Zur Finanzkrise: Was ist eigentlich Leistung?


Die Finanzkrise offenbart Probleme beim Messen von Leistung. Ihr Zollstock ist der Finanzbranche vor langer Zeit schon abhanden gekommen. Das ist eine Teilursache der aktuellen Finanzkrise.

Betrachtet man die Aktienmärkte als ein geschlossenes System, dann handelt es sich hierbei um ein Umverteilungsspiel. Anleger kaufen und verkaufen Aktien, um ihre Erwartungen auszudrücken. Der Käufer hofft auf steigende, der Verkäufer erwartet fallende oder gleichbleibende Kurse. Es gibt mehr Gewinn als Verlust in dem weltweiten Spiel solange die Kurse insgesamt steigen und nicht zu viele Spielteilnehmer aussteigen wollen. Regelmässige Kapitalabflüsse aus dem System organisiert die Finanzbranche, aber auch der Staat, der völlig zu Recht seine Steuern erhebt.

Der eigentliche Sinn der Aktienbörsen besteht darin, dass man Unternehmen die Möglichkeit eröffnet, Kapital zu sammeln und damit eine unternehmerische Tätigkeit zu fördern. So verstanden sind Börsen ein Ort, um Kapital für allerlei Projekte einzusammeln. Leider erfüllen viele Aktienbörsen ihren ureigensten Zweck längst nicht mehr. Die Gründe sind vielschichtig und die Finanzbranche ist kollektiv betrachtet einer der Hauptschuldigen dabei.

Anfang des Jahrtausends hatten wir die New Economy mit ihren Auswüchsen. Damals brachten Finanzunternehmen allerlei unreife Unternehmen an die Börsen. Das wussten die Banker, aber ihnen war das kurzfristig zu verdienende Geld eben wichtiger. Die fatale Logik mancher denkschwacher Liberaler lautet: “Mache ich es nicht, macht es ein anderer”. 

Damals verdienten viele Finanzspezialisten mit dem Organisieren der Börsengänge von Biotech- und Internetunternehmen gutes Geld und fragten natürlich nicht nach einer höheren Logik ihres Treibens. Welcher Schaden damals und heute angerichtet wurde, zeigt sich aktuell: In Deutschland gibt es das Instrument des Börsenganges praktisch nicht mehr. Zumindest im seriösen Sektor, dem regulierten Markt, sind IPOs inzwischen singuläre Ereignisse.

Der Maßstab für den Finanzmarkt

Zugegeben: Es ist nicht Aufgabe von Unternehmen oder Banken, das Gesamtsystem zu schützen, aber es ist Aufgabe des Staates, die Mutwilligen im System zu bestrafen und Anreize für verantwortungsvolleres Handeln zu setzen. Denn eine richtig verstandene Leistung bemisst sich auch an gesellschaftlicher Verantwortung der handelnden Unternehmen und Einzelakteure. Diese muss nur irgendwie organisiert oder verordnet werden. Niemand hat das Recht, unsere Umwelt zu zerstören oder das Finanzsystem zu mißbrauchen. Umwelt und Finanzmarkt sind ein öffentliches Gut und der Staat hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht schützend einzugreifen.

Besonders ärgerlich sind tektonische Veränderungen an den Devisen- und Rohstoffmärkten, denn hier wird die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen direkt berührt. Warum wird eigentlich reinen Finanzspekulanten der Ankauf von Kontrakten auf Rohölpreise erlaubt? Warum dürfen Finanzspekulanten den relativen Wert ganzer Ernten mancher Entwicklungsländer verschieben? Die Antwort ist: Sie sollten es eigentlich nicht dürfen, aber die moderne Finanzindustrie bastelt ständig an neuen Waffensystemen herum. Ausgestattet sind diese Waffen mit Kapitalhebeln (Krediten), was die Sache nur verschlimmert.

Als Leistungen getarnt: Reine Finanzspekulationen

Statt neue Finanzierungsmöglichkeiten für die Unternehmen zu entwickeln, hat die Finanzbranche in Deutschland in den letzten Jahren allerlei Spielprodukte auf den Markt gebracht. Zu den Hochzeiten der Deutschen Derivate Branche gab es laut Branchenangaben über 300.000 verschiedene Produkte. Das ist aus Anlegersicht natürlich gruselig.

