Börse paradox: Beständig daneben


Während das Börsenjahr 2009 allmählich auf die Zielgerade geht, werden nicht wenige Anleger immer heftiger mit dem Kopf schütteln. An den Aktienmärkten kam nämlich wieder einmal alles anders, als viele dachten. Weder der harte Frühjahrseinbruch noch die anschließende Rallye sind von Experten richtig prognostiziert worden – wie fast immer.

Es ist schon ein Kreuz mit der Börse: Ewig locken die wilden Kursausschläge, die Millionen von Anlegern seit Jahrhunderten vom Reichtum träumen lassen, doch kaum einer sieht sie kommen. Das gilt bekannterweise in beide Richtungen – nach oben wie nach unten.

Wie viele Marktexperten gab es schließlich, die die Dimensionen des Lehman-Crashs vor mehr als einem Jahr richtig erkannt hatten? Und im Gegenzug wie viele, die die Bodenbildung in diesem Frühjahr richtig identifiziert haben? Erinnern wir uns: Die Beschwörung des Weltuntergangs, zumindest der Finanzbranche, füllte in den ersten Monaten des Börsejahres beständig die Gazetten und Internetportale.

Ein Dreivierteljahr später sind die Mahner nicht leiser geworden und führen tatsächlich nachvollziehbare Argumente an: Die enorme Staatsverschuldung der USA, die bestehenden Systemrisiken der Finanzindustrie, die nicht ungefährliche Niedrigzinspolitik der Fed, die auf Dauer die nächsten Blasen verursachen werden – usw., usf.

Ergebnis jedoch: Die Märkte scheren sich nicht um die mahnenden Stimmen und laufen wieder einmal weiter, als viele dachten. Die 10.000-Punktemarke im Dow Jones, die noch im Sommer von einem Börsenexperten kaum für realistisch gehalten wurde, wurde längst nachhaltig passiert. Auch der Dax nimmt schon wieder Kurs auf Niveaus, die in den dunklen Märztagen noch wie aus einer anderen Zeit erschienen waren. Bei schon wieder 5800 Punkten notiert der Dax bereits: 1000 Punkte besser als noch Ende des vergangenen Jahres – und gar mehr als 2200 Zähler besser als im März.


Verfehlte Star-Prognosen: “Verkaufen Sie, gehen Sie short bei allem über 8000 Punkten im Dow”

Verstehen kann diese Rallye kaum jemand von den hoch bezahlten Marktexperten.
Die Börsen kommen mächtig unter Druck, warnte etwa unlängst wieder der Deutsche Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter und sagte den Dreifach-Rückschlag voraus. Alles verkaufen?, schüchterte Focus Money dann auch gleich mit dem Interview-Aufmacher seine Leser ein. Doch Walter ist längst nicht allein. “Der Markt hat seine Hochs gesehen”, legte sich der renommierte Vermögensverwalter Doug Kass, der sowohl den Crash als auch die Bodenbildung im Frühjahr hatte kommen sehen, Ende August fest – und verpasste damit die Rallye letzten der Monate.

Denen schaut der frühere Hedgefondsmanager Cody Willard ohnehin schon länger hinterher.
Verkaufen Sie, gehen Sie short bei allem über 8000 Punkten im Dow, schrieb der heutige Fox News-Moderator noch im Juni. Wir werden noch ganze andere Tiefen in den nächsten ein, zwei Jahren sehen.

Wirklich? Alles falsch! Wie viel Aufwand, wie viel Gehirnschmalz, und wie viel Geld werden Jahr für Jahr für den Blick in die Kristallkugel verwendet – und welcher Ertrag springt am Ende dabei heraus? Nach fast elf von zwölf Monaten im verrückten Börsenjahr 2009 dürften nicht wenige Anleger entnervt abwinken, zu welchen Kursstellungen Mr. Market, wie Warren Buffett die Aktienmärkte metaphorisch getauft hat, immer wieder fähig ist.

Verloren in Kurskapriolen: Wie Anleger aus Top-Aktien herausgeschüttelt werden

Das gilt erst recht für den Verkauf einzelner Aktien.

