Ein Jahr nach dem Herbstcrash: Lektionen aus Lehman


Ziemlich genau ein Jahr ist es her, als der größte Crash einer ganzen Anlegergeneration seinen Lauf nahm. Erst fiel Lehman, dann wackelte die Wall Street – und mit ihr der Rest der eng verzahnten Kapitalmärkte rund um die Welt. So dramatisch der Crash jener Herbsttage 2008 ausfiel – er beweist auch eines: Ein Jahr kann einen erheblichen Unterschied machen. Fünf Lektionen bleiben indes aus dem Lehman-Debakel.

1. Keine Angst vorm nächsten Crash

So lautet der Titel des bis heute meistverkauften Börsenbuches des Berliner Autors Bernd Niquet, erstmals erschienen zu einer Zeit, als der nächste Crash bereits in der Luft lag – im Herbst 1998. Erfahrene Anleger werden sich erinnern: Der Aufstieg im Zuge der Millenniumshausse war gewaltig, der darauf folgende Absturz im gerade mal ein paar Wochen alten neuen Jahrtausend umso gewaltiger.

Obwohl Anleger nach dem größten Bullenmarkt der Gegenwart in den 80er und 90er Jahren in diesem Jahrzehnt bislang kaum Gewinne eingefahren haben, wenn sie ihrem Investment treu geblieben sind, gilt langfristig: Die Märkte kommen immer wieder zurück – und laufen à la longue weiter. Das war nach dem großen Bärenmarkt 1968 bis 1982 so, und das wird auch nach dieser Dekade der Stagnation und Dauerkrisen so sein.

Allein die Tatsache, dass sich die Aktienmärkte von Verwerfungen wie nach dem Platzen der Internet-Blase, dem 11. September, dem Irak-Krieg und nun der größten Finanzkrise seit dem 1929er- Crash wieder erholt haben, unterstreicht die Vitalität der Anlageform. Die Aktie ist nicht tot. Wer den Mut und das Kapital gehabt hat, mitten in der tiefsten Krise im letzten Winter zu kaufen, hat bis heute gar eine der gewaltigsten Aufwärtsbewegungen aller Zeiten mitgemacht.

2. Der nächste Crash lauert an der nächsten Ecke

So erfreulich die Entwicklung der vergangenen Monate für Aktionäre verlief, so unvorhersehbar war sie doch offenbar für die meisten Marktteilnehmer. Die gegenwärtige Rallye, die die Wall Street eine “Sucker’s Rallye” nennt, begegnet einer enormen Skepsis, was der eigentliche Grund dafür sein dürfte, warum sie immer läuft – die meisten Marktteilnehmer wurden schlicht auf dem falschen Fuß erwischt.

Das gilt auch für den Absturz in die Finanzkrise, den keiner wahrhaben wollte. Dabei kam er durchaus mit einigen Vorboten, wie etwa den Vorbeben der Subprime-Krise ab Sommer 2007. Doch der eigentliche Absturz folgte mit dem viel diskutierten “Jahrhundert-Fehler” der Lehman-Pleite. Was danach an Panikreaktionen folgte, wird eine ganze Anlegergeneration noch lange verfolgen.

Genau diese Lektionen sollten Anleger genauestes verinnerlichen: Ganz gleich ob “Jahrhundert-Fehler” oder nicht – ein Crash, wie der, der durch die Lehman-Pleite ausgelöst wurde, kann sich in anderer Gestalt jederzeit wieder ereignen. Anleger sollten aus dem Gemetzel und der darauf folgenden Bodenbildung und Erholungsrallye lernen – sie lief nach dem Lehrbuch ab. So unmöglich Markttiming ist: Hausse und Baisse ähneln in ihren Mustern sehr ihren historischen Vorbildern. Wer sie kennt, ist beim nächsten Crash besser vorbereitet.

3. Die Märkte laufen weiter als man denkt

Es ist wahrscheinlich die auf alle Ewigkeiten meist unterschätzte Börsenweisheit: Die Aktienmärkte laufen weiter als man denkt – und zwar in beide Richtungen. Niemand hätte sich nach dem dreijährigen Bärenmarkt von 2000 bis 2003 träumen lassen, dass die Erholungsrallye, die mit dem Anbruch des Irak-Krieges begann, binnen vier Jahren wieder auf alte Höchststände laufen würde.