Produktinnovationen in der Finanzbranche bringen Geld für die Initiatoren, nützen aber der Realwirtschaft herzlich wenig. Verwendet man den Maßstab für Börsengänge, also das Einsammeln von tatsächlichem Risikokapital, dann war die Leistung der Finanzbranche in den letzten Jahren - auch hier in Deutschland - praktisch nicht mehr existent. Stattdessen wurden Preisblasen durch M&A-Aktivitäten gefördert, auch hierbei entstehen bekanntlich keine Werte, sondern manchmal handfeste Probleme, wie wir am Beispiel der Übernahmeversuche von Conti durch Schaeffler sehen konnten.

Der Deutsche Derivate Verband ist jedenfalls stolz auf sein Wachstum, kann aber wohl kaum nachweisen, welchen Beitrag die angebotenen Produkte seiner Mitglieder zum Wirtschaftswachstum “außerhalb” der Finanzbranche beigetragen haben. Eine ehrliche Analyse würde ergeben, dass das dort eingesammelte Geld an anderen Stellen in der Volkswirtschaft einen deutlich produktiveren Beitrag leisten könnte. Das dürfte auch für Steuersparkonstruktionen gelten, die Anlegern als Finanzprodukt mundgerecht angeboten werden. Kreditderivate sind ebenfalls recht nutzlose Produkte und zwar weniger wegen ihrer Grundidee, sondern wegen ihrer tatsächlichen “asozialen” Einsatzmöglichkeiten.

Verstörend ist schon der öffentliche Umgang mit schlechten Finanzprodukten: Werbung für Alkohol und Tabakwaren ist aus guten Gründen reguliert. Derivative Finanzprodukte dürfen unbegrenzt beworben werden. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Zertifikate (ohne Kapitalhebel), aber den ökonomischen Nutzen vieler dieser Produkte muss die Branche endlich nachweisen, ansonsten sind steuerliche Vorteile für Finanzinnovationen nicht gerechtfertigt, sondern Steuernachteile angemessen. Die Mehrheit von Unternehmen und Privaten bittet die Finanzbranche ohnehin seit Monaten kräftig zur Kasse. Oder wie soll man die hohen Sollzinsen im Vergleich zu den Leitzinsen auf Rekordtief bewerten? Letztlich wird der Finanzsektor via Margenausweitung zurzeit wieder aufgepeppelt.

Eine peinliche Randnote ist: Unter den Mitgliedern des Deutschen Derivate Verbandes sind ausgerechnet Landesbanken, die seit Monaten beweisen, dass sie selbst alles Mögliche können, aber Risiko managen gehört offenkundig nicht dazu. Gerade beim Hantieren mit Derivaten müssen Anleger erfahren sein und risikobewusst agieren. Landesbanker und andere Institute verkaufen also für jedermann sichtbar Produkte, die sie selber nicht verstehen und die Warren Buffet treffsicher vor sechs Jahren schon als “finanzielle Massenvernichtungswaffen” bezeichnet hat.

Leistung heißt in der Finanzbranche Umverteilung

Die Branche, die ständig von anderen Leistungen fordert, muss erstmal selbst leisten. Und hier sind wir beim zentralen Thema: Worin besteht die Leistung der Finanzbranche? Was sind Produkte wert, die keinen volkswirtschaftlichen Nutzen bringen und einzig zu dem Zweck existieren, die unproduktive Umverteilung von der Realwirtschaft in den Finanzsektor zu organisieren?

Eindeutig: Gar nichts.

Die Finanzbranche ist die größte Umverteilungsmaschinerie in der Welt. Da wird von naiv zu clever und von unbedarft zu skrupellos umverteilt. Oder von den ärmeren Ländern zu den reicheren Ländern und von überforderten Marktteilnehmern zu US-Universitäten. Wer so will: Die gelobten US-Universitäten verwalten Milliardensummen und verdienen ihr Betriebskapital durch Zocken mit schlechteren Geldmanagern. Das ist eine ganz spezielle Form der Globalisierung, die inzwischen sogar in den USA in die Kritik geraten ist.

In dem Zusammenhang sollten Sie mal Ihren Bankberater oder Ihren Lieblings-Liberalen fragen, wo diese den größten Umverteilungsmechanismus vermuten: Ich wette, dass man Ihnen ohne zu zögern den Staat als Hauptverdächtigen nennt.

