Wirtschaft neu denken: die Wachstumsblase
In der modernen Ökonomie von heute sind Kapitalhebel überall im System notwendig: Jedes Unternehmen benötigt Fremdkapital, um Projekte zu finanzieren und das Geschäft weiter zu betreiben. Was ist jedoch das richtige Maß für den Einsatz von Fremdkapital?
Die Finanzbranche hat überdreht und zu viel Hebel im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung gesetzt. Jeder Kredit an ein Unternehmen oder an eine Privatperson ist solch ein Hebel. Dient er dazu, um spekulative Geschäfte zu finanzieren, dann handelt es sich um eine Finanzwette, die für sich genommen noch kein Problem darstellt. Fallen aber Wettpartner zu häufig aus, dann kommt es zu einer schädlichen Kettenreaktion - “Deleveraging” genannt. Das ist in Kurzform die Geschichte der aktuellen Finanzkrise.
Lehren aus der Finanzkrise
Jetzt steht die Welt vor einer Zäsur und der Frage, ob sie aus der Vergangenheit gelernt hat. Das ist gar nicht so einfach, denn die Balance zwischen akzeptabler und schädlichem Fremdkapitaleinsatz und der folgenden Blasenbildung muss in der Wirtschaft sozusagen täglich neu vermessen werden.
Nehmen wir das US-Wachstum: Die Vereinigten Staaten und seine Bürger haben stärker konsumiert als andere Nationen. Sie haben sich dafür bei anderen Nationen verschuldet und als Ganzes ein angenehmes “Leben auf Pump” geführt. Diese Wachstumsblase dürfte in dieser extremen Form nie wieder mit so viel heißer Luft aufgepumpt werden können. Dafür sorgen nicht nur neue Regeln, sondern vor allem die Vorsicht des US-Auslands, das in Zukunft weniger Kapitaltransfers leisten dürfte. Alleine im Mai flossen fast 20 Milliarden Euro aus den Vereinigten Staaten ab: Eine Entwicklung, die leicht zum Trend werden könnte.
Zuletzt sorgten Meldungen für Aufmerksamkeit, dass US-Bürger jetzt das Sparen entdeckt haben. Ein Anstieg der US-Sparquote von einem Prozent bewirkt dabei einen Nachfrageausfall von etwa 100 Milliarden US-Dollar. Das ist gerade zurzeit ein Problem. Die Kehrseite einer reduzierten US-induzierten Wachstumsblase ist natürlich ein weltweit geringeres wirtschaftliches Wachstum.
Ein Umstand, den die Aktienmarktteilnehmer momentan einfach ausblenden und das Wachstumspflänzchen einfach wieder in die Zukunft fortschreiben. Die USA fallen jedenfalls vermutlich über Jahrzehnte als Netto-Konsumenten aus. Zumindest wenn man ehrlich rechnet und nicht wieder in das alte Spiel verfällt, »Papier-Werte« zum Kauf von Konsum zu nutzen und Schulden auf Kredit zu finanzieren und dadurch eine Hebel-Kette in Gang zu setzt.
Die Effizienslüge
Die US-Bürger haben sich laut Berechnungen von McKinsey in den Jahren 2000 bis 2007 auf insgesamt 13,8 Billionen US-Dollar (13.800 Milliarden US-Dollar) verschuldet. Damit haben die Amerikaner ihre privaten Schulden seinerzeit verdoppelt. Solange diese Kreditkette funktionierte, war Wachstum angesagt. Jetzt kommt es zur Umkehrung des Prozesses. Auf kurze Sicht ist der US-Bürger als Steuerbürger in die Bresche gesprungen und ersetzt zeitweise durch Staatsnachfrage den geringeren privaten Konsum.
