Der Minuten-Crash 2010: Der Wahnsinn ist zurück


Nach 15 Monaten der Kurserholung kehrt die Panik an den Markt zurück. Keine Frage: Die Griechenland-Krise bleibt eine erhebliche Belastung, die zum europäischen Flächenbrand geraten kann. Der vollkommen absurde Minutencrash der Wall Street von gestern Abend lässt sich damit indes kaum erklären. Außer Rand und Band geratene Handelssysteme gefährden den Kapitalmarkt.


Das Casino Royale hat wieder geöffnet. Die hässliche Fratze der mit normalen Parametern kaum mehr zu erfassenden Kursausschläge an den Aktienmärkten ist zurück. Ein Kursrutsch von 998 Punkten im Dow Jones – davon der Löwenanteil im Minutentakt, was ist passiert? Ein Attentat auf den Präsidenten? Ein neues 9/11?

Nichts – außer aufgebrachten Athenern live via CNBC, die im Hintergrund auf das Parlament marschieren, als Börsenguru James Cramer im Studio über das Ausmaß des Ausverkaufs philosophiert. Dann passiert das: In irgendeinem Handelsraum dieser Welt wurden vielleicht Millionen mit Milliarden verwechselt. Ein Hedgefunds musste vielleicht liquidieren. Oder computergesteuerte Verkäufe beschleunigten das Börsen-Drama, das in dieser Zuspitzung bis heute nicht da gewesen war.

Das Minuten-Massaker: 20 Prozent und mehr vernichtet

Gegen 20:47 deutscher Zeit ist das größte Massaker der Wall Street-Geschichte nach Punkten perfekt. Die drei großen Indizes der US-Börse stehen tiefrot im Minus – nämlich wie folgt:

Dow Jones: 9869 Punkte – 1010 Zähler oder 9,7 %
S&P 500: 1066 Punkte – 101 Zähler oder 8,7 %
Nasdaq: 2185 Punkte – 218 Zähler oder 9,2 %

Zu diesem Zeitpunkt notieren drei Dickschiffe von Corporate America so tief unter Wasser, wie man es sich noch zu Handelsbeginn niemals vorstellen konnte:

• Apple bricht binnen von nicht einmal zwei Minuten von 240 auf 199 Dollar ein
• Hewlett-Packard stürzt von 49 auf 42 Dollar ab
• Procter & Gamble wird gar von 61 auf 42 Dollar abverkauft

Diese unfassbaren Minuten kommentierte CNBC-Moderator James Cramer  in einem historischen Augenblick des US-Fernsehens wie folgt. Fast reflexartig erholten sich die Kurse, ein immenser Schaden jedoch bleibt – und das nicht nur wegen der 347 Punkte, die am Ende des Tages im Dow Jones verloren gingen.

James Cramer in Rage: “Das sind keine realen Kurse”

Vielmehr dürften viele Händler weitaus mehr Wunden als den tatsächlichen Kursverlust davongetragen haben. Wenn eine einfache Panne bei der Handelsabwicklung einen Kursrutsch von epischem Ausmaß anstellen kann, wie ist es dann um die Handelbarkeit einer Aktie bestellt? Es gibt viele Anleger, die mit Stop-Loss-Barrieren oder Derivaten arbeiten, die durch die offenkundige Kursmanipulation aus ihren Positionen geworfen wurden.

“Das sind keine realen Kurse”, schimpfte James Cramer live bei CNBC zu Recht – und gab die Kaufempfehlung bei einem Kursniveau von 42 Dollar bei Procter & Gamble live zur Primetime. Sekunden später schnellte das Papier wieder auf 48, dann 55, dann 60 Dollar empor. Keine Frage: Die Aktie hätte niemals bei 42 Dollar stehen dürfen. Sie stand dann ja auch schneller wieder 25 Prozent höher. Was aber passiert mit den Anlegern, die Stop-Loss-Marken bei 50 oder 45 eingezogen hätten?

Irrationale Märkte: Nichts aus den Wirren der Finanzmarktkrise gelernt

Der gestrige Handelstag offenbart nicht nur den dramatischen Sentimentwechsel an den US-Börsen zurück in den Krisenmodus – er offenbart vielmehr, dass aus den Wirren der Finanzmarktkrise auch in praktischer Form nichts gelernt wurde. Wenn völlig willkürliche Kursausschläge in diesen Dimensionen möglich sind, erscheint der Gang an den Roulettetisch kurzfristig vielleicht sogar chancenreicher.

“Wir brauchen dringend jemand von der Börsenaufsicht SEC, der die Fahne hisst und den Handel stoppt”, ereifert sich Cramer. „Wenn es in der NFL möglich ist, warum nicht an der NYSE und Nasdaq?“ Als Reaktion auf die dramatischen Kursausschläge entschlossen sich die beiden führenden US-Börsen zur Rücknahme von Trades mit einer außergewöhnlichen Handelsspanne. Kriterium: 60 Prozent unter dem Tageshoch. Ein Witz, ein schlechter.

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