Zum Umgang mit Kommunikationskrisen (Teil II - Katholische Kirche)
Die Kirche steht seit Wochen am öffentlichen Pranger. Immer neue Missbrauchsfälle von Minderjährigen in Deutschland und anderswo werden täglich bekannt. Die Kirchenoberen traten während ihrer bisherigen Krisenkommunikation in so ziemlich jedes vorhandene Fettnäpfchen.
Manchmal muss man sich um Überleitungen keine Sorgen machen. Auf Leute wie DFB-Präsident Theo Zwanziger, der gerne einen ungeschickten Spruch rauslässt, kann man sich diesbezüglich immer verlassen: Kürzlich hatte ich eine Minireihe gestartet, die sich mit drei aktuellen Kommunikationskrisen beschäftigen soll - beim DFB , bei der katholischen Kirche und bei der FDP. Den Anfang machte die Schiedsrichter-Krise beim DFB. Inzwischen hat Theo Zwanziger sich mit einem gewagten Vergleich des DFB-Problems und der Krise bei der katholischen Kirche ein neues Problem eingehandelt.
DFB-Präsident Theo Zwanziger, ohnehin etwas glücklos mit seinen bisherigen Statements und seinem Krisenmanagemnt, wollte die eigene Krise relativieren und kleiner darstellen. Daher verwies er auf die Probleme in der sich die katholische Kirche gerade befindet. Dort geht es um Kindes- und um massiven Vertrauensmissbrauch. Da Manfred Amerell ohnehin noch auf Krawall gebürstet ist, hat er umgehend eine einstweilige Verfügung gegen diesen in der Tat schiefen Vergleich erwirkt.
Aus rein kommunikativer Sicht, verbietet sich ohnehin jeder Vergleich. Das ist ein typischer Fehler von Personen, welche die Tragweite der eigenen Krise nicht richtig verstanden haben. Der Volksmund formuliert dazu treffend: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.
Misslungene Verteidigungsstrategien der Kirchenmänner
Auch Vertreter der katholischen Kirche haben diesen Fehler des schiefen Vergleichs natürlich nicht ausgelassen: Mehrere Vertreter der Kirche verwiesen öffentlich auf andere Missbrauchsfälle bei der evangelischen Kirche oder in Reformschulen. Beides ist genauso schlimm dort, offenbart aber das falsche Denken derjenigen, die solch einen Vergleich anstellen.
Am Anfang hat die Kirche zudem noch auf Gegenangriff gesetzt und der deutschen Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger ein absurdes, eigentlich lächerliches Ultimatum gestellt. Dabei hatte sie nur auf rechtsstaatliche Selbstverständlichkeiten hingewiesen: Der Staat will Fälle von Missbrauch mit seinen Instrumenten verfolgen und die Bischöfe sollen das in einem eigenen Papier zum Umgang mit Missbrauchsfällen beachten.
An diesem Beispiel zeigte sich, dass die Kirche sich immer noch als eigener rechtsfreier Raum versteht, der zum Schutz der eigenen Glaubensgemeinschaft das eine oder andere vertuscht. Die New York Times berichtet in Amerika von frühen Warnungen vor pädophilen Priestern. Dieser Hinweis soll zehn Jahre später - bereits 1962 - den Vatikan erreicht haben. Geschehen ist seither wenig. Die New York Times hat ein eigenes, mehrseitiges Archiv angelegt zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche in den USA. Die Institution Kirche ist offensichtlich lernresistent, was die Krise in der modernen Medienwelt - mit seinen zahllosen Wiederholungen - zu einem dauerhaften Problem für sie machen dürfte.
Inzwischen sind die geschilderten Fälle aus der Vergangenheit hierzulande derart viele geworden, dass kaum jemand noch von Einzelfällen reden kann: Da sind jetzige Würdenträger, die Kinder geschlagen haben sollen, zahlreiche vertuschte Missbrauchsfälle in der Vergangenheit und ein antiquierter, inakzeptabler Umgang mit den Tätern.
