2 Jahre Bärenmarkt: Die Krise, die keiner ernst nahm


Es ist keiner schöner Anblick in diesen Sommertagen: Seit Wochen bereits dümpeln die Märkte vor sich her. Trotz einer dreimonatigen Rallye notieren die Indizes gerade mal auf dem Startniveau des Jahres - nach brutalen Verlusten 2008. Fast wie in einem vergessenen Zeitalter erscheint da der Blick zurück zum Sommer vor zwei Jahren, als die Finanzmarktkrise mit ersten Alarmsignalen auf sich aufmerksam macht, die jedoch keiner erkennen wollte…

Der Gipfelsturm ist auf den Tag zwei Jahre her:  Bei 8105 Zählern schloss der Dax heute vor exakt zwei Jahren. Ein neues Allzeithoch war damit auch auf Basis des Schlusskurses aufgestellt worden – endlich, nach mehr als sieben Jahren. Viereinhalb Jahre zuvor noch hatte es so gar nicht danach ausgesehen: Bis auf seinerzeit unglaubliche 2188 Zähler sackte der deutsche Blue Chip-Index binnen dreier Jahre durch, ehe eine furiose Comebackrallye einsetzte. Zwei Jahre später sind Anleger nun bei 4900 Zählern im Dax erneut sehr weit von den einstigen Höchstständen entfernt – und irgendwo im Niemandsland zwischen Jahrzehnthochs- und Tiefs verschollen.

Dabei hatte noch vor zwei Jahren alles so gut ausgesehen: Euphorisch feierten dann auch die sogenannten Marktexperten die “Super-Börsen” (Anlegermagazin “Börse Online”). “Der Aufschwung wird auch über das Jahresende hinaus tragen, mit etwas Glück bis ans Ende des Jahrzehnts”, mutmaßte etwa Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo-Instituts.

Ulrich Hocker, Chef der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), machte Kleinaktionären dann auch auf weitere Kurssteigerungen Hoffnung: “Wenn die Wirtschaft weiter so gut läuft wie bisher, dann sehe ich im Moment keinen Grund, dass es nicht weiter nach oben gehen sollte”, erklärte er der “Berliner Zeitung”. Und auch der Deutsche Bank-Chefstratege Klaus Martini ließ sich Mitte letzten Jahres noch zu den verhängnisvollsten Worten der Börse hinreißen: “Diesmal ist alles anders”, erklärte Martini gegenüber manager-magazin.de  

Sommer 2007: Die Immobilienkrise greift wie ein Lauffeuer auf andere Marktsegmente über

Gefährlichere Worte wurden an der Börse bekanntlich nie gesprochen. Dabei waren die ersten Alarmzeichen bereits Ende Juni 2007 sichtbar. Plötzlich befanden sich zwei Fonds der renommierten US-Investmentbank Bear Stearns, die in Kreditderivaten auf zweitrangige Hypothekendarlehen investiert und sich dabei komplett verspekuliert hatten, in Schieflage.

Wie ein Lauffeuer griff die Immobilienkrise dann auf andere Marktsegmente über. Nach Bear Stearns kamen auch andere Banken mit ihren Fehlspekulationen auf Ramschhypotheken aus der Deckung: Wenige Wochen später musste der Bund mit einer konzertierten Aktion in Form einer Milliardenstütze bei der Mittelstandsbank IKB einspringen. Es folgte die Fast-Pleite der britischen Hypothekenbank Northern Rock und Liquiditäts-Interventionen der amerikanischen Notenbank, EZB und Bank of England.

15. September 2008: Mit Lehman fiel der Nimbus der scheinbar sorglosen Geldvermehrung an der Wall Street

Für einige Monate schien es dann, als würde an der Wall Street doch noch mal alles  gut werden, ehe die Bilanzsaison des dritten Quartals 2007 begann – und mit ihr die Horrorshow der Milliardenverluste der US-Großbanken. Mit Ausnahme von Goldman Sachs, die auf den Einbruch des US-Immobilienmarktes gewettet hatte, musste praktisch jede große US-Bank Milliardenabschreibungen vornehmen.

Ein Jahr später ging es dann in den vermutlich dramatischsten Börsen-Wochen der Nachkriegsgeschichte ums nackte Überleben der Kreditinstitute selbst. Lehman Brothers fiel in der Nacht zum 15. September – und mit ihr der Nimbus der scheinbar sorglosen Geldvermehrung an der Wall Street. Fast im Tagesrhythmus mussten die Filetstücke der Wall Street staatlich aufgefangen werden – die Citigroup, Morgan Stanley, AIG.

Ein Leben nach dem Herbstcrash 08: Die Finanzwelt hat sich nicht vollends in Rauch aufgelöst
 
Zwei Jahre nach dem Ausbruch der Immobilienkrise, die schließlich zur Weltkrise wurde, bestimmen die gestrauchelte n Protagonisten der Wall Street noch immer die Schlagzeilen. Gewinnwarnungen  gehören längst zum Alltag, Jahresprognosen werden immer öfter kassiert und immer neue Rekordverluste angekündigt. Der Einbruch des BIPs wuchs in immer  schwindelerregendere  Höhen - drei, vier, fünf oder inzwischen gar sechs Prozent werden gehandelt.

Und doch: Die Finanzwelt hat sich nicht vollends in Rauch aufgelöst – der  Wirtschaftskreislauf läuft weiter. Der Berliner Börsenkolumnist Bernd Niquet kann der Krise dann auch etwas Positives abgewinnen. „Im letzten Oktober stand der Dax bereits schon einmal bei 4.800 Punkten. Damals liehen sich die Banken gegenseitig kein Geld und man befürchtete den Zusammenbruch großer Bankhäuser, so dass der Staat gezwungen war, eine öffentliche Garantie für alle Bankguthaben abzugeben. Damals stand das Finanzsystem am Rande des Abgrundes. Dagegen sind unsere heutigen Sorgen lächerlich.“

„Extrem viel Spielraum auf dem gegenwärtigen Kursniveau nach oben?“

Entsprechend haben Anleger wieder einmal zwei Perspektiven: Die negative, nach der im dritten Bärenmarktjahr wie schließlich auch zwischen 2002 und 2003 noch einmal alles schlechter wird, bevor es besser werden kann – demnach stünde der ganze Shakeout mit einem Einbruch von noch einmal 50 Prozent bevor. 

Oder die Gegenwelt, in der mitten in der dunklen Stunde die besten Gelegenheiten lauern. Niquet skizziert sie so: „Die andere Möglichkeit der Beurteilung der Gegenwart lautet, dass „die Bewertung aus dem Oktober 2008 annähernd richtig war. Daraus jedoch folgt, dass das gegenwärtige Kursniveau extrem viel Spielraum nach oben besitzt – und im Grunde genommen lächerlich niedrig ist.“  Entscheiden Sie am zweiten Jahrestag der Krise selbst, in welchem Camp Sie sein wollen…

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