Wie es mit der Konjunktur weitergeht
Jetzt ist wieder Katzenjammer: Der US-Arbeitsmarkt zeigt keine Wende an, der IWF warnt vor einem längerfristig schwachen Wachstum in Europa und auch das US-Defizit wird als Risikofaktor gesehen. Überraschend ist davon nichts, aber die aktuelle Nachrichtenlage ist ein Grund innezuhalten und prinzipiell über die Konjunktur nachzudenken.
Der nach eigener Sprachregelung wichtigste Konjunkturindikator ist hierzulande der “ifo-Geschäftsklima-Index”. Die Erwartungen sind zurzeit besser als die Lage und das Klima. Das ist auf Rückkopplungseffekte mit der Börse und der Börsenberichterstattung zurück zu führen: Diejenigen, die bei dem ifo-Index ihre Bewertungen abgeben, orientieren sich auch an der Kursentwicklung und Meldungen aus der Finanzbranche. Hierdurch kommt es zu sich selbst aufschaukelnden Bewertungen, die scheinbar realitätsfremd sind. Nur so ist zu erklären, wieso die ifo-Konjunkturuhr bereits wieder in der Aufschwungphase verortet ist und damit eine Fehldeutung nahe legt.
Beginnen wir mit einer kurzen Betrachtung der Risikofaktoren. Kurzfristig ist der US-Haushalt der stabilisierende Faktor der Weltwirtschaft. Langfristig kann das Defizit kaum aufrecht erhalten werden:
Gefahr der US-Verschuldung?
Natürlich muss in den Vereinigten Staaten mittelfristig im Staatshaushalt wieder gespart werden. Die USA müssen ihre aktuelle staatliche Verschuldungspolitik schnellstmöglich aufgeben und das Leben auf Pump einschränken. Eines sollte aber niemand vergessen: Die Obama-Regierung macht keine Schulden, weil sie so gerne staatliche Geschenke verteilt, sondern weil vorherige Regierungen und eine maßlose Finanzbranche das Wirtschaftssystem in Frage gestellt haben. Das US-Ausgaben-Regime ist die richtige Antwort auf die schlechten Erfahrungen der letzten Weltwirtschaftskrise bei welcher die USA die Krise mit einer zyklischen Sparpolitik verstärkt hatten.
Auf Dauer müssen die Amerikaner kollektiv weniger über den eigenen Durst konsumieren und den eigenen Lebensstil entsprechend anpassen. Das scheint durch die Krise schon auf den Weg gebracht zu werden. So hat sich in den USA bereits privates Sparen etabliert. So lag nach Ausbruch der Finanzkrise die Sparquote erstmals im positiven Bereich. Im Mai 2009 betrug die US-Sparquote 6,9 Prozent. Ärgerlicherweise verschärft das genau jetzt die Krise noch, ist aber langfristig eine eher erfreuliche Entwicklung.
Die aufgeladenen Schulden drücken noch erheblich. Nach Auskunft der Ratingagentur Moodys erreichten die Ausfälle bei Rückzahlungen von US-Krediten ein neues Rekordhoch: US-Institute vermuten im August, dass 11,5 Prozent der Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden können.
Hieraus entsteht eine negative Spirale: Die Institute müssen jetzt aus Eigeninteresse entweder höhere Zinsen verlangen - das ist bei Kreditkarten eher nicht durchzusetzen - oder die Kreditvergabe einschränken. Genau das machen die Institute seit einigen Monaten. Beides hemmt die Konjunktur und wirkt dem Gesamtinteresse des Staates entgegen.
Aktienkultur als Makel
Hierzulande wird von Lobbygruppen wie dem Deutschen Aktieninstitut die fehlende Aktienkultur als negativ erachtet. Das ist insofern richtig, als man Risikokapital für neue Unternehmen in Deutschland schwieriger einsammeln kann als in den USA. Zur Wahrheit gehört aber: Der Unfug mancher Bankinstitute zu Zeiten der New Economy hat dem Finanzplatz Deutschland diesbezüglich mehr geschadet als irgendwelche Gesetze der Bundesregierungen. Zudem verbessert das Umtauschspiel - Kauf von Aktien - nicht die Kapitalausstattung von Start-ups.
