Halbjahres-Hausse: Das Geheimnis der 2009er-Rallye
Die Aktienmärkte laufen und laufen – trotz der noch immer ziemlich fragilen Lage der Konjunktur. So haben dann auch die großen Wirtschaftstitel die jüngste Hausse entdeckt und künden vom neuen Bullenmarkt. Zu Recht?
2000 Punkte sind es inzwischen tatsächlich bereits. 2000 Punkte höher notiert der Deutsche Aktienindex (Dax) in diesen strahlenden Sommertagen als noch im regnerischen März, der wieder einmal den Tiefpunkt eines Bärenmarktes darstellen sollte – zumindest bisher.
Denn auch bei 5574 Zählern, bei denen der Dax am Freitag ein neues Jahreshoch aufstellte, bleibt die Frage nach der Nachhaltigkeit der jüngsten Rallye. “Deutschland taumelt aus der Rezession“, titelte in der vergangenen Woche etwa “Spiegel Online” nach der überraschenden Rückkehr in die Wachstumszone mit einem BIP-Anstieg von 0,3 Prozent im zweiten Quartal.
In den letzten Tagen zogen dann die Auguren, Analysten und Verbraucher gleichermaßen nach. So hob die Deutsche Bank ihre Wachstumsprognose für 2010 überraschend deutlich von 0,4 auf 1,4 Prozent an. Der von der GfK erhobene Konsumklima-Index legte zum fünften Mal in Folge zu und stieg um 3,7 Punkte, nachdem der Indikator zuvor bereits um 3,4 Punkte zugelegt hatte. “Wir sehen eine Phase der Stabilisierung”, glaubt auch Christian Dreger, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
“Die Bullen sind wieder da”: Wirtschaftspresse feiert den neuen Optimismus
Weiter sind schon die Medien. “The case for optimism“, rief etwa die renommierte “Businessweek“ in der vergangenen Woche aus – und das noch bevor die US-Börsen zur kräftigsten Rallye seit 2007 angesetzt hatten. Erst Freitag war die längste Gewinnserie im Dow Jones zu Ende gegangen – gleich acht Handelstage in Folge konnte der US-Traditionsindex zulegen und dabei bis auf die Marke von zeitweise über 9600 Zähler klettern. Seit den März-Tiefen hat auch der Dow damit schon wieder über 3000 Punkte oder fast 50 Prozent an Wert hinzugewonnen – beim Dax sind es inzwischen sogar mehr als 55 Prozent.
Entsprechend haben auch die Anlegermagazine die Rallye an den Aktienmärkten längst wieder zum Titelthema gemacht: “Die Bullen sind wieder da”, hat etwa der “Der Aktionär” bemerkt. “Börse Online” hat unterdessen “8 Gründe” entdeckt, “warum die Börsen weiter steigen”, während “Focus Money” gar “die besten Aktien der Welt” ausgemacht haben will. Und selbst die konservative “Wirtschaftswoche” erklärte zuletzt, “warum sich Börsen und Konjunktur” erholen.
Börsenkolumnist Niquet legt sich fest: “In zwei bis drei Jahren steht alles doppelt so hoch“
Normalerweise schreit ein solcher Gleichklang der Medien als Titelseiten-Indikator nach einer Gegenreaktion. Doch ist es tatsächlich bereits so weit? Keinesfalls, wenn man dem Berliner Börsenkolumnisten Bernd Niquet glaubt, der in bestechender Form erklärt, warum die inzwischen halbjährige Rallye noch zur waschechten Hausse auswachsen dürfte:
“Die Geld- und Fiskalpolitik sind so expansiv wie niemals zuvor in der Geschichte. Die Wirtschaft und die Börse sind heftig eingebrochen. Wenn sie sich in den nächsten Jahren nicht kräftig erholen, fresse ich einen Besen. In zwei bis drei Jahren steht alles doppelt so hoch. Aber so lange muss man warten können. “
Kostolany erneut betrachtet: An welcher Phase des Aufschwungs angelangt?
Mit seiner Argumentation steht Niquet in der Tradition der alten Kostolany-Schule: “In der dritten, das heißt in der Übertreibungsphase der Abwärtsbewegung, sollte er kaufen und auch nicht erschrecken, wenn die Preise weiter zurückgehen”, erklärte der große Börsenaltmeister André Kostolany in seiner letzten, inzwischen zehn Jahre alten Buchveröffentlichung “Die Kunst über Geld nachzudenken”.
“In der ersten Phase der Aufwärtsbewegung sollte er weiter kaufen, denn der Tiefpunkt ist überwunden. In der zweiten Phase sollte er eigentlich nur Zuschauer sein, nur passiv mit der Bewegung gehen und sich seelisch darauf vorzubereiten, in der dritten Phase, bei all der allgemeinen Euphorie, aus dem Markt auszusteigen”.
Doch ist dieser Zeitpunkt nach einer sechsmonatigen Rallye, die viele Kleinanleger und Institutionelle auf dem falschen Fuß erwischt hat, bereits gekommen? Keinesfalls für Niquet: “Aufgrund des heftigen und abrupten Schocks im letzten Jahr, der keinerlei Grund in der Ökonomie fand, scheint die Annahme legitim, dass es sich dieses Mal auch schnell wieder deutlich zum Besseren wendet.“
James Altucher: Staatsstimulus kreiert “Blase aller Blasen”
Auch der frühere Hedgefondsmanager James Altucher teilt die Theorie eines anhaltenden Aufschwungs – und zwar aus ähnlichen Motiven wie Kostolany und Niquet, die argumentieren, sich nie gegen die Notenbanken zu stellen. So ist die laufende Aufwärtsbewegung denn auch der Liquidität geschuldet, die die Märkte noch auf ganze andere Niveaus heben dürfte, glaubt Altucher.
“Fürchten Sie sich nicht vor der nächsten Blase“, erklärt der New Yorker Börsenjournalist – und zieht Parallelen zu den letzten Perioden der Niedrigzinspolitik, den späten 90er-Jahren und dem Bärenmarkt zwischen 2001 und 2003.
“Diesmal ist es sogar noch besser. Die Zinsen fielen bis auf null. 600 Milliarden Dollar wurden zum Aufkauf fauler Kredite injiziert. Weitere 787 Milliarden folgten zur Stützung der Wirtschaft, gefolgt von den Billionen der anderen Weltwirtschaften. Und wissen Sie was? Das Stimulus-Paket kam bisher kaum an (10 Prozent wurden erst ausgegeben), und die Wirtschaft stabilisiert sich bereits. Was passiert also, wenn erst die anderen 700 Milliarden in den Umlauf kommen?” fragt sich Altucher rhetorisch.
Nur um sich selbst die Antwort zu geben: “Eine Blase von unvorstellbarem Ausmaß folgt. Die Blase aller Blasen.” Dass die laufende Hausse wieder böse enden dürfte, ist für Altucher Teil des Programms – man muss nur zusehen, dass man diesmal rechzeitig herauskommt.
Für eine Reihe von Börsenexperten steht dieser ‘point of no return’ indes unmittelbar bevor. Warum die Sorge vor stärkeren Einbrüchen ab September bei immer mehr Marktteilnehmern Konsens ist, lesen Sie in der nächsten Woche.






