Apple: Das Unternehmen des Jahrzehnts
Während das Börsenjahr 2009 allmählich auf die Zielgerade geht, wird es Zeit, Bilanz zu ziehen. Lange bevor die endgültigen Schlusskurse aufleuchten, ist eines längst klar – die größte Comebackstory des Jahrzehnts wurde in Cupertino geschrieben. Nicht umsonst wurde Steve Jobs jüngst vom „Fortune“ Magazine zum „CEO des Jahrzehnts“ gewählt – sein Unternehmen, Apple, ist es allemal wert.
Es gibt Geschichten, die die Wirtschaftswelt und damit immer auch die Aktienmärkte schreiben, die zu wundersam erscheinen, um wahr zu sein. Die vermutlich glamouröseste der vergangenen zehn, zwölf Jahre nahm im kalifornischen Cupertino ihren Lauf und geht so: Ein fanatisch verehrter Computer- und Softwarekonzern, der dank seines besessenen CEO in den 70er und 80er Jahren aufgestiegen war und dann verhängnisvolle Fehler gemacht hatte, stand in den 90er Jahren vor dem Abgrund.
Der einstige Gründer war längst gefeuert, und seine Nachfolger an der Konzernspitze hatten eine Fehleinschätzung nach der anderen zu verantworten, die den Kultkonzern buchstäblich kurz vor die Zahlungsunfähigkeit geführt hatten. Man kennt die Situation hundertfach aus der Welt des Sports – oder sogar aus dem Liebesleben: In einem Anflug nostalgischer Gefühle besinnt man sich auf das Ursprüngliche.
So auch geschehen bei Apple, dem Dino der Computerbranche, der zwei Jahrzehnte nach seiner Gründung 1997 die besten Jahre bereits gesehen zu haben schien. Dann kam Gründer Steve Jobs zurück und machte ein fast handlungsunfähiges Unternehmen binnen rund eines Jahrzehnts zum zweitwertvollsten Technologiekonzern der Welt, der heute bei einem Börsenwert von fast 190 Milliarden Dollar nur noch ein Unternehmen vor sich hat – den einstigen Rivalen Microsoft.
Auch wenn Google, der ganz große Aufsteiger der Dekade, sich in den letzten Wochen in der Marktkapitalisierung noch ein paar Milliarden vor Apple schieben konnte – die Nullerjahre, dieses enorm problematische Jahrzehnt an den Aktienmärkten, ist das Jahrzehnt des Steven P. Jobs, der nicht nur ein Technologie-Unternehmen zum zweiten Leben erweckte, mit dem iPod und dem iPhone zwei der bedeutendsten technologischen Innovationen der vergangenen Jahrzehnte schuf – sondern dem selbst noch ein zweites Wunder vergönnt war: Dem Bauchspeicheldrüsenkrebs zu entkommen und die anschließende Lebertransplantation zu überleben. Keine Frage: In diesen zehn Jahren erlebte Apple und sein mythisch verehrter CEO mehr Meilensteine als den meisten Großkonzernen in ihrer Unternehmensgeschichte.
1997: Die Stunde Null beim Apple
Rückblende ins Jahr 1997, als Apple einen Milliardenverlust melden musste und bestenfalls noch als Übernahmekandidat gehandelt wurde: Nach massivem Missmanagement und einem heute unvorstellbaren Überangebot an Computermodellen stand der Erfinder der PCs wenige Quartale von der Insolvenz entfernt.
Steve Jobs, der geniale wie cholerische Unternehmenslenker, verordnete dem Silicon Valley-Pionier eine Radikalkur. Die insgesamt über 40 Apple-Produkte, die sich oft nur in Nuancen – vom Performa 5200 CD bis zum Performa 5220 CD – unterschieden, wurden radikal gestrafft, andere Unternehmenssparten wie das Druckergeschäft oder der erste PDA Newton ersatzlos gestrichen. Was Steve Jobs wollte, war eine klar erkennbare Linie: Einen Mac für professionelle Anwender (G3) und einen Mac für jedermann, der als bunter iMac der erste große Erfolg in der Turnaround-Story des Bob Dylan-Fans werden sollte.
Das war der hoffnungsvolle Anfang, der mit dem Millenniumscrash auf eine harte Probe gestellt wurde. Die Apple-Aktie, die sich nach Jobs’ Rückkehr spektakulär von 3,50 auf fast 35 Dollar verzehnfacht hatte, stürzte ebenso so dramatisch wieder ab. Auf dem Höhepunkt des Bärenmarktes 2000 bis 2003 waren die Papiere wieder bis auf 7 Dollar eingebrochen. Das war im Frühjahr 2003. Knapp sieben Jahre später notiert die Apple-Aktie auf dem höchsten Stand der Unternehmensgeschichte – bei unglaublichen 209 Dollar, gerade frisch am Donnerstag aufgestellt. Ein Hollywood-reiferes Ende hätte für den größten Disney-Aktionär Steve Jobs kaum geschrieben werden können.
Größter „Halo“-Effekt der Technologiebranche: iPod-Hörer werden zu Mac-Käufern
Tatsächlich ist das, was in den Jahren zwischen der letzten und dieser Rezession passierte, nicht weniger als ein Stück moderner Wirtschaftsgeschichte. Fast unbemerkt und von der Öffentlichkeit zunächst belächelt, stellte der Apple-CEO im November 2001 dem traumatisierten Post-9/11-Amerika einen digitalen Musikplayer vor, der zunächst fast so massiv wie ein Walkman aussah – nur dass er 1000 Songs fasste.
