Zeitenwende: Die Angst vorm heißen Herbst
Es ist so weit: Zwar sieht es in diesen Tagen nicht danach aus, doch langsam, aber bestimmt, nimmt der Sommer seinen Abschied. Auch und gerade an den Aktienmärkten könnte nach einem halben Jahr der Kursgewinne ein Gezeitenwechsel unmittelbar bevorstehen, glauben immer mehr Skeptiker. Zu Recht?
Die Stunde der Wahrheit scheint gekommen. Exakt seit sechs Monaten laufen die Aktienmärkte in eine Richtung – und zwar weiter als man gemeinhin dachte: nachhaltig nach oben. Bei 3588 Zählern notierte der Dax am 9. März dieses Jahres – 5574 Zähler wurden Ende August gemessen. An den anderen europäischen Börsen, an den amerikanischen Aktienmärkten, vor allem aber an den Emerging Markets dasselbe Bild: Kurszuwächse, Rallye-Modus, Hausse-Träume.
Mitten in die gewaltigste Aufwärtsbewegung seit 2003 mischen sich jedoch immer mehr Misstöne, die die Party stören. Tatsächlich scheint sie gar vorbei, wenn man der aktuellen Stimmungslage Glauben schenken darf, die der renommierte Daytrader und Börsenjournalist James DePorre Ende vergangener Woche auf den Punkt bringt: “Selbst an einem Tag wie heute mit einer Aufwärtsbewegung bleibt die Skepsis groß. Viele Anleger bekommen den positiven Verlauf des Marktes einfach nicht mit ihrer Einschätzung der Wirtschaftslage zusammen.”
Tatsächlich: Da geht etwas nicht ganz zusammen. Corporate America schrumpft nämlich noch immer, während die Arbeitslosenquote weiter steigt und zwar auf Rekordniveaus. 216.000 weitere Jobs gingen in den USA im August verloren, 9,7 Prozent aller Amerikaner sind damit ohne Arbeit – so viele wie seit 26 Jahren nicht mehr. Zudem gab die US-Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal nochmals um ein Prozent nach.
Doug Kass legt sich fest: Jahreshochs gesehen
All das ist zwar besser als die schlimmsten Horrorszenarien befürchten ließen – so gut wie die Stimmung an den Aktienmärkten ist die Lage in der realen Wirtschaft aber noch lange nicht. Kommt also nun nach dem fast mirakulösen Run der letzten sechs Monate das böse Erwachen?
Der Vermögensverwalter Doug Kass etwa, der durch fast punktgenauen Bottom-Call im März viel Renommee dazugewonnen hat, hält die Zwischenrallye für beendet, nachdem sein Kursziel von 1050 Zählern im S&P vor einer Woche knapp erreicht wurde. Im viel diskutierten Beitrag “Der Markt hat wahrscheinlich seinen Gipfel gesehen“, nennt der Gründer der Asset Management Gesellschaft Seabreeze Partners Management zahlreiche Gründe für einen baldigen Vorzeichenwechsel an der Börse.
“Der sich selbsttragende Aufschwung an der Börse der Vergangenheit wird sich diesmal nicht wiederholen“, glaubt Kass. “Kostensenkungen sind genauso wie staatliche Stimulanzien ein Teil des Wirtschaftslebens, aber sie haben ein klar definiertes und limitiertes Leben“, macht der Buchautor (“Citibank: The Ralph Nader Report“) Anlegern keine Hoffnung auf eine anhaltende Erholung. Gleichzeitig würden die Kostensenkungen an den Arbeitnehmer – und damit an den Konsumenten, der noch immer den wichtigsten Wirtschaftsfaktor in Corporate America darstellt – weitergegeben.
Folglich müssen Anleger mit einem bösen Erwachen im nächstem Jahr rechnen: “Ein Double-Dip“, also ein erneutes Abstürzen in die Rezession, “ist meine Erwartung“, malt Kass ein düsteres Szenario an die Wand. “Wenn die Staatshilfen auslaufen, erscheint es mir unwahrscheinlich, dass die fehlenden Mittel vom privaten Sektor aufgefangen werden.“ Entsprechend glaubt Kass dann auch, dass der Markt die Höchstkurse im laufenden Jahr in diesen Tagen gesehen hat.
