Denksportaufgabe für Anleger: Wo stehen wir zurzeit?
Kapitalanlage ist ganz einfach - in der Theorie zumindest. Man muss nur wissen, in welcher Phase eines Wirtschaftszyklus man sich gerade befindet. Leider ist das erst im Nachhinein genau zu beantworten. Einige Überlegungen dazu.
In starken Abschwungphasen gilt es das Risiko frühzeitig aus dem eigenen Depot zu verbannen. In Aufschwungphasen muss man das Gegenteil tun und den Aktienanteil systematisch und frühzeitig erhöhen. Wer taktisch Bescheid weiß, der kauft in einer frühen Zyklusphase Rohstoff-Unternehemn und andere Frühprofiteure. Wer nichts tut, dessen Depot macht die Anpassungen durch Wertzuwäche und Verluste ganz von alleine. Allerdings ist das dann auf Dauer eher weniger erfolgversprechend. Die Gretchenfrage für Anleger zurzeit lautet: Geht es gerade bergauf oder bergab?
China rockt die Welt
Die verschiedenen Meldungen, die uns täglich erreichen, bieten kein eindeutiges Bild: Die Wachstumslokomotive China wächst real um mehr als zehn Prozent. Die Weltwirtschaft wächst wieder, wenn auch mit deutlich geringeren Wachstumsraten. China importiert kräftig aus dem Ausland und beispielsweise Deutschland profitiert davon.
Aber seit mehreren Monaten hört man aus China, dass die Notenbank auf die Bremse tritt, um die Wirtschaftsdynamik im Land zu drosseln und die zuletzt angestiegene Inflation im Land einzudämmen. Beobachter berichten von der Gefahr einer Immobilienblase in China. Wohin das führen kann haben wir in den USA und zuletzt in Spanien gesehen. Hinter dem Handeln der chinesichen Notenbank und der Regierung steckt die vernünftige Idee, beim nächsten Ab nicht zu sehr unter die Räder zu geraten, falls man jetzt zu viel Wachstum zulässt. Der letzte Einbruch kostete etwa 20 Millionen Wanderarbeitnehmer im Land ihren Job. Die Wachstumszahlen, die sich hierzulande traumhaft anhören, sind etwas zu relativieren. China muss mit einer Rate von sieben Prozent weiterwachsen, um die Zahl der Arbeitsplätze im Land zu erhalten. Das Land ist zurzeit also zum Wachstum gezwungen, um keine zu großen Verwerfungen hinnehmen zu müssen.
Die chinesische Notenbank warnte zuletzt im April vor einer globalen Vermögensblase und weltweiten Inflationsgefahren - in Europa und den USA fürchten viele zurzeit eher deflationäre Tendenzen. Die Notenbanker befürchten, In den europäischen und US-Banken könnten noch weitere hohe Risiken schlummern. Schaut man zurzeit auf den teilweise eingetrockneten Geldmarkt in Europa und die heraufziehende Vertrauenskrise unter Banken - diese parken ihr Geld lieber bei der EZB, statt es zu verleihen -, dann ist man an die Krisenzeit im Herbst 2008 erinnert und muss den chinesischen Geldhütern recht geben.
China wertet seine Währung seit Jahren konsequent auf und lässt sich von diesem Weg auch von nörgelnden US-Handelspolitikern nicht abbringen. Die Haltung von China in dieser Frage ist vernünftig. Nur so kann das Land einen ökonomischen Schock verhindern. Immerhin: Die Währungsanpassung könnte in Zukunft etwas schneller vorangehen, zumindest wenn sich progressivere Berater durchsetzen: Auf der einen Seite verfügt das asiatische Land über erhebliche US-Devisenreserven und auch der Euro dient dem Land als Reservewährung, was gegen eine schnelle Aufwertung des Renminbi spricht. Andererseits wäre eine Verschärfung der Krise in der alten Welt sicher auch nicht im Interesse Chinas. Anleger sollten vermutlich genauer auf die Wirtschaftspolitik in Asien achten, statt ständig nur auf die US-Amerikaner und die Wall Street zu schielen.
Quo vadis US-Wirtschaft?