Typisch für misslungene Verteidigungsversuche sind auch Medienschelten. So wurde der Süddeutschen Zeitung eine Kampagne gegen den Papst vorgeworfen. Solche Verteidigungsmaßnahmen scheitern immer, da sie genau das Gegenteil bewirken und zu mehr Rechercheaufwand anstacheln.
Hilflos klang auch ein Bischof, der zu Beginn der Krise das Internet und andere moderne Medien mit ihren Verlockungen als Teilursache für Missbrauch anführte. Böswillig interpretiert lässt das Verständnis für Täter erahnen.
Immerhin: Die Kirche hat mit Stephan Ackermann, dem Bischof von Trier, inzwischen einen verantwortlichen, jüngeren Bischof benannt, der Opfern als Ansprechpartner dient und sehr offen spricht. Das ist wohltuend, wenn auch etwas spät. Er setzt auf Transparenz und Schuldeingeständnis. Das klingt nach nicht viel, ist aber ein völlig neuer Ton.
Kritischer beeugt sind die alten Männer der Kirche um ihren obersten Hirten. Der formuliert in einem Hirtenbrief an die Iren und vergisst die Probleme anderswo - so wird es zumindest wahrgenommen. Beten hilft in ihrem Urvertrauen erschütterten Opfern schließlich wenig. Auf der anderen Seite war der Papst für das ansonsten altbackene Kommunikationsmittel “Hirtenbrief” teilweise sehr klar in seinen Aussagen. An die Täter gerichtet formuliert Benedikt XVI: Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, verraten und Ihr müsst Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten.
Zu Ostern 2010 – die Kirche vorm Umbruch?
Im Vordergrund stehen zurzeit Altfälle, die Bischof Ackermann aufarbeitet. Keine einfache Aufgabe für ihn, da er in seiner Funktion die Interessen der Kirche wahrnehmen muss und gleichzeitig den Opfern endlich ein ernsthaftes Interesse entgegenbringen will.
Längst bedroht die aktuelle Krisenentwicklung die Kirche in ihren – nicht nur finanziellen - Grundfesten: Was ist mit dem Zölibat? Klar: Es ist nicht erwiesen, dass der Zölibat für Missbrauchsfälle ursächlich ist. Aber man kann die Sache auch andersrum sehen: Er reduziert das Problem sicher nicht.
Wie steht es mit dem Diskriminierungsverbot? Die katholische Kirche ist die einzige Organisation in Europa, die Jobs unbeanstandet für nur ein Geschlecht ausschreibt. Vor jedem Arbeitsgericht in Europa könnte ein katholische Theologin auf Diskriminierung im Beruf klagen und würde vermutlich Recht bekommen. Die Sache ist einfach nicht mehr zeitgemäß – war es vermutlich nie. Durch die Krise kommen solche und ähnliche Missstände wieder auf die Tagesordnung. Gegner einer konservativen Kirchenführung versuchen die Krise natürlich zu nutzen, um solche Dinge gleich mit abzuräumen. Auch das ist ein typisches Phänomen, das man während vieler Krisen beobachten kann.
Die Kirchenoberen haben zunächst durch Einsatz ungeeigneter Kommunikationsinstrumente die Krise weiter verstärkt. Natürlich ist es keinesfalls einfach ein derart großes Schiff durch stürmische See zu schippern, aber manche kommunikative Folgeprobleme waren sicherlich vermeidbar und sind in der Sache Folge einer jahrzentelangen Strategie des öffentlichen Schweigens.
Es bleibt abzuwarten, ob es der Kirche gelingt, jetzt die Kurve zu kriegen und glaubhaft einen Veränderungsprozess im Umgang mit Missbrauchsfällen in ihrem Herrschaftsbereich zu installieren. Ein offener Dialog mit der Öffentlichkeit gehört in jedem Fall dazu.