Cody Willard und Henry Blodget: “Ein neuer Bullenmarkt? Unwahrscheinlich“
Assistiert wird Kass in seiner skeptischen Einschätzung von einer Reihe prominenter Marktkommentatoren. Cody Willard, der lange Jahre wie Kass für den Finanzinformationsdienst TheStreet.com geschrieben hat und nun für Fox News eine TV-Show moderiert, glaubt sogar an einen jahrelang anhaltenden Abwärtstrend. “Ich bin immer noch sehr bärisch und glaube, dass sich die Märkte nahe ihres Tops befinden und innerhalb einer 10-jährigen Trading-Range befinden, in der sie um die 10.000er-Marke im Dow kämpfen und die Tiefs bei 6500 Zählern noch mehrmals in den nächsten Jahren testen werden”, so der frühere Hedgefondsmanager.
Und selbst der einstige Staranalyst Henry Blodget, der seit zwei Jahren erfolgreich das Technologieportal “Alley Insider” betreibt, ist skeptisch für eine anhaltende Erholung. “Ein neuer Bullenmarkt? Unwahrscheinlich“, erklärt der frühere Merrill Lynch-Analyst, der Amazon einst das Kursziel von 400 Dollar verpasste.
“Nach unserer Meinung signalisieren die wirtschaftlichen Rahmendaten und die Marktbewertung, dass wir mitten in einem lang anhaltenden Bärenmarkt stecken”, so Blodget. “Wir werden große Schwierigkeiten haben, das Wirtschaftswachstum wieder nachhaltig auf drei bis vier Prozent zu bekommen angesichts unserer massiven Verschuldung, der zunehmenden Sparneigung der Konsumenten, der Notwendigkeit zur Schuldenreduzierung, engerer Kreditvergaben, einer höheren Arbeitslosenquote und anhaltender Schwäche im Immobiliensektor”, so Blodgets vernichtendes Urteil. Entsprechend hält Blodget den Markt jetzt auch mit 10 bis 15 Prozent für überbewertet und glaubt nur an eine Rallye im anhaltenden Bärenmarkt, der Anleger eine weitere Dekade in Atem halten könnte.
Schlechtester Börsenmonat: Sorge vor schwarzem September
Entsprechend sorgenvoll blicken Anleger auf die Notierungen nach der sechsmonatigen Rallye. Das gilt umso mehr, als nun auch noch eine besonders problematische Jahreszeit angebrochen ist. Traditionell sind Anleger vor dem Herbsteinbruch nämlich besonders auf der Hut. So sei der Oktober ein “besonders gefährlicher Monat für Aktienspekulationen”, schrieb der bekannte US-Schriftsteller Mark Twain. Um scherzhaft hinzuzufügen: “Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Februar.”
Doch auch und gerade der September treibt Anlegern traditionell die Sorgenfurchen auf die Stirn. Kein anderer Börsenmonat hat nämlich eine so schlechte Bilanz wie der September, in dem im Dax durchschnittlich 2,4 Prozent verloren gehen. Der Abwärtstrend ist auch in den USA intakt: In den vergangenen zwei Jahrzehnten konnten Anleger in nur 3 von 18 Fällen im S&P 500 im September Zuwächse verbuchen.
Und als sollte sich dieses ungeschriebene Gesetz gleich bestätigen, rasselten die Aktienmärkte am vergangenen Dienstag, den 1. September, auch gleich kräftig nach unten. Der Dax verlor am Dienstag mit knapp 3 Prozent so viel wie seit Anfang Juli nicht mehr, und auch der Dow Jones verlor in der Spitze über 200 Punkte, die zum Wochenende jedoch überraschenderweise fast wieder aufgeholt wurden.
Eine sichere Sache, das wissen erfahrene Anleger nur allzu gut, ist die Trendumkehr bei all dem Pessimismus im Markt indes noch lange nicht. “Je sicherer wir sind, dass die Märkte auseinanderfallen, desto sicherer ist es, dass sie das genaue Gegenteil tun”, erklärte James DePorre die scheinbar paradoxe Logik der Wall Street.
Für absolute Hochspannung ist also gesorgt, wenn die US-Aktienmärkte nach dem langen Labour Day-Wochenende heute wieder ihren Handel eröffnen und damit der eigentliche Startschuss zu einem heißen Herbst fällt.





