Angie sollte von Jogis Jungs lernen
4 zu 1 und endlich sind wir für Wembley quitt. So wichtig Fußball ist: Wichtiger wäre eine charismatische Kanzlerin, die ebenfalls endlich wieder Topleistungen bringt.
Die Amis sind raus und dank einer furiosen spielerischen Leistung der deutschen Mannschaft sind die Engländer im WM-Turnier 2010 auch nur noch Geschichte. Am Rande sei erwähnt, dass Sebastian Vettel in Valencia ebenfalls gewann. Natürlich vor zwei Engländern. Viel wichtiger für die Zukunft Europas wäre jedoch eine Kanzlerin, die ebenfalls Topleistungen bringt. Leider ist Angela Merkel politisch angeschlagen zurzeit und die Krise hat sie und ihr Beraterteam auch noch nicht verstanden.
Ein netter und bisweilen bizarrer Streit zwischen Deutschland und Amerika beherrscht zurzeit die Wirtschafts-Berichterstattung: Die USA wollen angeblich ihr Wirtschaftsmodell fortsetzen und Ländern wie Deutschland das Sparen verbieten. Von Sparen ist ohnehin keine Rede. Barack Obama wird jedoch fehliterpretiert - es geht ihm lediglich um das Timing. Ärgerlicherweise für die Amerikaner hilft die US-Stabilisierung der Nachfrage im eigenen Land vor allem anderen. Das kann man denen nicht vorwerfen, sondern muss auf die schwachen US-Handelsleistungen hinweisen. Trotz eines um etwa ein Fünftel überbewerteten Euro gelang es den USA jahrelang nicht, die eigenen Exportdefizite zu kompensieren. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass sich dieses Bild in den letzten Monaten gewandelt hat. Darüber müssen die Amerikaner intensiver nachdenken und besser werden. Obama weiß das sicher.
US-Gesamtverschuldung
Die Vereinigten Staaten sind auf Staatsseite zurzeit mit etwa 13 Billionen US-Dollar in der Kreide. Das Handelsblatt zitiert derweil Berechnungen, die einen Anstieg auf 20 Billionen (20.000 Milliarden) US-Dollar bis zum Jahr 2015 vorhersehen. Das klingt gruselig. US-Bundesstaaten wie Kalifornien, Illinois und New York stehen vor dramatischen Sparhaushalten, haben aber immer noch ein Investmentgrade-Rating. Da ist die Verschwörungstheorie gegenüber den US-Rating-Agenturen. Hinzu kommen US-Kommunalanleihen, die durch erste Insolvenzen gefährdet sein könnten. Bislang hat sich am Geschäftsmodell der Amerikaner scheinbar nur wenig geändert. Die Schulden wurden lediglich umgetopft. Das war vernünftig, aber es bleibt abzuwarten wie lange die T-Bonds noch an den sprichwörtlichen asiatischen Mann gebracht werden können. Zu den günstigen Bedingungen dürfte das nicht mehr lange möglich sein. Das Gesamtdefizit in US-Amerika liegt bei 360 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. Auf dem Höhepunkt der Krise lag das Gesamtdefizit bei 330 Prozen des BIP. Das ist zu viel. Etwa 45 Prozent der neuen Staatsschulden nimmt der US-Staat auf. (Link zum Handelsblatt)
Auch hier ist kein Dissens: Obama weiß, dass die Gesamtschuld runter muss. In der Krise konnte er die US-Wirtschaft jedoch nicht abschmieren lassen. In den USA hätte das Arbeitslosenquoten von ungeahnten Ausmaßen gebracht - ein Nachteil von wenig Kündigungsschutz. Entsprechend wurden zunächst Schulden umgetopft.
Nach aktuellen Meldungen hat Angela Merkel sich in Toronto durchgesetzt und der Rest der Welt folgt dem deutschen Modell, die Schulden wieder zu reduzieren. Das ist in Ordnung. Dafür wird Angie von manchen Kommentatoren Lob ernten. Dabei macht sie es aus dem falschen Grundverständnis heraus.
Die ökonomische Frage war bislang lediglich, ab wann man ein selbsttragendes Wachstum erreicht hat und wann dann Stimuluspakete zurückgenommen werden können. In Deutschland jedenfalls sitzt der Schock tief, dass man für einen vorsätzlichen Haushaltssünder büssen muss. Richtig ist aber im Fall Griechenland: Alle Staaten (auch Kanzlerin Merkel) haben zugesehen und konnten es besser wissen. Bereits 2006 zur letzten WM gab es erste Meldungen über statistische Tricksereien in Hellas. Nur unsere Politiker haben keine ökonomischen Kenntnisse und diese “Nebensächlichkeiten” durchgewunken. Das rächt sich jetzt und ist teurer.
