Lehman Brothers war kein “Jahrhundertfehler”


Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. In der Folge kam es zu schweren Verwerfungen an den Börsen und die Kurse fielen scheinbar ins Bodenlose. Dennoch sollte niemand glauben, dass die Probleme an den Märkten bei einem “Weiter so” ausgeblieben wären. Dass es sich um einen Jahrhundertfehler handelte, ist jedenfalls eine Legende.

Unter angelsächsischen Ökonomen wird die Frage, ob Lehman Brothers der eigentliche Sündenfall in dieser Krise war und man die Investmentbank besser gerettet hätte, viel kontroverser diskutiert als hierzulande. Natürlich kann man im Nachhinein formulieren, dass wenige Milliarden US-Dollar Rettungssumme - verglichen mit dem Desaster danach - eventuell günstiger für alle Beteiligten gewesen wären. Das klingt logisch, aber ist es auch richtig?

Bestand damals diese Rettungsoption überhaupt? Was wäre gewesen, wenn die Welt das Verbriefungsspiel einige Jahre weiter betrieben hätte? Wer in Szenarien und Fundamentaldaten denkt, der dürfte schnell zu dem Ergebnis kommen, dass der Knall über kurz oder lang ohnehin erfolgt wäre.

Geschichte hat einen Nachteil: Man kann sie nicht an einer beliebigen Stelle anhalten und dann zwei Drehbücher parallel verwirklichen. Insofern sind rückwärtsgerichtete Betrachtungen immer unbefriedigend. Fakt ist: Niemand wollte im letzten September Lehman Brothers tatsächlich zur Hilfe eilen. Die US-Regierung konnte damals nicht handeln, da sie gar keine Milliardensummen autorisiert hatte. Die Rettungsmilliarden gab es erst später und zwar nach zwei Anläufen im US-Parlament. Zudem wurde einen Tag danach mit AIG ein viel wichtigerer Player gestützt. Kostenpunkt: 85 Milliarden US-Dollar. Wenn man so will traf es Lehman Brothers also zufällig.

Vorgänger LTCM

Richard Severin Fuld, der Lehman-Chef, hatte ziemlich genau zehn Jahre zuvor, am 23. September 1998, dem legendären Hedgefonds LTCM zusammen mit anderen Bankern geholfen - anders als Bear Stearns. Vielleicht hoffte Fuld deshalb auf die Solidarität der anderen. Pustekuchen. Diesmal erhielt Lehman keinen Kredit der anderen Player. Das Unternehmen hatte seine Aktivitäten bis zu einem Kapitalhebel von 40 ausgebaut (”geleveraged”) und war nur noch ein Fass ohne Boden. Letztlich scheiterte Lehman Brothers bezeichnenderweise am gleichen Defekt wie zehn Jahre zuvor LTCM und nicht am Versagen der Politik.

Die Anlagevehikel waren andere, aber der Fehler vergleichbar: Hybris in der Führungsetage und ein System, das irgendwann zwangsläufig(!) zum Ende kommt. In der Zwischenzeit hatten die Mitarbeiter dem Finanzsystem insgesamt und dem Institut Milliardensummen entzogen. Geld, das als Risikopuffer im September 2009 dringend benötigt worden wäre. Das ist übrigens der sachliche Grund, weshalb Banken mehr Risikovorsorge, weniger Bonusdenken und mehr Vernunft verordnet werden muss.

Wie eine Legende entsteht…

Diejenigen Kommentatoren und Börsenspieler, die uns jetzt erzählen, die Regierenden hätten damals einen “Jahrhundertfehler” begangen, gehen damit Interessengruppen auf den Leim. Den Begriff verwendete der Spiegel in einem ansonsten lesenswerten Artikel über die letzten zwei Tage von Lehman Brothers. Zu den Interessengruppen gehören hierzulande Politiker und Lobbyvertreter, die von den Schwächen des hiesigen Bankensystems ablenken wollen oder es nicht besser verstanden haben - übrigens parteiübergreifend. Verständlich ist natürlich, dass Entscheider, die hierzulande ohnmächtig dem Treiben in den USA zusehen mussten, eine andere Sichtweise haben. Schamloser nutzen jedenfalls Banker den Fall Lehman Brothers gerne als Feigenblatt, um von eigenen Versäumnissen und fehlender eigener Solidität abzulenken.

