV (die frühere Sozialhilfe) rutschen. Der Vorschlag von Beck geht auf ein Konzept des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zurück.
Worum es dem DGB und Kurt Beck geht
Der DGB schlägt vor, die Änderung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld an zwei Kriterien zu koppeln: das Lebensalter und die Dauer der Einzahlungen in das Solidarsystem vor der Arbeitslosigkeit. Bisher ist eine Koppelung an das Lebensalter in der seit dem 1. Februar 2006 geltenden Regelung nicht vorgesehen. Die maximale Dauer des Bezugs von Arbeitslosengeld I liegt bisher bei zwölf Monaten, falls der Arbeitslose in den letzten drei Jahren mindestens 24 Monate sozialversicherungspflichtig versichert war.
Der Vorschlag lautet: 45-Jährige und ältere Arbeitnehmer sollen 15 Monate ALG I erhalten, sofern sie in den letzten fünf Jahren 30 Monate versicherungspflichtig beschäftigt waren. Bei Arbeitnehmern über 50 ist eine maximale Bezugsdauer von 24 Monaten vorgesehen - falls der Arbeitslose 42 Monate in den letzten fünf Jahren in die Kasse eingezahlt hat.
Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer formulierte Anfang Oktober in Leipzig zu der Initiative von Kurt Beck: “Der DGB begrüßt ausdrücklich, dass die SPD endlich über eine Verlängerung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I für Ältere nachdenkt. Sie greift damit einen der zentralen Verbesserungsvorschläge der Gewerkschaften für die Agenda 2010 auf. Ich fordere SPD und Union auf, die Verlängerung des Arbeitslosengeld-I-Bezugs jetzt schnell und ohne Abstriche für andere Arbeitslose umzusetzen.”
Worum es Franz Müntefering geht
Der Arbeitsminister erklärte in einem Spiegel-Interview: “Der Familienvater mit 35 Jahren und kleinen Kindern hat bei Arbeitslosigkeit doch größere Probleme als der Vater mit 60 und erwachsenen Kindern.” Damit spricht Franz Müntefering das Kernproblem des Vorschlags von Kurt Beck an. Auch wenn er selbst in der konkreten Sachfrage vielleicht nicht richtig liegt.
Fangen wir eine bereits abgeschlossene Diskussion erneut an? Bringt das nicht neue Wünsche auf den Plan? Melden in Kürze nicht beinahe automatisch andere Menschen ihre durchaus berechtigt erscheinenden Anliegen an?
Soziale Gerechtigkeit
In der SPD wird kein Thema so emotional diskutiert, wie die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Es gehörte seit Jahrzehnten zum politischen Handwerkszeug, mit Beispielrechnungen konkreter Fälle auf Missstände von Gesetzen aufmerksam zu machen. Die sprichwörtliche Krankenschwester oder früher der Facharbeiter waren die typischen Beispiele sozialdemokratischer Abgeordneter im Parlament.
Allein durch die angestrebte Gerechtigkeit im Einzelfall, die hier eine breite Mehrheit finden mag, ist unserer Gesellschaft nicht geholfen. Ist es tatsächlich gerecht, jetzt an der Schraube für ältere Arbeitnehmer zu drehen? Was ist mit dem von Franz Müntefering angesprochenen Familienvater, der arbeitslos wird. Wollen wir nicht diesem auch mehr Geld anbieten?
Sie sehen schon wo das endet: Im Diskussionsdschungel, der Deutschland ohnehin schon gängelt. Paul Kirchhoff nennt das Phänomen bezogen auf das Steuersystem eine Hydra, das ist ein neunköpfiges Seeungeheuer aus der griechischen Mythologie. Wenn man einen Kopf abschlägt ist noch nicht viel geschafft. Dazu bedurfte es der Sage nach einer übermenschlichen Kraftanstrengung von Herkules.
