Die Aufgabe für die Gesellschaft - zum Tod von Robert Enke
„Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft“ – das hört sich platt an, ist aber richtig. Der Suizid von Robert Enke ist das schreckliche Ergebnis eines falschen Leistungsdenkens, das unsere Gesellschaft beherrscht. Leider.
Die Witwe von Robert Enke ist eine starke Frau, die einen Tag nach dem Suizid in bewegenden Worten und in einem unglaublichen Kraftakt der Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten hat. Teresa Enke ist aber auch eine verzweifelte Frau, die hoffentlich stark genug ist, mit ihrem eigenen Schmerz zu leben. Jeder sollte in den Spiegel der Teresa Enke hineinschauen und seine Schlüsse daraus ziehen. Jeder.
Robert Enke hatte Depressionen. Das ist eine Erkrankung der Seele, die für Außenstehende kaum verständlich ist und zu seinem Suizid geführt hat. Inzwischen wissen wir aus Schilderungen seines Vaters, dass Robert Enke schon früh Versagensängste kannte. Robert Enke wurde von grausamen Schicksalsschlägen und immer neuen Verletzungsrückschlägen verfolgt, die in der Rückschau vielleicht ein Hilfeschrei seines Körpers waren.
Der Tod seiner Tochter Lara war ein unendlich trauriges Ereignis für Robert Enke, das überwunden schien – so irrte auch seine Frau: “Wir dachten, wir schaffen alles. Wir dachten halt auch, mit Liebe geht das. Man schafft es aber doch nicht”. Der öffentliche Robert Enke war stark – die Fußballwelt forderte das von ihm. Letztlich war diese scheinbare äußere Stärke nur ein unzureichender Schutzwall. Robert Enke hielt dem Druck seiner Sportart, die Verlierer und zweite Sieger scheinbar verachtet, nicht mehr stand und traf seine letzte Entscheidung.
Erst kürzlich hatte Sebastian Deisler seine Befindlichkeiten und seine Depressionen öffentlich gemacht. Er erntete von vielen in der Branche nur Unverständnis oder ignorantes Kopfschütteln. Das ist jetzt hoffentlich anders. Sebastian Deisler, der einer der begnadetsten Fußballer seines Jahrgangs war, hatte ebenfalls mit ständigen Verletzungen zu kämpfen. Vielleicht waren es auch hier Hilfeschreie seines Körpers. Deisler gab den Fussballsport, den er so sehr liebte, auf und rettete sich dadurch vor weiteren Beschädigungen.
Suizid – der letzte Ausweg
Robert Enkes Suizid ist das prominente, jüngste und warnende Beispiel: Es gibt immer wieder Menschen, die in unserer Gesellschaft zerbrechen und nicht mehr weiter wissen. Freilich nicht immer mit so großer öffentlicher Anteilnahme. Meist im Stillen wird ihre Selbsttötung nur von Angehörigen und Freunden beachtet und betrauert.
Zwar sind die Suizidziffern (Suizide pro 100.000 Einwohner) seit Mitte der Siebziger Jahre rückläufig, aber diese Zahl könnte falsch interpretiert werden: Unsere Gesellschaft ist sicher nicht menschlicher geworden.
Zuletzt beschäftigte eine Selbstmord-Serie bei der France Télécom die Arbeitswelt: Über zwanzig Mitarbeiter des Unternehmens zogen eine traurige Konsequenz aus angekündigten Veränderungen am Arbeitsplatz und töteten sich selbst. Statistisch ist das nicht relevant und auch die Suizide korrelieren nicht mit einer Zunahme der Arbeitslosigkeit – zumindest wurde das bisher für Deutschland angenommen.
Psychische Erkrankungen
Die dauerhaften seelischen Erkrankungen nehmen in unserer Gesellschaft zu und zumindest die Gewerkschaften und einige Fachverbände berichten gelegentlich darüber. Während die Suizide vor allem ein männliches Phänomen sind, zerbrechen mehr Frauen seelisch. Gerade in den Pflegeberufen scheitern viele Frauen am System: an der Ökonomie ihres Geschäfts, also den so genannten Sachzwängen.
Die Verhaltensweisen der Betroffenen sind ganz unterschiedlich und oft nicht so drastisch wie bei der France Télécom, aber nicht minder tragisch. Manche betäuben ihre Ohnmacht mit Alkohol, flüchten sich in Scheinwelten oder reagieren mit dem Burnout-Syndrom. In jedem Fall genügen die Menschen dem Leistungsbild von anderen nicht mehr und zerbrechen daran.
Viele Arbeitgeber reagieren mit dem Angebot von speziellen internen und externen Beratungs- und Hilfsangeboten für betroffene Arbeitnehmer. Freilich ist das dann nur eine Operation an Symptomen. Die Ursachen liegen woanders, tiefer.
Die Zahl der Suizide ist nur „die Spitze des Eisberges“, wie Professor Martin McKee von der London School of Hygiene and Tropical Medicine anmerkt. In einer Studie haben Wissenschaftler sich mit den Folgen von Arbeitslosigkeit auf die menschliche Gesundheit beschäftigt und herausgefunden, dass Erkrankungen auch mit den Ausgaben einer Gesellschaft für Betreuungsangebote zusammenhängen. So kann aktive Arbeitsmarktpolitik auch die Zahl der Suizide verringern helfen – so die Wissenschaftler aus Oxford.
Falsche Vorbilder und falsche Ziele
Infolge der globalen Finanzkrise könnten immer mehr junge Finanzjongleure Suizid begehen, da sie mit den Anforderungen und unvermeidbaren Rückschlägen nicht zurechtkommen. Hilfsangebote der Finanzinstitute werden aus Angst, Schwächen einzugestehen und von der Karriereleiter zu fallen, nur in Ausnahmen angenommen.
Das Denken ist falsch: Vor knapp einem halben Jahr beging in London ein 24-jähriger Händler der Deutschen Bank Selbstmord. Die Gründe sind Spekulation: Absurd wirkende Abstiegsängste eines Jungmillionärs werden vermutet. Der Schutz der Privatsphäre wird dann nichtssagend vorgeschoben, wenn die Ursachen aufgedeckt werden sollen. In Wirklichkeit fehlt es in der Investmentbranche an den richtigen Vorbildern, schließlich wird hier die Leistungsgesellschaft wie im Fußball auf die Spitze getrieben.
In unserer Gesellschaft werden gerade in der Finanzbranche die falschen Leute als Helden verehrt und erhalten Beifall und mediales Echo für allzu banales und teilweise dummes Geplauder. Gelegentlich entlarven sich diejenigen sogar selbst, wie der Chef von Goldman Sachs, der glaubt Gottes Werk zu verrichten.
Erst wenn die Gesellschaft ihren falschen Vorbildern entgegentritt, können wir mit einer Diskussion beginnen, wie unsere Gesellschaft mit Versagensängsten besser umgehen kann. Ob ein anderes Leistungsverständnis in der Gesellschaft Robert Enke geholfen hätte, ist Spekulation, aber er hätte zumindest eine bessere Chance gehabt.







Kommentare
klaus
16 November 2009 um 04:11
suuuuper