In den USA waren im Mai die Einzelhandelsumsätze erstmals seit September 2009 rückläufig. Vor allem die Bautätigkeit ist weiterhin schwach. Das schürte Sorgen um die Nachhaltigkeit des aktuellen Wachstums in den USA, da die Konsumenten für einen Großteil des US-Wachstums verantwortlich sind. Möglicherweise lernen US-Konsumenten einfach aus der Vergangenheit und investieren nicht sofort jeden verdienten Dollar am Aktienmarkt - die US-Sparquote war zuletzt wieder stark rückläufig und betrug im März nur noch 2,7 Prozent. Es könnte aber auch ernsthaftere Gründe geben: Der US-Arbeitsmarkt (Arbeitslosenquote im Mai: 9,7%) stagniert zurzeit und der Staat, der in der Krise allerlei Hilfestellungen gegeben hat, kann auch nicht dauerhaft weiter so viel Geld in die Hand nehmen. Die Eurokrise hat gezeigt, dass Zweifel an der Fähigkeit Staatsschulden zurückzuzahlen die Refinanzierungskosten von Staaten beeinträchtigen. Wie das aussehen kann, zeigen die öffentlichen Haushalte von Kalifornien, New York und Illinois. Diese Staaten verhalten sich angesichts leerer Kassen wie die Euroländer und sparen bzw. erhöhen die Steuern. Das kostet im kommenden Jahr Wirtschaftswachstum sagen zumindest Konjunkturforscher, zumal durch Abwertungen des Ratings dieser Staaten höhere, unproduktive Schuldzinsen anfallen. Kalifornien ist nicht nur der bevölkerungsreichste Staat der USA, sondern auch der wirtschaftliche Wichtigste. Das Rating des Landes notiert seit mehreren Monaten auf Ramschniveau. Das hat dem US-Dollar bislang nicht geschadet, könnte aber bald Signalwirkung entfalten.
In den USA findet die alle zehn Jahre stattfindende Volkszählung durch das U.S. Census Bureau statt. Die zusätzliche und einmalige Ausgabe von 2,3 Milliarden US-Dollar brachte durch neue Jobs in diesem Jahr etwas Entlastung für den Arbeitsmarkt. Die Experten streiten sich darüber, welchen Wachstumseffekt dieses Einmalereignis hat. Klar ist nur: Im nächsten Jahr kann das Land nicht wieder zählen.
Was passiert mit den USA, wenn der Staat irgendwann in Zukunft weniger ausgibt? Der US-Haushalt steuert in diesem Jahr auf ein Rekorddefizit in Höhe von mehr als 1,5 Billionen (1.500 Milliarden) US-Dollar zu. Dieses Defizit muss erstmal finanziert werden. Man stelle sich einmal vor, dass irgendeine Rating-Agentur auf die Idee kommt, für US-Staatsanleihen eine Herabstufung in Gang zu setzen. Ein moderarter Anstieg der Schuldzinsen um 50 Basispunkte hätte Mehrkosten alleine für die in diesem Jahr geplante Neuverschuldung in Höhe von 7,5 Milliarden US-Dollar zur Folge. In Kalifornien liegen die Aufschläge gemessen an den Credit Default Swaps etwa bei 290 Basispunkten.
Europa
In Europa scheint sich die Vorstellung durchzusetzen, dass die Staaten verstärkt sparen müssen. Leider glaubt sogar die Bundesregierung ihren Haushalt durch Ausgabenkürzungen reduzieren zu sollen. Man setzt offenbar weiter auf China als Wachstumsmotor. Verpackt als Brief an die G20 hat Barack Obama seine Sorgen über den privaten Konsum formuliert. Das Sparpaket der Euroländer kommt in den USA nicht gut an. Insbesondere Länder mit Handelsüberschüssen wie Deutschland, Japan und China werden jenseits des großen Teichs kritisch beäugt. Der deutsche Beitrag zum Binnenkonsum ist ziemlich schlecht. In der Tat: Europa könnte mit seiner Haushaltsdisziplin die Bemühungen der Vereinigten Staaten konterkarieren. Zudem hilft ein relativ starker US-Dollar den Amerikanern im Export auch nicht weiter.
Zurück zur Ausgangsfrage: Geht es bergauf oder bergab in mittlerer Frist? Vermutlich sind wir im Basislager und hören von einem heraufziehenden Sturm. Jetzt den Berg besteigen zu wollen, ist vermutlich keine gute Idee. Vom Basislager herabzusteigen und damit auf den Aufstieg zu verzichten, könnte etwas zu früh sein. Aber einige Gepäckstücke kann man schon mal zurückschicken ins Tal.





