Märkte: Die Rückkehr der IPOs
Die Aktienmärkte steigen und steigen und steigen – und sogar eine lange Zeit tot geglaubter Sektor erlebt eine Renaissance. Zumindest in den USA ist eine Wiederbelebung des Marktes für Neuemissionen erkennbar. OpenTable, SolarWinds oder A123 notieren sehr deutlich über ihrem Ausgabekurs, während Traditionsunternehmen wie Hyatt ihr Listing angemeldet haben. Was können Anleger erwarten?
Es gibt ein Leben nach dem Crash, und es nicht mal das schlechteste: Seit sieben Monaten kennen die Aktienmärkte nur eine Richtung – steil nach oben. Mehr als 2100 Punkte oder 60 Prozent hat der Dax seit März zugelegt. In ähnlichen Dimensionen sind auch Dow Jones und S&P 500 angelangt, nur dass Anleger hier inzwischen schon etwas weiter sind.
Die große Rallye an den Aktienmärkten ist nämlich nicht ohne Wirkung an den anderen Kapitalmärkten geblieben. Auch der seit mehr als einem Jahr fast völlig brachliegende Markt für Neuemissionen erlebt im Herbst so etwas wie einen zweiten Frühling. Dabei waren die ersten Anzeichen sogar schon im Spätsommer zu sehen: Erstmals seit mehr als einem Jahr meldeten an der Wall Street im August mehr Unternehmen ihr Börsenlisting an als im Vorjahr.
Im September sollte sich der Trend nochmals beschleunigen, so dass per Ende des dritten Quartals mehr als dreimal so viele Unternehmen ihren Gang an die Börse wagten wie noch im Vergleichszeitraum 2008. Genau 17 waren es, nach nur fünf im dritten Quartal 2008.
Private Equity macht wieder Kasse – Blackstone plant acht IPOs
Und dabei wurden nicht nur die sprichwörtlichen “Peanuts” verteilt. Die Hewlett Packard-Tochter Avago spülte mehr als 400 Millionen Dollar in die Kasse, die Emissionserlöse des IT-Gesundheitsdienstleisters Emedeon lagen knapp darunter. Die Beteiligungsgesellschaften General Atlantic und Hellman & Friedman (Emedeon) und KKR fanden damit nach einer mehr als eineinhalbjährigen Dürreperiode wieder einen Exitkanal in dreistelliger Millionenhöhe über die Börse.
Da überrascht es nicht, dass Branchenkonkurrent Blackstone im großen Stil nachziehen will: Gleich acht Beteiligungen will der einstige Private Equity-Star nach einem Bericht der “Financial Times” in absehbarer Zeit an der Börse platzieren und fünf weitere Unternehmen verkaufen – wenn der Preis stimmt.
Open Table stieß die Tür auf
Dabei ist es gerade einmal ein halbes Jahr her, dass Anleger nach dem schwersten Crash seit Jahrzehnten wieder Vertrauen in die Märkte gefasst hatten. Die Tür aufgestoßen hatte dabei ausgerechnet ein Internet-Unternehmen mit bezeichnendem Namen, von dem zuvor noch kaum jemand gehört hatte – Open Table.
Der Internet-Tischreservierer debütierte bereits Ende Mai, als Aktionäre den Aufschwung an der Börse wohl bestenfalls als Bärenmarktrallye eingestuft hatten. Doch OpenTable bewies, dass Kurszuwächse mit IPO kein 1999er-Phänomen sein mussten: Enorme 60 Prozent Plus konnten US-Zeichner, die Open Table-Papiere zugeteilt bekommen hatten, am ersten Handelstag erzielen. Bis heute notieren die Aktien des Online-Tisch-Reservierers mehr als 40 Prozent über ihrem Ausgabekurs. Mehr als 50 Prozent im Plus liegen dagegen sogar schon Aktionäre des Netzwerksoftware-Herstellers SolarWinds, der fast zeitgleich mit OpenTable an die Börse gegangen war.
“Auf Börsengänge wie von OpenTable oder SolarWinds haben Anleger lange gewartet”, ordnet UniCredit-Analyst Christian Bacherl die jüngsten erfolgreichen Neuemissionen ein. “Die Unternehmen verzeichnen zweistelliges Gewinnwachstum - also genau das, wonach sich Anleger in Zeiten der Finanzmarktkrise sehnen. Können sich Aktien in so einem Umfeld behaupten, spricht das für ihre Qualität”.
Milliarden-Emissionen kommen zurück
Entsprechend hat der Run auf Neuemissionen in den letzten Wochen noch einmal angezogen: Gleich sieben Debüts, die insgesamt ein Volumen von mehr als 3 Milliarden Dollar erlösten, gingen in der letzten Herbstwoche über die Bühne – darunter der Lithiumbatterie-Hersteller A123Systems, der allein am ersten Handelstag um 50 Prozent zulegen konnte, und die Spiele-Tochter des chinesischen Internetportalbetreibers Shanda Interactive, deren IPO mit einem Emissionsvolumen von mehr als einer Milliarde Dollar zum größten Börsengang einer chinesischen Gesellschaft an der Technologiebörse Nasdaq geriet.
Und mehr noch: Vier Unternehmen haben im dritten Quartal ein Börsenlisting beantragt, deren Erlöse ebenfalls mehr als eine Milliarde Dollar betragen sollen: Die Hotelkette Hyatt und das texanische Öl-Unternehmen Cobalt International Energy wollen 1,15 Milliarden Dollar einnehmen, die US-Holding des brasilianischen Fleischverarbeiters JBS strebt mehr als zwei Milliarden Dollar an, während der größte Börsengang des Jahres – ebenfalls mit brasilianischer Beteiligung – gerade stattgefunden hat.
Santander gelingt mit Brasilien-Tochter der größte Börsengang des Jahres
Enorme 5,9 Milliarden Euro spülte der Börsengang der brasilianischen Tochter der Banco Santander in die Kassen des spanischen Mutterkonzerns. Das IPO in Sao Paolo und New York war damit nicht nur der größte Börsengang des Jahres, sondern auch gleichzeitig die größte US-Emission seit dem Börsendebüt der Kreditkartengesellschaft Visa vor eineinhalb Jahren.
Doch allein die Größe macht es bekanntlich nicht. Die Santander-Aktien norieren heute bei 13 Dollar etwa 3 Prozent unter Ausgabekurs. Dasselbe Schicksal teilen etwa Aktionäre von Shanda Games, deren Papiere bis heute gar um 18 Prozent unter die Räder gekommen waren. Der US-Ableger des chinesischen Software-Anbieters CDC gab um 17 Prozent am ersten Handelstag nach, um heute gar 28 Prozent unter Wasser zu liegen. Deutlich wird damit: 2009 ist somit noch lange nicht 1999 – Euphorie sieht anders aus.





