Über Curling, Schach und hinkende Vergleiche


Curling sei Schach auf Eis. Das ist ein hinkender Vergleich, der Schach ehrt und etwas über die Headline-Kommunikation in den Medien aussagt. Einige Hinweise.

In der Berichterstattung über Vancouver kommt eine recht unbekannte Sportart zu mehr Aufmerksamkeit. Das Curling ist ein Eis-Teamsport mit vier Spielern, die abwechselnd Steine in die Nähe eines Zielbereichs bugsieren müssen. Dabei setzen sie verschiedene Techniken und auch »Schrubber« (Curler bevorzugen »Wischer«) ein, um gewünschte Bewegungseffekte der anderen Steine zu erzielen und Punkte im Haus zu sammeln. Das Spiel ist sehr spannend und die Spieler benötigen allerlei taktische und konditionelle Fähigkeiten. Vom Spielablauf erinnert das Spiel stark an Boule oder Boccia. Dabei tut man den Curlern sicherlich etwas unrecht, da ihr Spiel mehr taktische Elemente beinhaltet.

Über das Taktik- und Strategiespiel Schach

Der beliebte Vergleich mit Schach, den auch Curler verwenden, hinkt an verschiedenen Stellen: Schach ist ein sehr komplexer Individualsport. Das lässt sich schon anhand einiger mathematischer Übungen nachweisen. Im ersten Zug hat der Weißspieler 20 Zugmöglichkeiten, wovon etwa ein Viertel einigermaßen sinnvoll ist. Der Schwarzspieler kann im ersten Zug mit ebenso vielen Zügen antworten. Damit ist die Zahl der möglichen Stellungen schon nach zwei Halbzügen auf 400 Positionen angewachsen. In der Spielpraxis von erfahrenen Schachspielern kommen etwa 40 davon genügend ausreichend häufig vor, um genauer betrachtet zu werden.

Danach entzieht sich die Komplexität schnell Berechnungen, weswegen die Brut-Force-Methode, dabei wird stumpf aller Unsinn berechnet, der ersten Schachcomputer nicht wirklich erfolgversprechend war. Der Mensch ist mit Logikverknüpfungen einfach schneller. Inzwischen benutzen Schachcomputer intelligente Algorithmen und vorhandenes Wissen. Normale Schachspieler haben gegen starke Computer daher längst keine Chance mehr. Schach ist also deutlich komplexer als Curling, wenn man auch die Möglichkeiten im Curling nicht berechnen kann.

Beim Schach haben die Steine zudem unterschiedliche Bewegungsmöglichkeiten, was beim Curling so nicht vorkommt. Dort erhalten die Steine durch die Spielweise unterschiedliche Funktionen. Zudem ist das Ende des Spiels durch das Spielen des letzten Steines abzusehen. Beim Schach gibt es kein aktionsbedingtes, sondern nur ein spielbedingtes Ende: Man wird schachmatt gesetzt oder gerät in eine hoffnungslose Situation, wobei der Zeitpunkt des Spielendes weitgehend offen ist und von der Spielstärke der beteiligten Kontrahenten abhängt.

Wer beim Curling von Strategie spricht, der übertreibt den Vergleich der Spiele - ohne den Curlern damit zu nahe treten zu wollen.

Vergleiche  dienen der leichteren Einordnung

Schachspieler sollten sich über den Vergleich mit Curling nicht grundsätzlich beschweren, denn dieser Vergleich soll Curling aufwerten und erreicht das gleichzeitig für den Schachsport, der als Referenz, neudeutsch Benchmark, verwendet wird.

Anders ist das beispielsweise bei oft abwertend gemeinten Vergleichen von Schach und Fußball. Als »Rasenschach« werden von Berichterstattern Fußballspiele bezeichnet, bei denen die Akteure weitgehend in ihrem taktischen Konzept verharren und der laienhafte, also 99,9 Prozent der Zuschauer zu wenig Aktionen sieht. Zwar sind die Trainer dann oft zufrieden, aber die Medienvertreter und manche Beobachter schimpfen. Und Schachspieler ärgern sich über ignorante Moderatoren.

Wir müssen nicht immer alles vergleichen und auf- oder abwerten, um Informationen nur möglichst einfach zu konsumieren. Sondern wir sollten uns manchmal auch in diesen Turbozeiten die notwendige Muße gönnen, Dinge zu verstehen und beispielsweise die Schönheit mancher Sportarten an sich zu erkennen.

Curling ist Curling, Schach ist Schach und beides macht den Akteuren vermutlich Spaß. Darauf kommt es an.

Kommentare


Mathias Mandt

26 Februar 2010 um 05:02

Und ich dachte immer, irgendein Gehirnakrobat hätte endgültig festgestellt:

“Fußball ist wie Schach. Nur ohne Würfel.”

Wer den Fehler in diesem Vergleich findet, darf ihn gegen andere benutzten.

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