Anlagestrategie und Risikomanagement nach der Finanzkrise
Die Finanzkrise hat einen dreißigjährigen Lauf des Rentenmarktes zu einem spektakulären Zenit geführt. Klar ist, dass der Gipfel allmählich erreicht ist. Die Notenbanker sprechen davon, dass sie die Zinsen „noch nicht” anheben und die üppige Liquidität „noch bis Anfang des Jahres 2011″ zur Verfügung stellen.
Es ist sicher nicht auszuschließen, dass die Begeisterung der Notenbanker und Politiker für einen Zinsanstieg auch im Jahr 2011 nicht groß sein wird, nämlich dann, wenn die Wirtschaft noch nicht in Schwung gekommen wäre. Das würde aber nicht automatisch bedeuten, dass die Zinsen niedrig bleiben. Denn, die Frage ist nicht nur, wie lange die Notenbanken die Anleihen noch billig halten möchten, sondern auch, wie lange die Anleihen das Spiel noch mitmachen würden. Es ist nicht auszuschließen, dass institutionelle Anleger bei dem heutigen Risiko-Rendite-Verhältnis in einen Käuferstreik treten. Das würde die Zinsen in die Höhe trieben, ob die Notenbanken es möchten oder nicht. Dieses Spannungsfeld im Rentenmarkt verursacht eine hohe Unsicherheit bei Investoren.
Ein vergleichbares Spannungsfeld ist im Aktienmarkt gegeben. Die Unternehmensgewinne haben sich in jüngster Zeit prächtig entwickelt. In Deutschland haben sich die wirtschaftlichen Eckdaten sogar deutlich verbessert. In anderen Ländern, allen voran den USA, ist das leider nicht so. Die direkten und indirekten Staatsschulden sind explodiert, die Wirtschaft wächst nur noch sehr langsam und die Arbeitslosigkeit verharrt auf hohem Niveau. Es ist klar, dass der Staat sich diese Kombination bei heutigen Finanzverhältnissen nicht lange mehr leisten kann.
Folglich liegt die Lösung irgendwann unumgänglich in einer Kombination der Kürzung von Staatsausgaben, Anhebung von Steuern und gegebenenfalls der Duldung von Inflation. In einem solchen Umfeld können Unternehmen ihre Gewinnsteigerungen nicht fortschreiben. Die Probleme in den Staatshaushalten drohen die Wirtschaft auszubremsen. Dieses könnte sich sehr negativ auf die Unternehmensgewinne und damit auf die Aktienpreise auswirken.
Für den Investor bedeutet das, dass er sich mit einer völlig neuen Situation auseinandersetzen muß, nämlich mit einer Situation, die es in der letzten dreißig Jahren nicht gegeben hat. Sollten die erwähnten Entwicklungen eintreten, ist es nicht unrealistisch, davon auszugehen, dass Aktien und Renten über einen längeren Zeitraum mehr oder weniger gleichzeitig im Preis sinken. Und mit ihnen die Preise von Rohstoffen, und möglicherweise sogar Immobilien.
Für die meisten Investoren wäre diese Parallelität eine noch nie erlebte und damit unbekannte Herausforderung. Welche Anlagestrategie ist geeignet, wenn alle Assetklassen gleichzeitig im Preis sinken? Die klassische Vermögensverwaltungsstrategie, bei der zwischen Aktien und Renten hin- und hergeschoben wird, würde nach dreißig Jahren treuen Dienstes keine Lösung mehr sein. Sollte die Inflation geduldet wären, würde sogar die Haltung von Cash zu einem Vermögensverlust führen.
Spätestens dann wird klar, dass die Lösung nicht in den „Long-Only”-Strategien, die mit dem Markt auf und ab gehen, liegt, sondern in den alternativen Strategien. Alternative Strategien können nicht nur „Long”, sondern auch „Short” und auch „Neutral” zum Markt ausgerichtet werden. Somit stellt sich für interessierte Investoren die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den möglichen Umstieg auf alternative Strategien. Hiermit betreten wir das Reich des Risikomanagements.
Seriöses Risikomanagement ist keine Hellseherei. Gute Risikomanager wissen, dass sie den Markt von morgen nicht vorhersagen können. Aus diesem Grund muß sich das Risikomanagement nicht auf eine „wahrscheinlichste” Zukunft einlassen, sondern mehrere Szenarien für die Zukunft berücksichtigen. Wenn eine gleichzeitige Senkung der Preise in allen Assetklassen als Szenario zugelassen wird, entsteht die Frage nach der Lösung. Wenn Alternative Investments als Lösung zugelassen werden entsteht die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Umstieg auf Alternative Investments.
Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass Risiko nicht per Definition symmetrisch verteilt ist. Das Gewinn- und Verlustrisiko bei einer Entscheidung müssen nicht gleich groß sein. Im Falle der Timing-Entscheidung für Alternative Investments ist die Chance-Risiko-Verteilung sogar extrem asymmetrisch. Was bedeutet das? Vergleichen wir zwei falsche Entscheidungen.
