Minuten-Crash erneut betrachtet: Casino Royale 2.0


Der Rauch ist verzogen, der ungläubige Blick auf vergangenen Donnerstag bleibt. Obwohl sich der Markt nach weiteren Abverkäufen etwas stabilisiert hat, ist der Schaden angerichtet. Ausgerechnet zwei der wertvollsten Unternehmen der USA, Procter & Gamble und Apple, wurden zum Spielball von Spekulanten. Binnen Minuten wurde das Vertrauen in das vermeintlich ausgereifteste Finanzsystem der Welt erschüttert. Vor allem sicherheitsbewusste Kleinanleger dürften sich erneut betrogen fühlen.

Es ist wieder so weit: Der Himmel stürzt ein. 998 Punkte hat die Wall Street am vergangenen Donnerstag in der Spitze verloren – den Löwenanteil davon binnen nicht einmal 20 Minuten in den dramatischsten Augenblicken der Wall Street-Geschichte. “Schon jetzt ein Klassiker: James Cramer rettet den Markt“, kommentierte der frühere Merrill Lynch-Analyst Henry Blodget die historische Live-Coverage des Börsencrashs am Donnerstagnachmittag auf CNBC.

Während die Fachwelt weiter rätselt, wie es zum größten Kurseinbruch der Geschichte kommen konnte, steht eines fest: Der Markt ist zurück im Krisenmodus. Ob gerechtfertigt oder nicht, spielt im Moment keine Rolle – die Panik ist zurück mit all ihren animalischen Instinkten. Was die, gepaart mit von Algorithmen getriebenen Handelssystemen, anstellen kann, war in dramatischer Weise auch und gerade bei Blue Chips zu beobachten.

Apple und Procter & Gamble: Jojo mit 50 Milliarden Dollar Börsenwert in 5 Minuten

Buchstäblich in wenigen Herzschlägen stürzten – durch eine konzertierte Aktion oder schlicht technisches Versagen – zwei der fünf wertvollsten Unternehmen der USA in der dramatischsten Art und Weise seit dem 87er Crash ab.

Apple, zuvor mit rund 235 Milliarden Dollar nach Exxon und Microsoft das drittwertvollste Unternehmen der USA, wurde zwischen 14:42 und 14:47 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit von 241 Dollar auf 199 Dollar heruntergeprügelt, um sich ebenso schnell wieder zu erholen und bei 246 Dollar zu schließen – immer noch 10 Dollar schwächer als am Vortag, doch die schienen im Vergleich zum „größten Kursrutsch eines Lebens“ sehr verkraftbar (Cody Willard)

Procter & Gamble: 27 Prozent Volatilität in 58 Sekunden

Den erlebte auch Procter & Gamble, als klassischer Konsumgüterwert mit keiner besonders großen Volatilität noch weniger prädestiniert für wilde Kursbewegungen. Doch die ereigneten sich in denselben Minuten in noch dramatischer Weise: Die Procter-Aktie brach gar von 61 Dollar auf 42 Dollar ein, um sich in bester Jojo-Manier wieder auf 60 Dollar zu erholen. Diesen vielleicht aufregendsten Augenblick der Börsengeschichte kommentiert James Cramer auf CNBC wie folgt.

In nicht einmal einer Minute lauteten die Ticks bei Procter & Gamble:

47 Dollar
45 Dollar
44 Dollar
42,50 Dollar
48,67 Dollar
48,64 Dollar
47,90 Dollar
52 Dollar
53,37 Dollar
55 Dollar
56,51 Dollar
56,39 Dollar
56,35 Dollar
59,51 Dollar
60 Dollar

Sicherheitsrisiko Sicherheit: Ausgestoppt und ausgeknockt

Man muss es in klaren Worten formulieren: Fast 30 Prozent Volatilität in 58 Sekunden – da geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Ob es sich um eine konzertierte Aktion von Hedgefonds handelt oder um einen technischen Fehler oder um das Versagen des sagenhaften „Plunge Proctection Teams“ spielt am Ende für den Kleinanleger keine Rolle. Es gab schlicht keine Plunge Proctection!

Am Ende steht der Kleinanleger, der bereit war, entweder Risiken in Kauf zu nehmen und in Derivate zu investieren, ebenso mit leeren Händen da wie der bewusst sicherheitsorientierte Anleger, der Stop-Loss-Limits eingezogen hat: Knockout-Schwellen wurden in Sekundenschnelle ebenso überschritten wie Limits. Procter-Anleger mit Schwellen bei 60, 55, 50 oder 45 Dollar stehen ebenso mit leeren Händen da wie Apple-Aktionäre, die sich bei 240, 230, 220, 210 oder gar 200 Dollar absichern wollten.

Das Casino Royale lebt weiter

Welcher extreme Wahnsinn hier gespielt wird, beweist ein Blick auf die KGVs: Apple bei 200 Dollar kommt nach Rekordzahlen am Fließband auf diesem Niveau auf ein KGV von 13 – die 43 Milliarden Cash, die 47 Dollar je Aktie entsprechen, noch nicht mal mitgerechnet – das reale KGV läge also bei gerade mal 10! Ebenso bei Procter&Gamble, für das Analysten einen Gewinn je Aktie im laufenden Jahr von rund 4 Dollar voraussagen – günstiger geht es kaum.

Oder doch – wenn auch nur für Sekunden. Keine Frage: „Das waren keine realen Kurse“, wie James Cramer feststellt. Wahrscheinlich werden weder Procter & Gamble noch Apple diese Kursniveaus noch mal besichtigen, selbst wenn der Markt erst einmal in eine Schwächephase einschwenkt, was weitaus wahrscheinlicher ist.

Dass aber Kursschwankungen der wertvollsten Unternehmen in diesem Stil möglich sind, ist das fatalste Signal, das vom vermeintlich ausgereiftesten Aktienmarkt der Welt kommen kann. Nach dem Lehman-Crash stand das von Hedgefonds und Spekulanten an den Rand der Apokalypse gefahrene Finanzsystem vor der Selbstreinigung. Der vergangene Donnerstag, der 6. Mai, beweist: Sie hat nicht stattgefunden. Das Casino Royale lebt weiter. Ausgang offener denn je.

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