Aufgabe der Finanzbranche definieren

Die Finanzbranche ist erkennbar zu groß geworden. Ihr Wachstum ist für die Realwirtschaft längst nicht mehr hilfreich, sondern eher kontraproduktiv. Die Branche bietet inzwischen zu viele Produkte an, die man im Spielkasino oder bei seinem Buchmacher mit einem höheren Spaßfaktor erhält.

Eigentlich ist das schade, denn die Finanzbranche hätte stattdessen haufenweise Aufgaben zu erledigen in Zeiten der Globalisierung: Dazu gehören wirksame und günstige Produkte zur Währungsabsicherung, Versicherungen für reale Geschäfte gegen Forderungsausfälle und die Vergabe von Krediten an Private und Unternehmen. Aber das macht natürlich weniger Spaß und ist weniger lukrativ als sich beispielsweise Kommunen als nützliche Idioten heranzuziehen, die unter Anleitung eben dieser Banker mit komplexen Swap-Konstruktionen auf Risiko der Gebietskörperschaften hantieren.

Echte Leistungen von Finanzmarktteilnehmer bestehen im Ausgleichen von allerlei Kapitalmarktschwankungen, Beschaffen von Investitionskapital für die Realwirtschaft oder in kontinuierlichem Kapitalaufbau durch echte Management-Leistungen bei der Vermögensverwaltung.

“Nicht ein einziges neues Produkt aber sollte den Finanzmarkt sicherer machen. Und wenn solche Ideen aufkamen, haben sie die auch noch mit allen Mitteln bekämpft.” So vernichtend formulierte Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Ökonomie aus dem Jahr 2001, schon vor mehr als einem Jahr über die Leistungen in der Finanzbranche.

Die Ohnmacht der Politik

Im politischen Raum gibt es viele Vorschläge für Veränderungen: Einführung einer Börsenumsatzsteuer, einer Finanzmarkttransaktionssteuer und das Verbot von Leerverkäufen gehören zu den gut gemeinten Vorschlägen. Dennoch wirken manche Akteure im politischen Raum eher hilflos: Banker strafzubesteuern ist in London zumindest zurzeit populär. Sicherlich schadet eine Sonderabgabe für besonders gut verdienende Händler in London kaum. Ein nachhaltiger Beitrag zur Problemlösung ist hierin allerdings auch nicht zu sehen, denn längst dürften Top-Anwälte für Spitzenhonorare an Umgehungslösungen arbeiten. Besser ist es ohnehin, die Bonussysteme auf nachhaltigeren Erfolg umzustellen. Allerdings löst auch dieser Ansatz nicht das Grundphänomen, dass die Finanzbranche zu viel Kapital ohne echte volkswirtschaftliche Zusatzleistung absorbiert und innerhalb des eigenen Systems lediglich später umverteilt.

Der Staat wird sich die Aktivitäten der Banker viel genauer anschauen und allerlei Unfug durch Ge- und Verbote neu ordnen müssen. Verständige Banker sollten derweil eine Diskussion über ihr eigenes Selbstverständnis führen. Sie würden herausfinden, dass es in ihrem im besten Eigeninteresse so jedenfalls nicht weitergehen darf.

Hoffnung macht: Bei den Bankern gibt es viele unzufriedene Mitarbeiter, die ihren Kunden echte Beratungsleistungen anbieten wollen, statt Spielprodukte verkaufen zu müssen. Gelingt es Politikern und anderen hier Allianzen zu bilden, dann ist die notwendige Revolution in den Köpfen möglich. Jeder kann den Bankern an den Schaltern erklären, dass die Zocker in ihren Instituten mit deren Arbeitsplätzen spielen. Die eigene Leistung schützt niemanden in der Branche bei der nächsten Finanzkrise vor Arbeitslosigkeit. Ein flotteres Umdenken der Akteure wäre allemal besser als jeder Versuch Teilbereiche effektiver zu regulieren.

Angesichts der Produktpolitik in der Finanzbranche und der manigfachen Probleme, die von der Branche weltweit mit verursacht wurden, scheint der Werbespruch eines deutschen Bankhauses, das ”Leistung aus Leidenschaft” anbietet, übrigens ziemlich zynisch zu klingen. Das passt zum Spruch einer Partei, die “Leistung muss sich wieder lohnen” plakatiert und die Definition von Leistung bislang immer schuldig geblieben ist.

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