Bedenklich ist ein anderer Zusammenhang mit einer starken Aktienkultur: In den USA besteht das Problem vor allem darin, zu stark auf Aktien als Wertaufbewahrungsmitteln zu setzen. Dabei unterliegt gerade diese Anlageklasse erheblichen Schwankungen. Die Pensionsfonds in den USA haben versucht, hohe Renditen zu erzielen und sind jetzt grandios gescheitert. Rentner schauen in die Röhre und sind durch ihre Anlagepolitik teilweise selbst schuld. Bei Kenntnis dieser Zusammenhänge muss die FED in den USA die Wertpapierpreise stärker berücksichtigen als hierzulande. Insofern war in der Vergangenheit eine zu aktive Rolle der US-Notenbank zu beobachten, die zu stark die Konjunktur steuern wollte und übersteuert hat.
Deutschland ist bezeichnenderweise nach Berechnungen von McKinsey die einzige Industrienation, die mehr Kapital in Anleihen investiert hat, als in Aktien. Das ist langfristig begrüßenswert, auch wenn es manchem Lobbyvertreter der Aktienanlage ein Dorn im Auge ist und angeblich für einen rückständigen Kapitalmarkt spricht.
Was wir erwarten müssen
Klar: Man kann auf die Börsen schauen und einen baldigen Aufschwung erhoffen. Realistisch ist das nicht. Übrigens die Börsen sind identisch mit dem ifo-Geschäftsklima-Index seit Monaten auf Wachstum gebürstet.
Realistischer ist da schon die Sicht des IWF, der für Europa noch einige schwere Jahre vorhersagt. Zumal Arbeitslosigkeit die Binnenkonjunktur weiter schwächt. In Deutschland sagt die Organisation in einem aktuellen Ausblick ein MInus von 5,3 Prozent in diesem Jahr und ein leichtes Plus von 0,3 Prozent im nächsten Jahr voraus.
Dabei ist die deutsche Exportabhängigkeit dafür verantwortlich, dass hierzulande der Einschnitt größer ist als in Euroland insgesamt (minus 4,2 Prozent). Zwar konstatiert der IWF einen starken “rebound”, warnt aber gleichzeitig vor einem daraus abgeleiteten Optmismus.
Die Lage ist dramatisch: Die Orders des deutschen Maschinenbaus (VDMA) beispielsweise gingen im August um 43 Prozent im Jahresvergleich zurück. Das Inlandsgeschäft verzeichnete sogar einen Rückgang um 45 Prozent. Der Verband macht sich jetzt selbst Mut und hofft auf das Ende der negativen Meldungen. Um auf das alte Niveau zurückzukommen, muss jetzt eine Steigerung um fast 100 Prozent bei den Auftragseingängen erfolgen.
Niemand sollte auf einen schnellen Anstieg der Wirtschaftsleistung setzen: Zum einen muss sich der Staat mit seinen Ausgabenprogrammen genau dann zurückziehen, wenn das Pflänzchen Konjunktur wieder selbsttragend ist. Danach werden die Notenbanken sich mit dem Thema Inflation beschäftigen müssen und durch beide Steuerungen der Wirtschaftspolitikbereiche wird der Aufschwung zwangsläufig zusätzlich gebremst.
Langfristige Weichenstellungen
Wenn man die Beschäftigungsgrade in Europa und Nordamerika zugrunde legt, dann wird es vermutlich noch Jahre dauern, bis die Volkswirtschaften das alte Niveau wieder erreichen. In Spanien ist die Arbeitslosigkeit von acht auf 18 Prozent hochgeschnellt. In den anderen Ländern ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit etwas moderater ausgefallen. In Deutschland wird der Höhepunkt in einigen Monaten erwartet. In den USA sind inzwischen fast zehn Prozent der Arbeitsbevölkerung nicht mehr in einem Beschäftigungsverhältnis. Solche Effekte lassen sich nicht durch einige wenige Meldungen von der Bodenbildung korrigieren.
Wer nur diese wenigen Informationen bewertet, der kann ermessen, dass die Talsohle vielleicht erreicht ist, aber der nächste Anstieg noch weit entfernt erscheint. Deutschland wird wegen seiner Exportorientierung von einer größeren Nachfrage anderswo stärker profitieren als beispielsweise die USA. Langfristig ist dennoch ein Umsteuern notwendig.
Als Vorsorge für die nächste Krise muss Deutschland die Binnenkonjunktur stärken. Das erreicht man durch weniger Druck auf die Arbeitskosten und höhere Tarifabschlüsse nach der Krise. Seien wir gespannt, wie es tatsächlich kommt. Nach der Wahl waren jedenfalls viele Interessenverbände schnell mit ihren Wunschlisten auf dem Markt. Möglichst wenig von alledem sollte umgesetzt werden, wenn man langfristig umsteuern will und die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft reduzieren will.