Einfältige Ökonomen loben das US-Wachstum immer noch und sehen die US-Wirtschaft als dynamisch an. Mancher liberale Politiker schaut mit Neid in die USA, die so tolle laxe Arbeitnehmerschutzgesetze hat und empfiehlt die Vorkrisen-Rezepte mangels besserer Ideen einfach weiter. Das ist bei manchen Politikern fehlendem Nachdenken oder verweigerter Einsicht geschuldet. Eine hochkarätig besetzte Expertenkommission kam übrigens erst kürzlich zu dem Ergebnis, dass ein erheblicher Teil des Wachstum der USA auf ein “ineffizientes” Gesundheitssystem zurückzuführen ist. Das ist eine spannende Erkenntnis für das Land, dass statt Güter vor allem sein wenig nachhaltiges Wirtschaftsdenken exportiert. Hinzu kommt der Bauboom, dessen Rechnung der Welt gerade präsentiert wird.
Experten empfehlen Nachfrage stärken
In Wirklichkeit war das Wachstum in den USA - 77 Prozent des US-Wachstums gehen auf den eigenen, kreditfinanzierten Konsum zurück - also nicht mehr als eine riesige Blase aus der gerade die Luft herausgelassen wurde. Die Unternehmensberatung McKinsey empfiehlt zur Entschuldung der Privaten kollektiv höhere Gehälter anstatt Sparen. Wow. Nochmal: Gehaltssteigerungen sind angesagt.
Die Frage ist: Woher soll das Geld für zukünftiges Wachstum kommen? Denn durch die Krise ist in den USA gerade die Arbeitslosigkeit auf etwa zehn Prozent hochgeschnellt. Wer aber keinen Job hat, der kann nicht mehr konsumieren. Der Rest dürfte vermehrt Angst vor Arbeitslosigkeit haben und auch das stützt den Konsum sicher nicht. Zudem stört das Arbeitskräfteüberangebot noch in volkswirtschaftlicher Sicht, da in Zeiten höherer Arbeitslosigkeit vieles passieren kann, aber dass die Löhne signifikant steigen, ist eher nicht zu erwarten.
Entscheidend scheint mir dennoch der Paradigmenwechsel der Unternehmensberater: Nachfrage stärken ist das vorgeschlage Rezept und nicht Unternehmen immer schlanker machen durch Einsatz immer höherer Kapitalhebel, also das eigentliche Kerngeschäft der Consultants und M&A-Berater. Ob man sich gedanklich konsequent selbst wegrationalisiert und ein Jahrzehnt der Arbeitnehmer einläutet?
Nach Asien schauen
Die Rezepte mit denen Unternehmen und Volkswirtschaften in Zukunft erfolgreich sein dürften, sollten Unternehmenslenker und Entscheider häufiger im asiatischen Raum suchen. Die US-Wirtschaft ist erkennbar weniger wettbewerbsfähig als die deutsche Volkswirtschaft und daher kaum ein Vorbild - weder strukturell noch methodisch. Der Blick auf einige Großunternehmen, die weltweite Marken repräsentieren wie Coca Cola, Procter & Gamble, Microsoft oder Intel verstellt das Erkennen der Realität.
Der britische “Economist” hat schon vor einigen Monaten auf den Perspektivenwechsel reagiert und eine asiatische Kolumne neu eingeführt. Das war ein wegweisender Schritt. In der Tat: Wenn es um das Thema Währungen geht, dann sollte man nicht amerikanischer Dollar-Nostalgie folgen, sondern die Vorschläge der Chinesen zur Devisenmarktstabilisierung genauer unter die Lupe nehmen.
Leider setzt sich auch in China bei manchen Verbrauchern das gefährliche US-Denken durch. Es fängt mit dem finanzierten Auto an. Noch vor wenigen Jahren kauften Chinesen Autos in erster Linie indem sie bar bezahlten.
In jedem Fall gilt: Es muss ein solideres Denken her, das sich mehr am Konsum des Erarbeiteten und der Stetigkeit statt scheinbar unendlichem Wachstum ausrichtet. Zudem sollte der ehrbare Kaufmann als Vorbild der nachwachsenden Unternehmergenerationen den Finanzjongleur ablösen. Es war erkennbar falsch, die US-Finanzindustrie vom Jahr 2000 an mit jährlich etwa 400 Milliarden US-Dollar wachsen zu lassen. Entstanden ist eine riesige Wachstumsblase, die bei der aktuellen Rückabwicklung erhebliche realwirtschaftliche Schäden hinterlässt. Und: Wiederholung ist nicht ausgeschlossen.