Es gibt etwa Unternehmen wie Apple, die zum Besten zählen, was man in einem Anlegerleben erleben darf. Der von Steve Jobs nach seiner Rückkehr 1997 eingeleitete Turnaround hat das Zeug dazu, zur größten Comeback-Story der Wirtschaftsgeschichte zu werden. Nur noch Microsoft hat Apple nach der Börsenbewertung in der Technologiebranche vor sich – vor sechs Jahren noch war Apple dreißig Mal kleiner.


Jeder, der einmal einen iPod in der Hand gehabt, auf einem iMac gearbeitet oder mit einem iPhone im Internet gesurft hat, fühlt, dass Apple das Maß aller Dinge ist. Und das nicht erst seit gestern, sondern seit vielen Jahren. Dennoch ist nicht jeder Anleger Apple-Aktionär. Dasselbe gilt etwa für Google, noch so eine exzeptionelle Wachstumsstory, die seit dem Börsengang 2004 ein offenes Geheimnis ist.

Trotzdem notierten Apple und Google mitten im tiefsten Börsencrash im März dieses Jahres bei weniger als 80 bzw. 250 Dollar – heute sind es wieder über 205 bzw. 575 Dollar. Die März-Tiefs im Zuge der weltenweiten Verkaufspanik haben sich als einmalige Kaufchancen erwiesen, die seinerzeit über kaum jemand sehen wollte. Aber, um es mit den Worten von André Kostolany zu sagen: Wer die Aktien nicht besitzt, wenn sie fallen, hat sie auch nicht, wenn sie steigen.

Q-Cells & Co: Vom Börsenstar zum Rohrkrepierer

Andere wiederum lassen damit gehörig auf sich warten. Etwa die große Erfolgsgeschichte des ersten Börsenhalbjahres 2008. Seinerzeit sprintete K+S getrieben durch eine explodierende Nachfrage bei agrarischen Rohstoffen bis fast auf 100 Euro nach oben, um dann im Crash bis auf 27 Euro durchgereicht zu werden – eine 75 Prozentrasur binnen nur sechs Monaten.

Nach einer Konsolidierungsphase folgte dann die nächste Klettertour bis auf 55 Euro im Frühsommer – schnelle 100 Prozent wurden zurückerobert. Das war es jedoch: Statt synchron mit dem Dax nach oben zu laufen, krachte K+S wieder auf 35 Euro – ein völlig unerwarteter Rückschlag nach einer Umsatz- und Gewinnwarnung. Merke: Die Flut hebt nicht alle Boote.


Das gilt erst recht für einen anderen Börsenstar der vergangenen Jahre. Q-Cells, über Jahre noch vor Solarworld das höchst bewertete Solar-Unternehmen der Republik, konnte 2009 am steilen Aufstieg des TecDax nicht partizipieren. Während die erste deutsche Technologie-Liga in 2009 schon um 54 Prozent vorne liegt, sind Q-Cells-Aktionäre mit der Höchststrafe belegt worden – in einem Haussejahr fällt bislang ein Minus von 56 Prozent an. Merke: Die Vergangenheit ist kein Indikator für die Zukunft.

Börsenalltag: Möglich ist alles – auch das Gegenteil von allem

So geht es zu an der Börse: Es gibt gute Unternehmen, die plötzlich an der Börse schlechte Kurse aufweisen – und so ihre Aktionäre verlieren. Es gibt gute Unternehmen, die im Crash härter getroffen werden als andere, abstürzen und nicht an der Erholung partizipieren. Und es gibt ehemals gute Unternehmen mit schlechten Kursen, die sich vom Börsenstar zu schwarzen Schafen entwickeln.

Diese drei – und 97 andere Szenarien zählen zum Börsenalltag. Möglich ist alles – auch das Gegenteil von allem. Das dürfte die Erkenntnis des Börsenjahres 2009 werden. Für Anleger bleibt ein Börsenengagement damit eine Frage des Charakters und der Disziplin.

Langfristig, das war auch in der schwersten Stunden des Herbstcrashs vom letzten Jahr klar, würden die Indizes auch wieder steigen: Man musste nur die Nerven, die Zeit und das Kapitel besitzen, die Krisen auszuhalten – oft genug jedoch scheitern Anleger mindestens an einem dieser drei Kriterien. Genau wie jetzt auch, während eine der größten Rallyes der jüngeren Börsengeschichte läuft…

Disclosure: Der Autor hält Positionen in Apple, K+S und Q-Cells

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