Wenn man das Thema Gerechtigkeit ansprechen will, dann sollte man sich eher über die Frage der Anrechenbarkeit von Vermögen Gedanken machen als über die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I. Wer sein Geld verprasst hat, der erhält nach seiner Arbeitslosenbezugsdauer von einem Jahr sofort Leistungen nach Hartz IV. Wer sein Geld gespart hat, der muss zunächst sein angespartes Kapital liquidieren. Ist das gerecht? Oder werden nicht vielmehr dadurch Fehlanreize gesetzt?
Sozial ist, was Arbeit schafft(?)
Den Gegenentwurf zu Kurt Beck liefert aber nicht der Vizekanzler. Der eigentliche Gegenspieler sitzt mit der SPD am Koalitionstisch. Die CDU provoziert seit einigen Jahren die Seele der SPD durch einen Slogan, der schon mehrfach abgewandelt wurde.
Mit dem Werbeslogan “Sozial ist, was Arbeit schafft” der CDU kann man Anhänger des linken Flügels der SPD jagen. Scheinbar verzichtet der Staat nämlich dadurch auf eine konkrete Politikantwort auf individuelle Schicksale - also das geübte Politikerspiel. Die CDU setzt damit auf eine Art makropolitische Antwort.
Dabei schießt auch in dieser Partei seit längerer Zeit Jürgen Rüttgers quer, der schon vor einem Jahr einen ähnlichen Vorschlag gemacht hatte wie zuletzt Kurt Beck. Rüttgers hatte auf einen “Kardinalfehler” im Hartz-Konzept bereits damals hingewiesen. Er wollte allerdings das Mehr der Alten durch ein Weniger der Jungen finanzieren: Michael Sommer dazu jüngst: “Eine Verlängerung auf Kosten jüngerer Arbeitsloser, wie es zum Beispiel NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers vorgeschlagen hatte, kommt für den DGB nicht in Frage.”
Ratlosigkeit bleibt
Franz Münteferings Position als Vizekanzler ist nicht in Gefahr. Er verteidigt lediglich was ihm wichtig ist. Seinerzeit war zwischen ihm und Jürgen Rüttgers ein heftiger Streit um das gleiche Thema ausgebrochen.
Der Spiegel zitierte vor gut einem Jahr Klaus Brandner, den arbeitsmarktpolitischen Sprecher der SPD mit den Worten zu der Diskussion um den Vorschlag von Jürgen Rüttgers: “Wenn langjährige Beitragszahler mehr Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung bekommen sollen, müsste man Jüngeren, die unverschuldet ihren Arbeitsplatz verloren haben, und Älteren, die keine dauerhafte Erwerbstätigkeit hatten, etwas wegnehmen. Das kann nicht gerecht sein.”
Genau darum geht es aber in der Politik: Wenn man eine Leistung für einen Bürger erbringt, muss man bei gleicher Gesamtsumme jemand anderem zwangsläufig etwas wegnehmen. Zudem wird mit jeder Änderung am Gesamtkunstwerk staatlicher Ausgabenpolitik die relative Bilanz der Bürger neu justiert, wodurch neue Ungerechtigkeiten auftauchen. Da selbst der Staat bekanntlich jeden Euro nur einmal ausgeben kann, ist jede neue Auszahlung bei einem anderen Bürger oder in einem anderen Etat abzuzweigen. Also entstehen in Zukunft (mit einer dann wieder defizitären Bundesagentur) vielleicht weniger Kindergartenplätze oder es gibt weniger Geld für Emigranten oder ein weiterer Bundeswehrstandort wird geschlossen.
Genau diese Diskussion will Franz Müntefering vermeiden. Denn mit Umverteilung wird kein Arbeitsplatz neu geschaffen, und wenn der Staat neue Schulden aufnimmt, wird vor allem die Generation belastet, die heute noch nicht abstimmen kann. Mit Gerechtigkeitsfragen kommen Politiker jedenfalls in Fragen der Arbeitsmarktpolitik nicht weiter. Allerdings sagt diese verständliche Detaildiskussion noch lange nicht, dass die Weichenstellungen vorher richtig gestellt wurden.