Ausgerechnet Josef Ackermann konnte dem Fall von Lehman Brothers etwas Positives abgewinnen. Und er hatte Recht damit: Das Brechen mit dem Glaubenssatz “too big to fail”, dem manche Banken offenbar vertrauten und immer größere Räder drehten, könne in Zukunft durch Moral Hazard ausgelöstes Verhalten zurückdrängen. Das ist zwar etwas optimistisch formuliert von jemandem, der bekanntlich selbst im Glashaus sitzt, denn schnell trat “Systemrelevanz” an die Stelle des alten Mantras. Aber im Kern ist die Idee eine Bank zu opfern natürlich richtig, um künftigem Moral Hazard im Finanzsektor die Grundlage zu entziehen. Systemrelevanz war allerdings fortan die Formel, die das Retten so ziemlich jeder Bank im voraus bereits rechtfertigte. Zunächst als eine Art Garantie zur Beruhigung der Märkte gedacht, entsteht jetzt wieder das alte Vorkrisenproblem.

Verschleiert wird durch die Beschreibung, es handele sich um einen “Jahrhunderfehler”, dass die Finanzwelt in Wirklichkeit eine völlig neue finanzielle Sicherheitsarchitektur benötigt, die weniger auf Derivaten und anderen kapitalgehebelten Instrumenten aufbaut. Das gilt übrigens nicht nur für die Banken insgesamt, sondern jedes einzelne Institut. Auch die Aufsichtsbehörden müssen ihre Vorstellung über Risiko grundlegend überdenken. Die Legende vom Sündenfall Lehman Brothers kommt angesichts mancher Beharrungskärfte einigen Akteuren sehr gelegen.

Willkür der Geschichte

Nehmen wir einmal an, Lehman Brothers hat es vor allem deshalb getroffen, weil mit AIG ein viel größerer Problemfall fast zeitgleich zu lösen war (eine der Theorien im Umlauf). Es hätte bei der herannahenden Krise irgendwann eine beliebige Bank getroffen, da der Staat kaum weitere Milliarden-Garantien ohne Legimation geben konnte. Vielleicht wären dann die Verlierer im weltweiten Zertifikatehandel andere gewesen, aber die Folgen wären auch dann ähnlich ausgefallen. Zumal die Banken untereinander schon vor der Lehman-Pleite kaum noch Vertrauen hatten.

Jeder, der jetzt von einem Jahrhundertfehler spricht, sollte sich einmal vorstellen, weitere Milliarden wären in Deutschland eingesammelt worden und von Lehman Brothers und anderen Banken zum Stopfen von immer größeren Löchern verwandt worden. So viel ist klar: Die Immobilienpreise wären auch ohne Lehman weiter gefallen und die bilanziellen Belastungen gestiegen. Wie sich so etwas entwickelt, wenn der Trend gegen ein Mono-Institut läuft, sehen Beobachter bei der Hypo Real Estate. Das Institut verschlingt immer neue Milliarden-Garantien auf Risiko der Steuerzahler. Die Bank hätte viel früher einen geordneten Rückzug antreten müssen. Um genau zu sein: Man hätte die Bank abwickeln müssen - wie Finanzminister Steinbrück kurz nach der Krise formulierte und dafür heftig kritisiert wurde.  Die möglichen Verluste freilich wären auch bei einem Verkauf nicht verschwunden. Sie hätten dann vielleicht jemand anderen getroffen.

Für Lehman-Kunden, die beispielsweise in Deutschland Zertifikate der Investmentbank gekauft hatten, ist die Situation natürlich unbefriedigend. Ihr Institut war subjektiv betrachtet letztlich zum falschen Zeitpunkt in der falschen finanziellen Zwangslage. Insofern ist Lehman Brothers Untergang und damit die vordergründige Verteilung von Verlusten in gewissem Sinne willkürlich gewesen.

Fazit: Von den verheerenden Folgen im Fall Lehman Brothers auf einen “Jahrhundertfehler” zu schließen, ist eindeutig zu kurz gedacht.

In den letzten Monaten habe ich mir an dieser Stelle oft die Finger wund geschrieben, um auf mögliche Folgen und Konsequenzen aus der Krise hinzuweisen. Daher folgt hier ein eigene Linkliste zum Thema “aus der Krise lernen”. Leider deutet vieles darauf hin, dass die Lerneffekte im Finanzsystem eher gering ausfallen und manche neue Regulierung eher nutzlos sein wird.

Lehren und Konsequenzen aus der Subprime-Krise vom 21.08.2007.

Über den Liberalismus vom 27.09.2008.

Die Ursprungsidee der Bad Bank vom 30.01.2009.

Über die deutsche Exportorientierung vom 03.05.2009.

Über Bad Banking vom15.05.2009.

Zum Staatsverständnis vom 27.06.2009.

Über die Wachstumsblase vom 16.07.2009.

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