2007 sprach dann der Deutsche Bank-Stratege Klaus Martini die verhängnisvollen Worte: “Diesmal ist wirklich alles anders” – und rief als Kursziel die 10.000-Punkte im Dax bis Jahresende aus. Ein Jahr später stand der deutsche Bluechip-Index nicht mal halb so hoch. Nicht nur, dass die Märkte im Zuge der Subprime-Krise krachend einbrachen – sie taten es mit der Lehman-Pleite auch so hart und heftig, wie es vor Jahresfrist keiner für möglich gehalten hat.

Wieder einmal liefen die Märkte weiter, als man gemeinhin dachte – nämlich bis auf unglaubliche 3588 Zähler im Dax am 9. März dieses Jahres. Dann drehte der Wind, und die als technische Gegenreaktion belächelte Erholungsrallye hievte den Dax plötzlich über die 4000-, dann 5000-Punktemarke, um nun Kurs auf die 6000 zu nehmen. Auch in diesen Tagen laufen die Märkte weiter, als man noch vor Monaten dachte. Ausgang: ungewiss. Einzig sichere Konstante: Anleger sollten Trends nicht unterschätzen. Die Märkte laufen immer weiterals man denkt.

4. Die schwere Kunst des Stockpickings

Peter Lynch ist ein Held des Bullenmarktes. Zu Recht: In den 13 Jahren unter seiner Ägide legte der Fidelity Magellan Fund enorme 2700 Prozent zu. Das war in den späten 70er und 80er Jahren. Lynchs Erfolgsgeheimnis ist bis heute gleich geblieben: “Wenn man nur ein paar Aktien in seinem Leben erwischt, die sich verzehnfachen, hat man gewonnen – mehr braucht man nicht.”

Doch das ist leichter gesagt als getan, wie die Finanzkrise beweist. Natürlich gab es im letzten halben Jahr namhafte Kursraketen in der ersten und zweiten Börsenliga: Infineon, die Commerzbank oder ProSiebenSat.1 legten seit ihren März-Tiefs zwischen 300 und 600 Prozent zu. Doch die will man erst mal finden, dann auf dem Tief kaufen – und auch noch ohne Nervenflattern bereit sein zu halten. Dem entgegengesetzt stehen ebenfalls einstige Börsenlieblinge wie Volkswagen, die Deutsche Telekom oder Solarworld, die ihren Aktionären 2009 bislang nur Kummer bereitet haben: Sie haben nämlich an der Erholung der jüngsten Rallye kaum partizipiert und ihren Anteileignern im laufenden Jahr bislang nur Verluste beschert.

So ist denn auch von Lynch folgende Börsenweisheit: “Wenn ich als Fondsmanager von zehn Entscheidungen sechs richtig treffe, bin ich gut”. Das gilt erst recht für den Privatanleger. Entsprechend sollte man sich beim ehrlichen Performance-Abgleich mit der Benchmark immer wieder die Frage stellen, ob man sein Investment nicht via ETF tätigt oder professionellen Asset-Managern überlässt. Es bleibt dabei: Stockpicking ist eine Kunst – keine Wissenschaft.

5. Alles ist möglich – auch das Gegenteil von allem

Die Philosophie hat manches schöngeistige Bonmot hervorgebracht, das auch an den Weltbörsen seine Berechtigung hat. Etwa das des französischen Schriftstellers Jean de La Bruyère, der im späten 17. Jahrhundert mit folgender nur allzu logischen Erkenntnis aufwartete: Alles ist möglich – auch das Gegenteil von allem.

Genauso verhält es sich an der Börse in schöner Beständigkeit seit ihrem Bestehen. Nicht nur, dass die Märkte weiter laufen als man denkt und die Beherrschung von “Market Timing” eher Mythos als Magie ist – auch der scheinbar nicht vorstellbare Worstcase sollte vom weitsichtigen Investor immer mit in Betracht gezogen werden, wie die Lehman-Pleite beweist.

Und eben nicht nur Lehman: Wer hätte allen Ernstes gedacht, dass die Grundpfeiler der Wall Street, die Citigroup oder AIG, plötzlich auf Pennystock-Niveau notieren würden? Noch vor Jahren führten die Dow Jones-Konzerne die Finanzbranche als weltgrößte Bank – und Versicherung an, dann stürzten die Aktien im Zuge der Lehman-Pleite um bis zu 99 Prozent ab. Man sollte bei seiner Anlage ein solches Worstcase-Szenario nicht außer Acht lassen: Schlechtestenfalls kann es wirklich jeden treffen.

Einen Kommentar schreiben