Aktien - das verlorene Jahrzehnt


Vor genau einer Dekade stand der Dax30 bei 6.958 Punkten. Jetzt sind es 5.957 Punkte. Das sind rund 1.000 Punkte oder etwas mehr als 14 Prozent weniger. Für einen Langfristanleger ist das eine Katastrophe. Denn obendrauf muss er bei vielen Kapitalanlagen auch noch üppige Gebühren zahlen. Zeit zum Bilanzziehen.

Die Schlaftablettenstrategie nach Kostolany funktioniert schon längst nicht mehr. Eine Erfolg versprechende Geldanlage schichtet stattdessen aktiv Kapital um und zwar zwischen Assetklassen und Anlagestrategien. Und: zwischen risikoreicher und risikoärmer. Natürlich gibt es auch Gewinner-Anlageklassen, wie Rohstoffe, aber diese waren vor zehn Jahren gar nicht so einfach identifizierbar. Rohöl kostet beispielsweise heute währungskorrigiert aus europäischer Sicht etwa das Doppelte wie vor zehn Jahren.

Es gibt kaum eine Branche, die so viele Statistiken aufweist wie die Finanzwelt. Leider sind die meisten Statistiken - auch die von Wissenschaftlern - völlig nutzlos für Anleger und teilweise reine Willkür. Denn mit dem Betrachtungszeitraum fängt die Manipulation an: Hätte ich heute einen Artikel über die Erfolgsgeschichte der Aktienanlage schreiben wollen, dann hätte ich vermutlich zuerst erwähnt, dass der Dax30 (Performanceindex) am 31. Dezember 1987, also vor 23 Jahren, mit 1.000 Indexpunkten gestartet ist. Wer damals investiert hätte, der konnte sein Kapital bis heute theoretisch fast Versechsfachen - mit allerlei Schwankungen bis dahin.

Über Musterrechnungen

Meist wird bei Beispielrechnungen vergessen, dass bei der Aktienanlage Gebührenzahlungen die Performance weiter verschlechtern. Um es nicht zu kompliziert zu machen: Bei einer aktiv gemangten Aktienanlage  fallen ungefähr 1,50 Prozent pro Jahr und bei einer passiven Aktienanlage etwa 0,5 Prozent an Kosten an. Nach zehn Jahren fällt die Bilanz der Kapitalanlage also noch deutlich schlechter aus. Genauere Berechnungen berücksichtigen neben den jährlichen Kosten den Ausgabeaufschlag. Dessen Performance-Effekt ist nämlich dramatisch, da er die Basis des Ursprungsinvestments verringert. Ein Anleger in deutschen Standardaktien musste also in der letzten Dekade einen Wertverlust seiner Aktienanlagen von etwa 35 bis 40 Pozent hinnehmen.

Zum Vergleich: Das deutsche Wirtschaftswachstum ist laut offizieller Statistik preis-, kalender- und saisonbereinigt in der letzten Dekade um etwa sechs Prozent gestiegen. Verzichtet man auf die inflationsbereinigten Daten, dann ist heutzutage die Wirtschaftsleistung um knapp 23 Prozent höher als 1999. Finanzanlagen in Unternehmen haben sich also deutlich schlechter entwickelt als die reale Wirtschaft.

Auslandsanlagen

Aber es ging noch schlechter: Hat man auf die Empfehlungen mancher Auguren gehört und international breit gestreut (Stichwort Home Bias), dann gab es allerlei Währungsrisiken zu berücksichtigen, welche die Anlagebilanz besser oder katastrophal schlechter machen konnten. Ende 1999 entsprach ein Euro rechnerisch - den Euro gab es damals nur als Recheneinheit - 1,0046 USD. Heute liegt die Währung als Spotpreis bei 1,4406 US-Dollar. Euro-Anleger im US-Währungsgebiet mussten also im letzten Jahrzehnt einen währungsbedingten Wertverlust amerikanischer Kapitalanlagen von 43,6 Prozent zusätzlich kompensieren. 

Nehmen wir als Beispiel den größten Aktienmarkt der Welt: die USA. Hier greife ich ebenfalls auf den Standardwerte-Index, den Dow Jones Industrial Average (DJIA), zurück. Der Index schwankte im letzten Jahrzehnt in der Range von 6.440, im letzten Jahr(!), bis 14.200. Auf Sicht von zehn Jahren blieb ein Verlust von neun Prozent übrig. Vor genau zehn Jahren notierte der Index bei 11.497 Punkten und liegt jetzt bei 10.428 Punkten.

Addiert man die Investmentkosten hinzu, dann wird einem europäischen Dekaden-Betrachter sicher schlecht: Zehn Jahre Gebühren für die Kapitalanlage, über 43 Prozent an Währungsverlusten und negative Performance der Kapitalanlage summieren sich auf locker und schöngerechnet zwei Drittel. Oder übersetzt: Aus einem Ursprungsinvestment von einer Million Euro in den USA entstanden nach einem Jahrzehnt Verluste von ungefähr 666.000 Euro.

Nicht besser sah es bei Investments in England aus: Das Pfund verlor im letzten Jahrzehnt - bei einigen Schwankungen etwa 41 Prozent zum Euro. Der FTSE 100 Index, der von der Financial Times entwickelte Standardwerteindex, verlor in der letzten Dekade satte 28 Prozent. Ein deutscher Anleger im britischen Standardwerte-Segment kommt bei einer gemangten Aktienanlage also auf einen Wertverlust von sicher mehr als 80 Prozent.

