Double-Dip-Ängste: Die Aktie, das verhasste Wesen


Es sind ungemütliche Tage an den Märkten: Seit Wochen scheinen die Weltbörsen nur eine Richtung zu kennen – die nach unten. Befeuert von immer neuen Hiobsbotschaften aus den USA sind viele Notierungen in Richtung von Jahrestiefsständen eingebrochen. Dabei sind viele Aktien so günstig wie seit Jahren nicht mehr – zumindest, wenn die Welt nicht untergeht.

Das Leben als konstante Krise: So geht sieht der Alltag an der Börse aus. Ziemlich genau zwei Jahre ist der Beginn der Finanzmarktkrise her, die die Wirtschafts- und Börsenwelt in die wohl dramatischste Abwärtsspirale der vergangen Jahrzehnte beförderte. Ziemlich genau neun Jahre sind die Verwerfungen an der Wall Street im Nachhall von 9/11 her, zwischendrin demoralisierte ein dreijähriger Bärenmarkt die Anleger.

Und selbst, als Konjunktur und Weltbörsen 2005 wieder gemeinsam ansprangen – was bekanntermaßen selten genug vorkommt -, traute keiner so recht dem Braten, was eine ganze Anlegergeneration, die beharrliche Gelder abzog, statt zu investieren, die größte Rallye der vergangenen Jahrzehnte verpassen ließ. Mit einem Wort: Irgendwas ist immer.


“Aufschwung XL”: Deutsche Wirtschaft wie aus einer anderen Welt

Diese unglückliche Geschichte einer Welt in Wartestellung, in der es nie den richtigen Augenblick zum Investieren oder Investiertbleiben zu geben scheint, wiederholt sich in diesen Tagen in ziemlich dramatischen Ausmaß. Wieder einmal gehen Börsen- und Wirtschaftsentwicklung auseinander.

Und das in ziemlich eklatanter Weise: Der ifo-Geschäftsklima-Index, der die Stimmung der deutschen Wirtschaft misst, sprang heute auf ein 3-Jahreshoch. Nachdem die Konjunktur im zweiten Quartal um 2,2 Prozent zugelegt hatte, sieht DIW-Präsident Klaus Zimmermann die deutsche Wirtschaft vor Kraft nur so strotzen: “Es ist ein Aufschwung auf breiter Front, der für dieses Jahr wohl unvermeidbar zu über drei Prozent Wirtschaftswachstum führen wird”. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) frohlockt gar mit einem “Aufschwung XL”.

Double-Dip in den USA wird Konsens

Dumm nur, dass die Stimmung in den USA weiter tief in Moll gefärbt ist – und an der Wall Street die Kurse gemacht werden. Der Immobilienmarkt in den USA kollabiert schon wieder, als wäre es 2008: Die Verkäufe von Eigenheimen gingen im Juli um 27 Prozent gegenüber dem Vormonat zurück – der schwerste Einbruch seit 1995. Dass Steuergeschenke gerade ausgelaufen waren, die den Effekt statistisch bestärken – egal, der Markt liest in diesen Tagen, was er will.

Auch der Rest der Wirtschaftsdaten sieht schließlich wenig hoffnungsfroh aus: Der Arbeitsmarkt liegt am Boden – die Beschäftigungslosigkeit ist so hoch wie seit den frühen Tagen Ronald Reagans nicht mehr. Die Auftragseingänge langlebiger Wirtschaftsgüter entwickelten sich im Juli erneut schleppender als erwartet - usw, usf. Kurzum: Die Lage von Corporate America ist alles andere als erbaulich. Im Gegenteil: Der Double Dip, das erneute Abgleiten in die Rezession nach 2008-2009, erscheint von Woche zu Woche wahrscheinlicher und wird von immer mehr Marktbeobachter als Konsens genommen.

