Euro-Krise - Wer sind eigentlich die Zocker?
Leider verstehen Politiker diese Krise nicht: Der Absturz des Euro ist Ausdruck tiefen Misstrauens gegenüber den Staaten in Euroland und nicht das Resultat verantwortungsloser Spekulanten. Wenn jemand zockt in dem Spiel, dann sind es die Regierungen der Euroländer selbst und die Europäische Zentralbank(EZB).
Angriffskrieg auf den Euro. Euro unter Beschuss. Terrorangriff von Spekulanten. Politikern ist kein Bild martialisch genug, um die aktuelle Krisensituation zu beschreiben. Nur mit der aktuellen Situation hat das wenig zu tun. Auch die üblichen Verdächtigen - Hedgefonds, Ratinagenturen und böse Spekulanten - sind schnell als Verursacher ausgemacht. In Wirklichkeit haben unsere Politiker und Jean-Claude Trichet gerade die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank auf dem Altar eines Strohfeuers geopfert. Die wahren Zocker sitzen in Berlin, Paris und Luxemburg und nicht in Hongkong, Frankfurt oder New York.
Etwas mehr Gelassenheit beim Außenwert des Euro wäre hilfreich gewesen. Zwar ist diese Sichtweise etwas schlicht, aber viele Ökonomen sehen und sahen ohnehin den Außenwert des Euro schwächer. Am häufigsten wird der Wert 1,20 US-Dollar genannt. Insofern sehen wir gerade eine Normalisierung der Verhältnisse. Ein Problem sind solche starken Währungsschwankungen natürlich immer, denn in der Wirtschaft sind viele Anpassungsprozesse erforderlich. Aber wenn man ehrlich ist, dann geht es in diesem “Konflikt” gar nicht um den Außenwert des Euro, sondern um das Vertrauen in die europäischen Staaten.
Die EU-Finanzminister hatten in der Nacht zu Montag einen Kreditrahmen von insgesamt 500 Milliarden Euro für angeschlagene Mitgliedsstaaten beschlossen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) soll mindestens noch 250 Milliarden Euro beisteuern.
Was uns die Märkte sagen
Der Absturz des Euro und die Entwicklungen der Währung gestern sind ein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Regierungen in Euroland. Internationale Anleger - und nicht die Zocker -, die jetzt ihre Kapitalanlagen in den US-Dollar umschichten, zweifeln an den milliardenschweren Rettungsmaßnahmen der Regierungsschefs vom Wochenende. Daran ändert auch ein einziger Tag der Freude an den Aktienmärkten nichts.
Das Auf und Ab beim Wechselkurs zum Dollar zeigt dieses Misstrauen: Am Montag schien die Welt gerettet. Der Euro marschierte zu Beginn der Woche kurz unaufhaltsam über 1,30 US-Dollar und die Aktienmärkte in Europa legten mächtig zu. Inzwischen ist diese Bewegung längst verpufft und die Devisenhändler warten auf ein neues starkes Verkaufssignal, das charttechnisch vermutlich beim Unterschreiten von 1,26 US-Dollar gegeben ist.
Die europäischen Politiker haben die Krise mit Milliardenbeträgen erschlagen. Diese Kurzfristerholung ist allerdings teuer erkauft. Zu teuer.
Nebenbei wurde die Unabhängigkeit der Zentralbank geopfert und zwar weil die Politik keine klaren Signale der Stabilität senden wollte oder konnte: Die von Frankreich schon immer geforderte Wirtschaftsabstimmung nationaler Politiken in Europa scheiterte am deutschen Egoismus der Regierenden. Zudem zeigt die Krise, dass in der Vergangenheit die Verschuldungsspolitik mancher Staaten zu lax genommen wurde. Auch wurden von Deutschland und anderen die Maastricht-Kriterien immer dann abgeräumt, wenn es innenpolitisch gerade nicht passte. Das rächt sich gerade.
Worum es wirklich geht
Im globalen Massstab ist die zentrale Frage: Finde ich als Staat in Zukunft genügend internationale Geldgeber für meine Schulden? In dieser Perspektive sind die Vereinigten Staaten von Amerika der Gegner im Kampf um Gläubiger und haben zurzeit die Nase vorn. Gigantische Haushaltsdefizite weltweit sind schließlich ständig zu refinanzieren.
Es war vollkommen richtig, Europäische Bonds zu ermöglichen. Der Rest war teilweise Unfug. So ist die Rolle der Zentralbank bei der angestrebten Lösung völlig unklar. Weshalb dürfen die Währungshüter auf einmal Wertpapiere auf Ramsch-Niveau akzeptieren? Die Europäische Zentralbank flutet dadurch das Finanzsystem. Dadurch droht mittelfristig die Rückkehr hoher Inflationsraten. Genau das sollte den meisten Bürgern mehr Angst machen als eine virtueller Angriff auf den Euro.
Die EZB will im Kampf gegen die Schuldenkrise und zur Abwehr eines Angriffs auf den Euro durch Spekulanten Staatstitel von Euro-Ländern ankaufen. Interne Kritiker wie der Bundesbankchef Axel Weber fürchten, dass durch die Käufe die Inflation in der Euro-Zone angeheizt wird.
Das Risikoszenario funktioniert so: Bei der nächsten Zinsanhebungsdebatte kommt irgendein Landeschef wie - sagen wir die Kanzlerin aus Deutschland - zu einem Gipfel und verklickert dem Notenbankchef, man wolle keine Rezession riskieren und die Zentralbanker mögen sich die Sache gut überlegen. Die Notenbanker erklären daraufhin die Risiken einer Wachstumsschwäche in Deutschland sei ein Problem für ganz Europa und warten mit Zinsanhebungen länger als erforderlich. Die Schwächung der Notenbank heute schadet Rentnern und denjenigen, die keine Möglichkeiten zur Erhöhung des Einkommens durch aktive Arbeitsmarktaktivitäten mehr haben.
Über schiefe Bilder
Verabschieden wir uns also in diesem(!) Fall vom Bild der bösen Spekulanten. Letztlich erzwingen die Märkte gerade, was Politiker bislang nicht geschafft haben. Und das ist vielleicht sogar gut so.
Am Montag erklärte Angela Merkel, man wolle als eigenen Beitrag die Schuldenbremse wirken lassen. Der Bund muss seine Neuverschuldung deutlich zurückführen. Ab 2016 darf die strukturelle (das bedeutet: um konjunkturelle Effekte bereinigte) Nettokreditaufnahme des Bundes maximal 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Wow.
Diese Ankündigung ist natürlich viel zu wenig auch für Deutschland. Ein wirklicher langfristiger europäischer Beitrag wäre es, die einseitige Exportorientierung des Landes aufzugeben, und die Binnennachfrage hierzulande zu stärken. Wer jetzt immer noch damit wartet, der hat Europa nicht wirklich verstanden und ist schon gar kein guter Europäer.
Bis auf Weiteres gilt: Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel.