Zum Zeitpunkt und den Grundlagen der Betrachtung hier

Klar: Ich könnte erwähnen, dass der Dow Jones am 26. Mai 1896, damals noch mit zwölf Werten, das Licht der Welt erblickt hat und ein Investor damals mit 40,94 Punkten startete. Wer als Familie also lange genug dabei blieb, der konnte sein Kapital deutlich vervielfachen.

Geschenkt ist auch, dass die Berechnungsmethoden sich seither stark verändert haben. Zunächst begann man mit der Indexberechnung als einfachem arithmetischem Mittel und hat jetzt auf eine performancegünstige Gewichtung umgestellt. Hinzu kommen die Bereinigungen von Verlierer-Aktien. Für jüngere Anleger sind die ganzen langfristigen Zahlenspiele sicher kein Trost, sondern ein weitgehend unwichtiger Blick in die Vergangenheit.

Auch könnte man mir vorwerfen, dass ich vor zwei Jahren deutlich bessere Rechnungen hätte aufmachen können. Aber immerhin haben deutsche Standardwerte im letzten Jahr um ordentliche 20 Prozent zugelegt. Insofern habe ich für meine Betrachtungen nicht einmal den schlechtesten Zeitpunkt ausgewählt. Der runde Dekaden-Geburtstag war die Ursache.

Aber vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich den besseren Performanceindex beim Dax verwendet habe. Dort werden anders als beim reinen Kursindex die Dividenden fiktiv reinvestiert und es kommt zu keinen theoretischen Kapitalabflüssen. Der Dow Jones und der FTSE sind allerdings Kursindizes und daher sind die oben angegebenen Zahlen etwas schlechter ausgefallen, als sie in Wirklichkeit, bei Berücksichtigen von Auszahlungen, sind.

Welche Lehren sind für Anleger aus der letzten Dekade zu ziehen?

Jeder, der sein Geld anlegen möchte, der sollte mit einer Prognose beginnen. Ich will Ihnen hier meine Vorhersage mitteilen: Ich denke, dass die Schlaftablettenstrategie, bei der man beliebig sein Geld anlegt und wartet, nie mehr funktionieren wird. Die Gründe sind: Zum einen entziehen der Staat und noch viel stärker die Finanzbranche dem System ständig Geld. Zum anderen sind Kapitalmarktblasen kaum zu vermeiden in den globalen Kapitalmärkten von heute. Auch sind die Bewegungen auf den Märkten viel kurzlebiger geworden als zu Kostolanys Börsenzeiten. Übertreibungen kommen in die eine oder andere Richtung viel häufiger vor. Die meisten Kapitalmärkte dürften im nächsten Jahrzehnt insgesamt seitwärts weiterlaufen. Ob wir gerade im Aufschwung oder wieder im Abschwung sind, ist eine Frage der zeitlichen Perspektive und nichts anderes.

Wer sein Geld langfristig anlegen will, der muss es wohl zeitweise je Assetklasse übergewichtet tun und dabei ein einigermaßen ordentliches Timing beweisen. In einem Jahr sind Rohstoffe die beste Anlageklasse, manchmal sind es wieder internationale Aktien, dann deutsche Standardwerte, manchmal Schrottanleihen und gelegentlich sind es Staatsanleihen, Immobilien oder gar Festgeldanlagen.

Was also ist zu tun?

Zunächst: Halten Sie es am besten mit Winston Churchill und trauen Sie keiner Statistik, schon gar nicht den langfristigen, die sie nicht selbst gefälscht haben. Mit vielen Zahlenreihen kann man wirklich alles machen und beispielsweise so sinnlose Berechnungen anstellen, wie viele positive und negative Monate es an den Aktienbörsen seit Jahrzehnten gab.

Richtig ist eine Strategie, die auch kleine Gewinne mitnimmt und Kapital keinen zu großen Schwankungen aussetzt. Gute Kapitalanlagen definieren Risiko als Differenz vom Hoch und begrenzen die Verluste rechtzeitig. Auf die Regelmäßigkeit von Gewinnen kommt es an: Wer in den letzten zehn Jahren einen jährlichen Wertzuwachs von mageren 3,5 Prozent erzielen konnte, der konnte seinen Kapitalwert im letzten Jahrzehnt um 41 Prozent steigern. Davon gingen freilich 16 Prozentpunkte durch Inflation verloren, aber er schrieb immerhin ein Kaufkraftplus von einem Viertel.

Achten Sie verstärkt auf die Strategie ihrer Kapitalanlagen und weniger auf die Begleitgeräusche in der Medienlandschaft. Modeprodukte haben eine meist kurze Haltbarkeit und dienen kaum zum langfristigen Kapitalaufbau.

Achten Sie auf die Motivation ihres Beraters. Wer Provisionen für den Abschluss erhält, der berät nicht automatisch falsch. Aber er folgt den falschen Anreizen. Wer Honorarberatung anbietet, dessen Empfehlungen sind nicht automatisch besser. Aber: Die Motivation bei Honorarberatern ist in Ihrem Interesse und nachhaltiger konzipiert.

Erfolgreiche Kapitalanlage ist sicher in den aktuellen Zeiten kein Kinderspiel, aber auch nicht unmöglich. Man muss nur die Zeichen der Zeit einigermaßen frühzeitig erkennen und entsprechend handeln. 

In dem Sinne: Machen Sie etwas aus dem nächsten Jahrzehnt.

Einen Kommentar schreiben