Deutschland hat Nachholbedarf bei nachhaltigen Investments


Pragmatische Nachhaltigkeitskonzepte weisen den Weg

Schnelllebigkeit, blinder Wachstumsglaube und die Knappheit der fossilen Energieressourcen haben die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in vielen Industriestaaten geprägt. Aus der „grünen“ Gegenbewegung, die sich in den 80er Jahren entwickelte, entwickelte sich unter dem Schlagwort „Nachhaltigkeit“ ein neuer Zeitgeist. Vor allem in Deutschland setzt sich nachhaltiges Denken und Handeln in allen möglichen Lebensbereichen durch. Auch im Bereich der Finanzprodukte hat sich mit den nachhaltigen Geldanlagen, auch Socially Responsible Investments (SRI) genannt, ein entsprechendes Angebot entwickelt. Vor allem über Investmentfonds wurden Anlageideen entwickelt, die den Zielen Klimawandel, Gesundheit und sozialer Frieden dienen sollen.

Deutsche Anleger auf der Hinterbank

Trotz der günstigen Ausgangssituation, stellt sich die Frage ob es sich bei nachhaltigen Geldanlagen noch um Nischenprodukte handelt oder ob sie bereits ein etablierter Bestandteil der deutschen Geldanlagen sind. Eine Studie von Eurosif untersuchte in 2008, welchen Anteil nachhaltige Investments an allen investierten Geldern in 13 europäischen Ländern haben. Eurosif unterscheidet hier zwischen nachhaltigen Investments im engeren Sinne und nachhaltigen Investments im weiteren Sinne, die Nachhaltigkeit als Zusatzkomponente berücksichtigen, z.B. durch ein oder zwei Ausschlußkriterien. Das Ergebnis der Studie ist zunächst nicht überraschend, denn es zeigt sich, dass nachhaltige Investments in Europa schon ein bedeutendes Ausmaß erreicht haben. Insgesamt wurden im Durchschnitt aller Länder fast 18% aller Gelder nachhaltig investiert. Davon waren Im bereits knapp 4% aller Gelder nachhaltig im engeren Sinne investiert, circa 14% aller Investments berücksichtigen Nachhaltigkeit als Zusatzkomponente. Erstaunlich ist jedoch, dass Deutschland weit hinter dem europäischen Durchschnitt zurück liegt. Zum Stichtag der Studie, Ende 2007 waren hier zu Lande gerade einmal 0,7% der Gelder nachhaltig investiert. Wie lässt sich diese geringe Quote mit der Vorbildrolle Deutschlands im Bereich der Umwelt- und Klimaschutztechnologien vereinen?

Weniger ist manchmal mehr

Da Nachhaltigkeitsinvestments im Schwerpunkt über Aktien und Aktienfonds abgebildet werden, bietet die grundsätzliche Zurückhaltung der deutschen Anleger gegenüber Aktienkapital eine Teilerklärung. Einen weiteren Schlüssel für die deutsche Zurückhaltung bei SRI liefert die Studie selbst. Während in Europa die Nachhaltigkeitsinvestments im erweiterten Kontext einen klaren Schwerpunkt bilden, finden sich in deutschen Depots und Vermögensverwaltungen solche Kompromisslösungen zwischen Nachhaltigkeit, Risiko und Rendite gar nicht. Ganz offensichtlich wird in Deutschland viel stärker als im Ausland polarisiert. Da nur sehr wenige Banken und Anlageberater wirklich in der Tiefe in den Fragen der Nachhaltigkeit geschult sind, scheuen viele Finanzberater eine aktive Empfehlung von Nachhaltigkeitsinvestments. Wer weiß schon, ob in der Fabrik, die Transformatoren für Windmühlen baut, auch Turbinen für Kohlekraftwerke geschraubt werden? Sind die wettbewerbsfähigen Preise eines Textilherstellers vielleicht das Ergebnis eines verwerflichen Lohndumpings? In welche Unternehmen kann man dann überhaupt noch investieren? Bevor sie hier auf dünnem Eis stehen, verzichten die meisten deutschen Finanzexperten völlig auf nachhaltige Anlageberatung. So sind es die informierten Kunden und die engagierte Presse, die bei dem Thema Nachhaltigkeit auf Perfektion drängen und damit vor allem eine breite Risikostreuung für die Verwalter deutlich erschweren. Die im restlichen Europa erfolgreichen Kompromisse zwischen Nachhaltigkeit, Risiko und Rendite, die eine weitaus breitere Zahl von Anlegern ansprechen, sind in Deutschland aus dem Blickfeld geraten.

Risiko, Rendite und Nachhaltigkeit in Balance

Einige wenige institutionelle Anleger wie z.B. kirchliche Pensionskassen und erste Publikumsfonds weisen durch ein klares Konzept und viel Transparenz einen Ausweg aus der deutschen Perfektionsfalle: Anstatt Nachhaltigkeit zu dem führenden Prinzip der Geldanlage zu erklären, werden Nachhaltigkeit, Risiko und Rendite gleichgewichtig in Balance gebracht. Praktisch bedeutet dies, dass der Vermögensverwalter zunächst die Nachhaltigkeitsziele für sich und den Anleger bewertet und dadurch möglicherweise das Profil der Lösung schärft. Vielleicht ist es für einen nachhaltig orientierten Anleger akzeptabel, dass ein Fonds in seinem Portefeuille das Thema Klimaschutz abdeckt, ein zweiter sich mit gesunder Ernährung und Vermeidung von Umweltverschmutzung befasst und ein dritter Fonds sich dem Ziel Sozialer Frieden widmet, anstatt ein Produkt zu suchen, dass alle drei Ziele gleichermaßen abdeckt. Durch diese Fokussierung erhält jede einzelne Lösung ein breiteres Anlagespektrum und kann damit die Risikokosten senken. Weitere Freiräume erhält der Vermögensverwalter, wenn er das Nachhaltigkeitskonzept mit einem Baukasten von Nachhaltigkeitsstrategien umsetzt, anstatt sich auf eine Methode zu konzentrieren. Die vier wichtigsten Strategien sind Positivkriterien, Ausschlusskriterien, Engagement und andere Ausdrucksformen gesellschaftlicher Verantwortung und wurden im Beitrag “Nachhaltigkeit muß transparenter werden” in der Vermögenszeitung näher analysiert.

Vom Dogmatismus zum Pragmatismus

Damit die deutschen Gelder wenigstens genauso nachhaltig arbeiten, wie die europäischen, ist ein Wandel vom Dogmatismus zum Pragmatismus wünschenswert. Wenn es gelingt, breitere Anlegerschichten aktiv für ausgewogene Nachhaltigkeitsinvestments zu begeistern, wird auch das Volumen der Gelder anwachsen, wo Nachhaltigkeit die oberste Priorität hat. Erste Produktlösungen weisen den Weg und nun bedarf es nur noch einer Integration der Berater, damit sich Deutschland nicht mehr für seine Geldanlagen schämen muss.

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