Wulff soll es sein - Vorbote von was?
Guido Westerwelle rief bei der gestrigen Nominierung des neuen Staatsoberhauptes aus, Wulff wisse, welche “geistige Achse” Deutschland jetzt benötige. Er hat damit Christian Wulff geschadet. Der Niedersachse wird damit offen aufgefordert, die Regierung zu stützen. Bei was eigentlich?
Christian Wulff soll es werden und er wird es werden. Politisch ist der Mann ein Schwergewicht als erfahrener Ministerpräsident und CDU-Grande. Das Gesicht Deutschlands wird dadurch in der Welt jünger, auch wegen seiner jungen Frau und einem Kleinkind, die in Bellevue einziehen werden. Das hört sich gut an. Christian Wulff ist zudem aufgefallen als jemand, der in aller Stille Veränderungen herbeiführt und den offenen Konflikt meidet. Das ist seine präsidiale Amtsführung und lässt ihn für den Job geeignet erscheinen.
Bei der Präsentation des Kandidaten mussten neben Angela Merkel natürlich wieder der unvermeidbare Vizekanzler Guido “Fettnäpchen” Westerwelle und Horst Seehofer ihre Kommentare loswerden. Und der FDP-Vordenker hat es mit zwei Wörtchen geschafft, den CDU-Kandidaten zu diskreditieren und in eine parteiische Ecke zu zerren.
“Geistige Achse”
Der Mann, der in Deutschland die nicht näher bestimmte “geistig-politische Wende” erreichen wollte, sieht sich mit dem Mann aus Hannover jetzt näher am Ziel. Christian Wulff ist für Guido Westerwelle ein Teil der “geistigen Achse”, die wir in Deutschland brauchen. Es darf jetzt in den nächsten Tagen gerätselt werden, was meint der Lautsprecher aus der FDP damit? Nun vielleicht steckt auch nichts dahinter, wie meistens bei Bürger Westerwelle.
Vielleicht ist das auch nur eine verspätete Kritik an Horst Köhler, der zuletzt auf Distanz zu den Steuersenkungsplänen der FDP gegangen war und sogar den Wachstumsfetisch hinterfragte. Übrigens völlig zu recht. Hier fehlte eine Achse aus Sicht des Deutschliberalen.
Sagt Guido Westerwelle so etwas, dann meint er vermutlich aber etwas ganz anderes: Der Sozialstaat in seiner jetzigen Form gehört auf den Prüfstand. Der Staat insgesamt muss zurückgeführt werden. An dessen Stelle soll freiwilliges bürgerliches Engagement treten.
Der nette Herr Wulff
Christian Wullf, der Nelson Mandela als Vorbild nennt, wirkt wie der ideale Schwiegersohn. Er ist es aber nicht. Zumindest nicht politisch. Der Mann denkt in längeren Perioden: Er hat rechtzeitig seinen Nachfolger aufgebaut, mit Johanna Wanka eine Ostdeutsche und mit Aygül Özgan eine Muslima in sein niedersächsisches Kabinett geholt. Wulff ist also durchaus progressiv. Natürlich progressiv mit klaren konservativen Werten. Der Mann ist Katholik und somit eine Art Gegengewicht gegen die Protestantin Angela Merkel.
Christian Wulff wird der unbequme Präsident sein, der Horst Köhler sein wollte. Zumindest für die Regierenden. Wulff ist viel besser verdrahtet in die Machtstrukturen der größten Regierungspartei und wird neben dem Kanzleramt ein zweites Machtzentrum aufbauen. Er wird das nicht öffentlich machen. Er wird auch kaum so dumm sein, im Amt die ungeliebte Regierung zu sehr zu stützen. Mit 50 Jahren will man schließlich zwei Amtsperioden durchhalten. Und der andere der “geistigen Achse” - Guido Westerwelle - ist ohnehin schon Geschichte und bedeutungslos in seiner eigenen Partei.






