Die Inflation kommt, oder nicht?
Der Autor Stefan Riße hat mit „Die Inflation kommt” ein interessantes Buch über die Gefahr einer kommenden Inflation geschrieben. Das Buch enthält gute Analysen. Seine Botschaft an die Anleger ist aber nicht richtig und dadurch gefährlich.
„Die Inflation kommt” ist gut geschrieben und schon durch die klare Darstellung der Krisenhistorie empfehlenswert (ISBN-10: 3898795047, ISBN-13: 978-3898795043). Die aktuellen Entwicklungen sprechen sicherlich für die realistische Möglichkeit einer Inflation. Diese Auffassung wird noch verstärkt, wenn die Entwicklungen in einem historischen Kontext betrachtet werden. In dieser Hinsicht ist das Buch überhaupt nicht falsch, sondern richtig.
Was meines Erachtens nicht richtig ist, ist die suggerierte Gewißheit, dass das Inflationsszenario eintreten wird, und andere, konträre Szenarien nicht eintreten werden. Zwar werden die Möglichkeit und die Gefahr einer Deflation erwähnt, die Botschaft, die zwischen den Zeilen durchklingt, ist aber eine andere. Die Inflation kommt und Anleger sollten deswegen Gold kaufen. Diese Botschaft als Handlungsempfehlung ist meines Erachtens nicht richtig und birgt für Anleger sogar große Gefahren.
Stellen Sie sich folgendes vor. Sie handeln nach der Empfehlung des Buches und gehen davon aus, dass eine Inflation kommt. Sie kaufen Gold, Immobilien und Aktien. Und Am Ende stellt sich heraus, dass es doch anders kommt. Wir könnten 10 Jahre lang ein niedriges Wirtschaftswachstum ohne nennenswerte Inflation erleben oder sogar eine Deflation. Was wird dann aus den Werten, die Anleger heute für teures Geld gekauft haben? Tritt ein alternatives Szenario ein, könnten Anleger mit diesen Investments sehr viel Geld verlieren.
Wenn ich persönlich wählen müsste, würde ich das Inflationsszenario zu den wahrscheinlicheren Szenarien zählen. Der Punkt ist jedoch, dass ich nicht wählen muss und nicht wählen sollte.
Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt. Und wir sind keine Hellseher. Auch wenn wir zu wissen meinen, wie es in der Zukunft kommt, bedeutet das nicht, dass es so auch tatsächlich kommen wird. Das ist einfach zu verstehen, wenn man bedenkt, dass die zukünftigen Entwicklungen zu einem wichtigen Teil von den zukünftigen Entscheidungen der Politiker und Notenbanker abhängen.
Es gibt eine gute Wahrscheinlichkeit, dass die heutige Situation zu Inflation führen wird. Es ist aber gar nicht ausgeschlossen, dass es grundlegend anders kommt. Anleger, die sich für den Erfolg ihrer Strategie davon abhängig machen, dass das Inflationsszenario eintreten muss, um Gewinn zu machen und Verluste zu vermeiden, gehen ein sehr hohes Risiko ein. Dabei wollten sie sich eigentlich nur gegen ein Risiko schützen.
Es hat in der Historie auch Länder gegeben, die sich aus einer Inflationsgefahr befreit haben. Wenn Sie mehr über die Wirtschaftshistorie lesen möchten, ist das Buch „Diesmal ist alles anders” (ISBN-10: 3898795640, ISBN-13: 978-3898795647, Originaltitel „This Time is Different”) von Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart ebenfalls empfehlenswert. Das Buch kommt zu der Schlussfolgerung, dass viele Staatskrisen aus der Vergangenheit sehr ähnliche Ursachen haben und dass vieles heute bei weitem nicht so anders ist, als in der Vergangenheit. Auch dieses Buch lässt die Schlussfolgerung zu, dass Inflation ein nicht unwahrscheinliches Szenario ist, deutet aber klar darauf hin, dass es in der Historie auch andere Entwicklungen aus ähnlichen Situationen heraus gegeben hat.
Anleger sollten sich heute nicht auf die Zukunft der nächsten zehn Jahre festlegen. Gerade wenn sie sich gegen Risiken schützen möchten, ist es ratsam, Anlagestrategien zu wählen, die nicht prognosehörig, sondern prognoseneutral sind. Der Vermögensschutz sollte nicht aus einer Festlegung auf eine der vielen möglichen Zukunftsprognosen resultieren, sondern aus einer flexiblen Reaktion auf die tatsächlich eintretenden Entwicklungen. Lesen Sie das Buch und überlegen Sie sich anschließend, wie Sie Ihr Vermögen gegen eine unsichere Zukunft schützen.






