Was von der Kursrallye an den Börsen zu halten ist
Langfristig orientierte Anleger tun gut daran, nicht jeder Tagesschwankung zu viel Bedeutung beizumessen. Die aktuelle, bislang fünfmonatige Rallye an den Aktienmärkten gibt allerdings schon einige Rätsel auf, die Anleger interessieren sollten.
Die Banken haben seit März 2009 weltweit um fast 120 Prozent zugelegt und sind damit Spitzenreiter und Auslöser des Kursaufschwungs an den Börsen. Fundamentale Gründe gibt es für einen solchen Höhenflug freilich kaum. Blickt man ein Jahr zurück, dann ist der Bankensektor lediglich ein Viertel weniger wert an der Börse als damals. Das sagt zumindest der MSCI-Index der Banken aus.
Mögliche Ursachen für die Börsenrallye der Banken
Nach allem was man weiß, haben Hedgefonds ihren Anteil an Banken in den letzten Monaten kräftig erhöht. Die Frage ist jetzt nur, wann diese Investmentvehikel aussteigen und die Kurse damit wieder unter Druck setzen. Eine mögliche Ursache für die wieder stabilisierten Kurse könnten auch die weltweiten Leerverkaufverbote sein. Diese hatten zwar nach der Lehman-Pleite nicht gewirkt, aber nehmen jetzt den Druck offenbar vom Kessel.
Der Branche drohen weitere Verschärfungen der gesetzgeberischen Vorgaben und eine wünschenswert höhere Eigenkapitalunterlegung der Geschäfte würde den Banken ihr Spiel mit hohen Kapitalhebeln zukünftig verderben. Mit der Folge, dass die Margen in der Branche deutlich unter Druck geraten würden.
In den USA dürften in diesem Jahr mehr als 100 Banken das Zeitliche segnen und der Rest ist ebenfalls chronisch unterkapitalisiert - so zeigen mehrere Analysen der letzten Wochen. In den Vereinigten Staaten sucht der Staat jetzt vermehrt private Investoren, die sich an der Rekapitalisierung der Branche beteiligen. Das spricht alles nicht für die Richtigkeit des eher moderaten Abschlags auf Jahressicht, zumal viele Banken immer noch keine realistische Bewertung ihrer toxischen Wertpapiere vornehmen können. Wenn man so will tickt weiterhin eine Zeitbombe in den Kellern mancher Bank und das erschwert die Investorensuche.
Hinzu kommt das Risiko, dass durch die Folgen der wirtschaftlichen Krise nicht nur immer mehr Private ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können, sondern bald könnte bei Gewerbeimmobilien eine neue Abschreibungswelle auf Immobilieneigentümer und damit die Finanzbranche als Kreditgeber zukommen. Das passiert dann in etwa so: Wenn viele Unternehmen Einsparungen vornehmen und das eine oder andere Bürogebäude in New York plötzlich leersteht, dann fallen die Mieten und die Zahl der Büro-Neubauten sinkt. In der Folge wäre der kalkulatorische Preis von Gewerbeimmobilien mit einem Abschlag zu versehen.
Dieses Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen: In den arabischen Staaten wurde in den letzten Monaten schon so manches prestigeträchtige Bauvorhaben stillgelegt. Wenn es an späteren Kunden fehlt, müssen Kalkulationen neu vorgenommen werden und gelegentlich bedeutet das auch den Stopp. In den USA und Großbritannien wird eine deutliche Abwärtskorrektur bei Gewerbeimmobilien erwartet.
Andere Branchen
Während die Banken unagefochtener Spitzenreiter der letzten fünf Monate sind, konnten Versorger und Telekommunikationsanbieter nur knapp ein Viertel zulegen. Auf Sicht von einem Jahr ist der Abschlag bei Versorgern in etwa so groß wie der der Banken und die “Telekoms” dieser Welt liegen sogar besser im Rennen. Man könnte also formulieren: Wer vor der Krise Versorger besaß, der musste zumindest nicht solch eine Achterbahnfahrt mitmachen. Am wertstabilsten war in der Krise übrigens der Retailsektor, also Einzelhandelsunternehmen. Das dürfte daran liegen, dass die Menschen zunächst auf ein neues Auto oder einen neuen Kühlschrank verzichten, bevor sie auf Güter des täglichen Bedarfs verzichten. Der Sektor verlor auf Jahressicht nur drei Prozent.
Hoffnung könnten Anleger daraus schöpfen, dass die IT-Branche seit März um etwa 50 Prozent und damit leicht überdurchschnittlich zugelegt hat. Das ist eine Branche, die sehr konjunktursensibel ist und grundsätzlich früh im Zyklus profitieren sollte.
Wie es weitergeht
Sicherlich ist der Aktienmarkt ein besserer Indikator als manche Konjunkturindikator wie der des ifo-Instituts, denn dieser ist vermutlich nicht viel mehr als ein Abbild des Kapitalmarktes und schaukelt sich mit diesem und der Stimmung an den Aktienmärkten gegenseitig hoch. Sollten die Aktienkurse im nächsten Monat einbrechen, dann wird auch der Geschäftsklima-Index mit etwas Verzögerung folgen und Professor Sinn wird einige aus seiner Sicht wegweisende Erklärungen dazu abgeben. Wofür man solche Indizes benötigt ist eine andere Frage. Vermutlich könnte man manche Prognose einiger Wirtschaftsforschungsinstitute nämlich auch einfach weglassen. Ich selbst hatte mal vorgeschlagen, man solle Taxifahrer in Metropolen befragen nach deren Trinkgeld und daraus einen Indikator errechnen. Andere wollten schlüpfrige Erkenntnisse im Rotlichtmillieu verarbeiten und daraus einen Konjunkturindikator entwickeln.
Die Berichtssaison ist vorbei und in den nächsten Wochen sollten harte Konjunkturdaten wieder den Ton angeben. Dabei dürften die positiven Überraschungen erstmal seltener ausfallen. Egal was uns Auguren gerade erzählen. Die Krise ist weder beendet noch sind alle Folgen schon sichtbar. In Deutschland beispielsweise erwarten Konjunkturforscher, dass in diesem Herbst und Winter die Zahl der Arbeitslosen steigt und damit der Konsum geringer ausfällt.
Es muss nicht so kommen, dass uns die Krise noch kräftiger erwischt. Auch wenn das positive Szenario, dass die Arbeitslosenzahl unter vier Millionen bleibt, angesichts des Einbruchs der Wirtschaft um bis zu sechs Prozent eher unwahrscheinlich erscheint.
Am wahrscheinlichsten dürfte aktuell eine ausgeprägte Seitwärtsbewegung in der Konjunktur und an den Börsen sein. Besondere Gefahren an den Aktienmärkten gehen dabei von den Bankenbewertungen aus. In Relation zu anderen Branchen erscheint die Bankbranche zurzeit jedenfalls korrekturbedürftig, wodurch die Aktienmärkte wegen des hohen Gewichts der Finanzbranche leiden dürften. Ein Auslöser für eine Korrektur könnte eine Trendwende der Politik der Notenbanken sein, denn diese werden nicht ewig die Zinssätze auf dem aktuell niedrigen Niveau halten und die Rekordmargen der Institute sollten ohnehin in den nächsten Monaten wieder zusammenschmelzen.
Fazit: Selbst wenn es mit der Konjunktur wieder leicht bergauf geht, sollten Anleger die weiteren Entwicklungen in der Bankenbranche beachten, denn die Institute sind zurzeit eher ambitioniert bewertet.