Die erste „falsche” Entscheidung bezieht sich auf das Szenario, nach dem der Investor „zu lange” mit dem Einstieg in Alternative Investments wartet. Die Märkte sinken, im Portfolio entsteht der Verlust. Alternative Investments sind keine Wunderwaffen. Sie können den entstandenen Verlust nicht einfach wettmachen.
Die zweite „falsche” Entscheidung bezieht sich auf das Szenario, nach dem der Investor „zu früh” in Alternative Investments einsteigt. Die Märkte sinken nicht. Trotzdem muß im Portfolio kein Verlust entstehen. Denn Alternative Investments sind nicht immer „Short”, sondern richten sich je nach Strategie kontinuierlich neu aus. Sie können genauso gut in steigenden Märkten Gewinne produzieren.
Die beiden „richtigen” Entscheidungen bereiten keine Sorgen. Steigt der Investor nicht auf Alternative Investments um und steigen die Märkte weiter, entsteht ein Gewinn. Steigt der Investor auf Alternative Investments um und sinkt der Markt, entsteht ebenfalls ein Gewinn.
Somit spricht in der Summe der Szenarien, „falschen” und „richtigen” Entscheidungen vieles für Alternative Investments. Man kann nicht zu früh in Alternative Investments einsteigen, aber schon zu spät.
Gegen Alternative Investments spricht die fehlende Erfahrung bei vielen Investoren mit dieser Art von Anlagestrategien. Alternative Strategien können komplex sein. Sie verhalten sich nicht synchron zum Markt und sind daher schwerer zu durchschauen. Aber im Vergleich zu klassischen „Long-Only”-Strategien sind sie attraktiv.
Selbstverständlich machen auch Alternative Investments nicht immer nur Gewinne. Jedoch sind ihre Maximum Drawdowns der Regel bedeutend kleiner. Und die längerfristige Rendite ist teilweise sehr viel höher.
Bei Investmententscheidungen sind die Chancen und Risiken oft nicht symmetrisch verteilt. In der Praxis bedeutet das, manche Investment im Laufe der Zeit besser sind als andere. Nach dreißig Jahren von Zinssenkungen wartet eine neue, unbekannte Welt auf die Investoren. Bei einer Entscheidung ist das Risikomanagement für Investoren einfach. Sich rechtzeitig mit neuen Anlagestrategien auseinander zu setzen kann keine falsche Entscheidung sein.







Kommentare
Fox
3 September 2010 um 04:09
Sehr geehrter Herr van Leeuwen,
das Argument, die Anleihenmärkte (sprich Inst. investoren) könnten per Läuferstreik höhere Renditen “erzwingen”, wird oft gebracht, hat aber einen ganz entscheidenden Denkfehler: Wo bitte sollen denn die zig Mrd und Bill. €, $, Yen denn sonst hin? In 3-Monats-Anleihen? Andere Währungen/Staatsanleihen sind doch schon größenmäßig keine Alternative. Wenn also Instis en masse zu hunderten Mrd. $ Treasuries verkaufen, was machen sie dann mit dem Geld? Kurzum, was bei Griechenland passierte, ist für den $ unter praktischen Aspekten schwer vorstellbar. Zumal die Verwaltungsmandate ja meist auch nicht einfach mal ein Switchen in Rohstoffe, Immobilien o.ä. erlauben. Und auf der anderen Seite stehen dann die Zwänge, denen die Instis ausgesetzt sind seitens ihrer Investoren bzw. ihrer Renditevorgaben und die sie tendenziell fast dazu zwingen, das Pnzi-Spiel mitzuspielen und in den Staatsanleihen drinzubleiben der G3, egal was passiert.
Fox
3 September 2010 um 04:09
sorry, für den Tippfehler: Käuferstreik, statt Läuferstreik
Marcel van Leeuwen
6 September 2010 um 12:09
Sehr geehrter Fox,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben recht, die Alternativen sind dünn gesät. Das bedeutet jedoch nicht, dass es gar keine Alternativen gibt, insbesondere für eine kleineren Zeitraum. Viele institionelle Investoren und Staatsfonds haben bereits angefangen, von amerikanischen Dollars auf japanische Yen umzuschichten. Der Euro könnte auch wieder stärker gefragt sein. Ebenso finden Energing Markets kontinuierlich mehr Nachfrage. Unternehmensanleihen bilden in vielen Fällen eine anständige Alternative. Desweiteren könnten Instis vorübergehend die mittel- bis längerfristigen Laufzeiten meiden und primär in Kurzläufer investieren. In der Kombination würde durchaus ein Käuferstreik bei längeren Laufzeiten entstehen können. Hierbei ist es weniger wichtig ob ich dieses Szenario für eine Möglichkeit halte, sondern wie die Instis dieses Szenario sehen. Es gibt einige Instis und Notenbanker, die dieses Szenario nicht ausschließen möchten.