Fast zwei Jahre brauchte es, bis die Lifestyle-Welt den immer kleineren und immer cooleren MP3-Player für sich entdeckte: Madonna joggte mit ihrem iPod, David Beckham tat es – und bald jeder, der etwas auf sich hielt und sich schon immer mit der coolsten Marke der Computerbranche schmücken wollte, die plötzlich für jedermann erschwinglich geworden war.
Was folgen sollte, war der größte „Halo“-Effekt der Technologiebranche: Wer einen iPod besaß, wollte plötzlich das dazugehörige Endgerät, mit dem er seine Musik am angenehmsten synchroniseren konnte – einen iMac oder ein iBook, das bald zum MacBook aufstieg und sich ebenfalls endlich in konkurrenzfähigen Preisniveaus bewegte. Der nächste Coup griff 2006 die PC-Welt an: Jobs rüstete die Macs auf Intel-Chips hoch, mit der Folge, dass der – wer wollte – nun auch Windows auf seinen Macs laufen lassen konnte. Die Macintosh-Sparte erlebte in den Folgejahren einen rasanten Umsatzsprung.
Schock vor einem Jahr: Wirtschaftskrise und Jobs’-Auszeit lassen Apple-Aktie abstürzen
Doch Jobs gelang es noch einmal, sich zu übertreffen. Mit dem ersten Smartphone, das tatsächlich das Internet in die Westentasche brachte, revolutionierte Apple die verkrustete Mobilfunkbranche – das iPhone veränderte tatsächlich alles, wie die TV-Werbung so selbstbewusst verkündete: die Nutzungsgewohnheiten der User und sogar die Firmenpolitik Apples. Tatsächlich sprang der „Control Freak“ Steve Jobs über seinen Schatten und führte mit dem „App Store“ die erstaunlichste und vielleicht sogar wichtigste Neuerung in der Geschichte Apples ein – jeder Software-Entwickler konnte plötzlich für Apples Betriebssystem, das vorher jahrzehntelang wie ein Hochsicherheitstrakt abgeschottet wurde, Kleinstprogramme schreiben, die das iPhone auf Jahre zum überlegenen Smartphone machen dürften.
Und dann, auf dem vermeintlichen Höhepunkt, schien es plötzlich, als sollte die mirakulöse Comebackstory ein jähes, grausames Ende nehmen: Steve Jobs wurde immer dünner und kündigte plötzlich eine halbjährige Auszeit an. Die notorisch geschwätzige Branche war sich sicher: Der Krebs war zurück, Jobs wäre zumindest nicht mehr arbeitsfähig, was noch die sachlichste Wiedergabe der Gerüchtelage vor rund einem Jahr war. Dazu dann die größte Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren – zu viel für die Apple-Aktie, die binnen weniger Monate vom Rekordniveau bei 200 Dollar auf 80 Dollar durchgereicht wurde.
AAPL: One more thing…
Doch es gibt dieses amerikanische Sprichwort, das so gerne zu jeder halbwegs passenden und vor allem ungeeigneten Gelegenheit verwendet wird – it ain’t over ‚til it’s over. Wie wohl selten zuvor passte das Idiom zu Apples letztem Geschäftsjahr der laufenden Dekade: Der Glanz war noch nicht ermattet, er kehrte vielmehr strahlender zurück als je zuvor: Alle drei Monate wurde ein neues Rekordquartal verkündet, das iPhone verkaufte sich besser als zur Einführung oder noch vor einem Jahr erwartet worden war, die teureren Macintosh-Computer waren auch in der Rezession gefragt, die iPod-Absätze brachen nicht ein, wie von Kannibalisierungs-Theoretikern heraufbeschworen, und Steve Jobs nahm tatsächlich Ende Juni seine Arbeit wieder auf.
Während die letzten Tage der Dekade, die der SPIEGEL ein “verlorenes Jahrzehnt” nennt, hereinbrechen, stehen die Dinge in Cupertino besser denn je: Apple ist so gut aufgestellt wie nie zuvor, so begehrt wie nie zuvor, verfügt mit 34 Milliarden Dollar über einen so prallen Cash-Speicher wie nie zuvor – und an der Schwelle zum neuen Jahrzehnt über einen CEO, der der Technologiebranche schon im Januar das geben könnte, was längst rund um den Erdball zu den meisterwarteten drei Worten einer Firmenpräsentation geworden ist: das „One more thing“ in Gestalt des nächsten großen Wurfs – des TabletMacs, der auf den Namen „iSlate“ hören könnte.
Doch neben dem Kult um die Apple-Produkte ist da noch diese andere Sache – die Apple-Aktie. Kaum eine andere Aktie hat ihren Anteilseignern in den vergangenen zehn Jahren eine solche Rendite beschert wie das an der Technologiebörse Nasdaq gelistete Wertpapier namens AAPL: Aus 25 Dollar am 31.12 1999 wären 209 Dollar bis heute geworden – mehr als 800 Prozent Plus einem Jahrzehnt, in dem Dow und Dax zweistellig unter Wasser liegen – das ist mehr als nur eine Sache…






