Über Respekt…
Horst Köhler vermisste bei seinem Abschied den Respekt für sein Amt. So der Bundespräsident a. D. Aha: Respekt für ein Amt. Geht das eigentlich? Einige Gedanken zu einer inflationären Entwicklung.
Das Wort Respekt leitet sich aus dem Lateinischen ab. Respectus bedeutet in etwa Berücksichtigung. Die heutige Verwendung des Wortes Respekt ist Wertschätzung, in manchen Zusammenhängen Aufmerksamkeit und etwas überhöht sogar Ehrerbietung. Bezugspunkt für Respektsbezeugungen ist eine Person. Manche fordern Respekt auch für eine Institution ein. Da trennen sich die Geister.
Suchen wir mal einige Beispiele: Ich kann Respekt für Lenas Leistung in Oslo haben. Habe ich sogar und zwar sehr viel. Die 19-jährige Frau ist dennoch für mich keine Respektsperson. Insofern halte ich die Begriffsverwendung für ereignisbezogen. Genauso würde ich die Zusammenhänge bei Sportlern sehen, die einen Olympiasieg erringen oder einen anderen Erfolg, den ich respektiere im Sinne der Wertschätzung. Sportler untereinander, die einen Wettkampf austragen, respektieren die Leistungsstärke der anderen. Auch das ist eine nachvollziehbare Begriffsverwendung. Soweit scheint es einfach zu sein.
Respekt für Mandatsträger und Institutionen
Um ein politisches Beispiel zu verwenden: Helmut Kohl ist für mich keine Respektsperson, auch nicht weil er einmal Bundeskanzler war. Er stand im Mittelpunkt einer Affäre, in der er sich über das Gesetz erhoben hat. Dennoch empfinde ich Helmut Kohls Leistungen im Amt als höchst respektabel. Ich zolle meinen Respekt für seine Verdienste um die deutsche Vereinigung. Ja ich finde seinen Lebenslauf geradlinig und beeindruckend.
Die entscheidende Frage lautet jetzt: Waren meine Formulierungen respektlos gegenüber dem ehemaligen Bundeskanzler oder seinem Amt? Ich denke nein. Respekt ist für mich etwas ganz Persönliches aus Sicht des Betrachters. Respekt muss sich jemand erwerben und zwar durch spezielle Leistungen.
Ich kann zudem eine Institution wie den Bundestag achten und für wichtig halten und respektieren wegen der überwiegend guten Gesetze, die in den letzten Jahrzehnten dort verabschiedet wurden. Auch hier kommt wieder der Leistungsbezug hinzu. Die Begriffsverwendung Respekt im Sinne von Wert schätzen und meine Aufmerksamkeit schenken ist für mich in Ordnung. Beim Teilaspekt Ehrerbietung fängt es bei Institutionen bereits an, mir mächtig Bauchschmerzen zu bereiten. Dafür bin ich viel zu liberal.
Apropos Respekt: Guido Westerwelle hat schon vor seinem Job als Außenminister ziemlich viel Unfug in die Welt gesetzt. Muss ich ihm jetzt Respekt erweisen, weil er ein hohes Staatsamt bekleidet? Sicher nicht.
Respekt im Fußball
Jogi Löw erklärte die Verhandlungen um seine Vertragsverlängerung für respektlos. Er sei der Bundestrainer. Das ist für mich die falsche Begriffsverwendung. Ich denke der DFB sollte ihn wegen seiner guten Leistungen im Job respektvoll behandeln, aber nicht, weil er Angestellter mit dem Titel Bundestrainer ist. Ja ich würde sogar einen Schritt weiter gehen: Würde der DFB Jogi Löw nur deshalb respektieren, weil er das Amt inne hat, dann wäre das in der Tat respektlos.