Technologieaktien sind die neuen Value-Werte

Der Markt hat dieses Szenario allerdings bereits zu einem weiten Teil eskomptiert. US-Aktien sind mit einem laufenden KGV von 12 so günstig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das gilt in ganz besonderem Maße für US-Technologiewerte: Schwergewichte wie Intel, IBM oder Microsoft wechseln in diesen Tagen tatsächlich mit KGVs von 10 den Besitzer – und das nächste Börsenjahr ist gerade mal vier Monate entfernt. Anleger unterstellen also in einer fast historischen Zuspitzung bereits Negativ-Wachstum in 2011.

Besonders grotesk wird das Missverhältnis zu einigen Blue Chips der alten Wirtschaft: Procter & Gamble, Boeing oder Caterpillar werden in diesen Tagen mit KGVs von 15 und mehr gehandelt – also mit fast 50-prozentigen Bewertungsaufschlägen zu den hochkapitalisierten Dickschiffen der Tech-Szene, die allesamt über erkleckliche Barreserven verfügen.

Apple-Aktie ex Cash aktuell mit einem KGV von 13

Die vielleicht größte Absurdität leisten sich die US-Börsen allerdings in diesen Tagen ausgerechnet mit dem Platzhirsch. Apple, mit aktuell 219 Milliarden Dollar Börsenwert der wertvollste Technologiekonzern der Welt, befindet sich seit Wochen in einem Abwärtstaumel, als habe es den sensationellen iPad-Launch und die erneuten Rekordzahlen im Juli-Quartal nicht gegeben – tief und tiefer geht es nach unten, bei heute 237 Dollar zu Handelsbeginn auf Niveaus, die seit April nicht mehr besichtigt wurden.

Vielleicht ist das alles aber auch nur ein Missverständnis – oder die Verweigerung der arithmetischen Grundregeln. Das Kult-Unternehmen aus Cupertino hat nämlich inzwischen soviel Cash angehäuft, dass die immensen Kapital-Berge, wie es sie wohl nicht mal in den kühnsten Disney-Träumen von Dagobert Ducks Geldspeicher gegeben hat, seine Bewertung verfälscht. Das passiert nämlich schnell, wenn man als Analyst und Anleger vergisst, was jede erste Lektion der Fundamental-Analyse lehrt: Barbestände müssen von der Marktkapitalisierung bei der Berechnung des KGVs subtrahiert werden.

Günstig, günstiger, Apple: Aktie in 5 Wochen für ein KGV von 10 zu haben

Und so kommt es, dass die Apple-Aktie, die heute für weniger als 240 Dollar den Besitzer wechselt, ohne die 47 Milliarden Cash, die 50 Dollar je Aktie entsprechen, eigentlich nur 190 Dollar kostet. Dividiert durch den erwarteten Gewinn je Aktie von mindestens 14 Dollar, stellt man so überrascht fest, dass ein Unternehmen, dessen Gewinne zuletzt um 78 Prozent gewachsen sind, aktuell mit einem KGV von 13,5 den Besitzer wechselt.

Doch es kommt noch besser: Die Analysten der Deutschen Bank erwarten etwa im nächsten Geschäftsjahr einen Gewinn je Aktie von 19 – was noch längst nicht das Ende der Fahnenstange sein muss. Apples Geschäftsjahr beginnt dann auch schon am 1. Oktober. In anderen Worten: Bleibt es beim aktuellen Kursniveau, ist eines der wachstumsstärksten Unternehmen der Wirtschaftswelt in fünf Wochen für ein KGV von 10 zu haben. Vor drei Jahren waren es noch 40 - und gerade mal die erste iPhone-Million war verkauft, während noch kaum jemand vom iPad zu träumen wagte.

Doch so sieht es in diesen Tagen aus an der Wall Street: Die Anlageform der Aktie ist zum ziemlich verhasstes Wesen avanciert - Aktien, igitt! Es wird interessant zu beobachten sein, wie lange die Untergangsstimmung an der Börse, die ja bekanntermaßen immer Spiegel des menschlichen Gemütszustands ist, in dieser Form anhält. Im wirklichen Leben ahnt man ja: Missverhältnisse werden irgendwann korrigiert.

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