Europas Problemlage
Auch Europa ist nach Verschuldungs-Maßstäben zurzeit mit etwa 300 Prozent (Staat, Private und Unternehmen) verschuldet (McKinsey-Zahlen Slide:4; die US-Zahlen sind vermutlich zu niedrig angegeben). Aber die Zusammensetzung der Schulden ist anders: Unternehmen sind zu stark fremdfinanziert und Banken fuhren bis zur Krise einen zu hohen Leverage. Manche Staaten stehen an der Wand und drohen jetzt zu fallen: Das Schuldenproblem muss gelöst werden. Das ist die kurzfristige Perspektive, die bei Krisengipfeln besonders bevorzugt wird.
Stattdessen ist vorausschauende Politik sicher besser: Mittelfristig müssen die EU-Staaten ihre Haushalte konsolidieren, da Schocks von außen Länder mit zu hohen Etats leicht bedrohen können. Deutschland ist mit seiner Schuldenbremse ein gutes Beispiel, wie man sich aus der Schuldenfalle befreien sollte. Die innenpolitische Frage lautet natürlich wie das fúnktionieren soll, aber gegen Einsparungen ist nichts einzuwenden.
Das Euro-Problem
Das wichtigste langfristige Problem ist in Deutschland weiterhin ein Tabu: Unsere Exporterfolge sind die Probleme der anderen Euroländer, die mit uns wirtschaftlich nicht mithalten, aber auch nicht via Abwertung ausweichen können. Aus der Perspektive Deutschlands wäre ein Euro von 1,80 US-Dollar angebracht - wir profitieren also von der Gemeinschaftswährung. Andere leiden. Jahrelanger Lohnverzicht aus den falschen Gründen wurde uns als gute Wirtschaftspolitik verkauft und Deutschland entwickelte sich zu einem Land ohne dynamische Binnennachfrage. Das zehrt am Euroraum und verschärft die Problme. Ökonomisch wäre es sinnvoll, die Verteilungsfragen in Deutschland in Zukunft ein wenig(!) anders zu beantworten. Statt weiter von unten nach oben zu verteilen, ist es ökonomisch besser, die Gegenrichtung in einigen Politikfeldern einzuschlagen. Ein gesetzlicher Mindestlohn hilft genauso wie eine geringe Steuer für sehr hohe Einkommen, wie sie der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel gerade vorgeschlagen hat. Leider begründen die Sozialdemokraten die Dinge zu oft mit dem schwachen, weil subjektiven Argument, es müsse gerecht zugehen im Land. Das kann auch ein politischer Beweggrund sein, aber das ökonomische Argument, den Zerfall des Euro zu vermeiden, ist viel stärker und bedeutsamer.
Ökonomisch muss das Ungleichgewicht irgendwann kompensiert werden. Wir können mit einer Transferunion reagieren - diese hat aber keine politische Mehrheit in unserem Land. Sie wird aber kommen, da die Alternative nicht denkbar sein dürfte: Raus aus dem Euro - aber nicht die Griechen, sondern die Deutschen.
Beginnt Deutschland einen neuen wirtschaftspolitischen Kurs, dann muss die Regierung bei der EZB werben, denn wenn die Notenbanker meinen, höhere Löhne und Preise in Deutschland würden die Preisstabilität gefährden, dann könnte die Notenbank die Zinsen zu früh anheben und alles zunichte machen.
Mit diesen Vorbemerkungen lesen Sie bitte jetzt folgende hervorragende Artikel:
Joseph Stiglitz in der FTD,
Paul Krugman Interview in der Zeit,
Gastbeitrag George Soros in der FTD,
Flassbeck Interview in der SZ.
Stiglitz, Krugman, Soros und Flassbeck weisen in seltener Eintracht auf die Ursachen der Euro-Krise hin. Die Ungleichgewichte innerhalb der Währungsgemeinschaft. Auswege aus der Krise sind eine Transferunion oder ein Ausstieg aus dem Euro. Soros hat das als Gedankenexperiment vorgeschlagen. Und er hat Recht. Krugman sieht den Hardliner Axel Weber als mögliches Problem und Flassbeck will aus dem Euro raus, damit abwerten kann. Alles ohne Zweifel richtige Analysen.
Und was machen unsere Medien und unsere Politiker daraus? Einen Streit ums Sparen. Dabei ging es gar nicht um den Export des US-Modells oder das wenig nachhaltige Geschäftsmodell von der Insel. Die sind nach dem 4 zu 1 aus dem Rennen. Es geht um die Zukunft des Euro und gut gemeinte Vorschläge werden von überforderten Akteuren bei den Medien und in der Politik(bewusst) falsch interpretiert.
Jogis Jungs haben gezeigt, wie man als Team gewinnt. Es geht nicht um: Merkel oder Obama, sondern wie kann man gemeinsam am besten zusammenspielen. Leider geht solch eine Vertrauensbildung in der Politik verloren. Der eine schreibt einen Brief und die andere lässt mit den falschen Argumenten antworten. In diesen Tagen könnte man sich sogar die schönen alten Politikzeiten in den späten 80er-Jahren mit Kamingesprächen zurück wünschen.