Ein anderes Beispiel ergab sich nach der Niederlage der Bayern gegen Inter Mailand. Franz Beckenbauer erklärte nach dem Spiel, dass die Mannschaft mit Franck Ribery niemals verloren hätte. J. B. Kerner konfrontierte Louis van Gaal mit diesem Hinweis. Der Holländer erwiderte recht scharf, das lasse den notwendigen Respekt gegenüber seinen anderen Spielern vermissen. In der Folge hielt der Kaiser angesichts dieser verbalen Watschn den Mund.
An diesem Beispiel kann man die Grenzziehung deutlich machen: Berücksichtigt man die ganze Saison der Bayern zuvor und insbesondere die Rückrunde, dann ist die Bemerkung von Franz Beckenbauer in der Tat respektlos, da die Mannschaft auch ohne den Franzosen sehr gut gespielt hat. Allerdings glaube ich auch, dass ein Spieler, nur weil er bei Bayern München unter Vertrag steht, nicht automatisch den Respekt einfordern kann. Die zahlenden Zuschauer dürfen sogar kritisieren, wenn ein Spieler oder die ganze Mannschaft ein schlechtes Spiel abliefern. Das ist nicht grundsätzlich respektlos.
Respekt für Horst Köhler!?
Horst Köhler hat eine beeindruckende Karriere hinter sich. Er war in herausragenden Ämtern. Respekt muss ihm dafür niemand zollen. Horst Köhler ist in das Amt des Bundespräsidenten gewählt worden. Auch das nötigt mir noch keinen Respekt ab. Weil er Bundespräsident war, hörte ich mir seine Reden an. Er hatte meine Aufmerksamkeit. In der ersten Amtsperiode hat mich Horst Köhler mit seinen Reden wirklich enttäuscht. Daher war ich im letzten Jahr für Gesine Schwan. Das halte ich für mein Bürgerrecht und nicht für respektlos.
Ich persönlich finde es respektlos, wenn jemand eine einschläfernde Rede hält und die professionellen Zuhörer wie Guido Westerwelle von einer großen Rede sprechen. Ich finde auch das ständige (inflationäre) Respekt zollen von Politikern nach Rücktritten eigentlich respektlos. Und zwar weil das nur noch eine politische Worthülse ist.
Bleibt noch die Frage zu klären, ob man den Bundespräsidenten als Institution kritisieren darf. Dabei ist wieder zwischen Amt und Person zu trennen. Das Amt verlangt angemessene Worte. Der Amtsinhaber ist auch von den üblichen politischen Schmähungen auszunehmen. Aber in der Sache - so er denn in die Niederungen der Sachpolitik hinabsteigt - muss der Bundespräsident sich dem Diskurs stellen. Ist er dem nicht gewachsen, muss er sich aufs Repräsentieren zurückziehen.
Der Abgang von Horst Köhler am Montag war daneben. Er hat den nötigen Respekt - im Sinne von Wertschätzung - gegenüber dem eigenen hohen Amt vermissen lassen. Zumindest wenn man seiner dünnen Begründung folgt.
Respekt hat Horst Köhler für einige Leistungen verdient, die ich respektiere und gutheiße. Er hat vor Angehörigen eines Anschlags bewegende Worte gefunden, in Israel überzeugt und Afrika mit seiner gesamten Kraft auf die Agenda gehieft.
Respekt möchte ich auch für eine recht junge Rede zollen: Am 29. April 2010 hielt Horst Köhler vor Ökonomen in München eine bemerkenswerte Rede. Er kritisierte darin die Finanzindustrie, unser Wachstumsdenken und das Gerede über Steuersenkungen. Ändern wird die Rede nichts.
Großteile der Rede hätte ich mir schon vor einem Jahr gewünscht und einen nervenden Horst Köhler dazu, der bei jeder(!) sich bietenden Gelegenheit das Umdenken in Wirtschaftsfragen und die Rückeroberung des Primats der Politik gefordert hätte.
Dann wäre Horst Köhler unbequem gewesen. Meinen Respekt und Beifall hätte er erhalten.






