“Kasino-Kapitalismus” - Sie haben die Wahl
Über die Finanzkrise gibt es zurzeit drei deutschsprachige Bücher zur Auswahl. Alle haben ihre Vorzüge und Sie die Wahl. Als Autor eines dieser Bücher bin ich befangen, will Ihnen aber meine Meinung über die Angebote dennoch nicht vorenthalten.
Motiviert zum Schreiben eines Buches wurde ich zunächst von den Äußerungen eines gewissen Otto Graf Lambsdorff. Dieser war nach der Lehman-Pleite sehr schnell mit seiner Analyse auf dem Markt: Der Staat hat versagt, da er die Regeln falsch gesetzt hat. Diese Form des Liberalismus-Verständnisses ärgert mich schon seit Jahren - ich nenne das schlicht Dumm-Liberalismus. Und da ich vermutete, dass diese Erklärungsmuster sich fortsetzen würden, wollte ich versuchen, eine ausgewogenere Sicht der Krisenumstände zu liefern.
Absolut lesenswert: Holger Hanks »Amerikanischer Virus«
In der Tat erwartete ich eine liberale Verteidigungsschrift, die dann von Holger Hank geliefert wurde. Das Buch über den amerikanischen Virus ist in seinen liberalen Folgerungen allerdings nicht, was ich für richtig halte. Das Buch ist in jedem Fall lesenswert und flott geschrieben.
Sinns »Kasino-Kapitalismus«
Ein Wissenschaftler musste natürlich auch seine Meinung kundtun. Und dieses Buch habe ich ebenfalls mit Interesse gelesen und möchte Ihnen meine Gedanken dazu nicht vorenthalten. Subjektiv natürlich, aber das sind Sie von mir an dieser Stelle sicherlich gewohnt.
Das Buch ist im Vergleich zuletzt herausgekommen und konnte daher mehr Fakten einbauen, was für das Werk spricht. Genau diese Faktenzusammenstellungen zum Bankensektor und die vielen farbigen Grafiken (ich bin neidisch) machen das Buch absolut kaufenswert.
Als Student hätte ich solche Bücher jedenfalls lieber gelesen als manchen langweiligen Schinken aus der Unibibliothek über makroökonomische Modelle und Produktionsfunktionen. Denn Wirtschaft wird interessanter, wenn man einen aktuellen Bezug hat.
Was zu tun wäre
Sinn kritisiert in seinem Buch die zu geringe Eigenkapital-Unterlegung der Banken. Dafür führt er eine Reihe von Belegen an, die für die Zukunft noch Schlimmes erwarten lassen. Er fordert völlig zu Recht ein Umdenken und eine höhere Eigenkapital-Unterlegung im Bankensektor allgemein.
Dieser Punkt dürfte unter Ökonomen völlig unumstritten sein. Eine Teilursache des Problems sieht Sinn in der Haftungsbeschränkung an vielen Orten im System und bei vielen Marktteilnehmern. Das ist nachvollziehbar und richtig. Wenn ein Wirtschaftsteilnehmer nur viel gewinnen, aber wenig verlieren kann, dann ist ein ausgeprägtes »Glücksritterum«, wie Sinn dieses Verhalten mehrfach nennt, die logische Folge.
Sinn spricht von einem »Laschheitswettbewerb« bei der Aufsicht der Finanzmärkte. Die zuständigen Gremien wie die Bankenaufsicht stehen unter einem schädlichen Wettbewerb der Standorte und kommen ihren Aufgaben nicht in ausreichender Konsequenz nach.
Weltanschauungsökonomie statt Wissenschaft
Allerdings sollten die Leser sich auch darüber im Klaren sein, dass Ihnen unter dem Deckmantel von wissenschaftlicher Objektivität sehr viel Meinung untergejubelt wird. Das ist ein Problem vieler Volkswirte, da naturwissenschaftliche Zusammenhänge in der Wirtschaftswirklichkeit eben nicht existieren.
Wenn ein Buch von einem Wissenschaftler verantwortet wird, dann müssen andere Maßstäbe angelegt werden als bei Journalisten, die nicht mit der Veröffentlichungsmacht eines wissenschaftlichen Instituts und Objektivitätsanspruch daherkommen. Das ist manchmal positiv für die wissenschaftlichen Autoren und manchmal negativ.
Manche akademische Längen und Querverweise sind zu akzeptieren. Aber andere Dinge eben nicht.
Über den Titel “Kasino-Kapitalismus”
Ist es nur Geschichtsvergessenheit oder eine akademische Unverschämtheit, einen schlagkräftigen Buchtitel wie “Kasino-Kapitalismus” zu verwenden, dessen Herkunft den Lesern aber zu verschweigen? Offenbar hat es dem Institutsprofessor nicht gefallen, einen Mann zu ehren, der Konjunkturprogramme vorgeschlagen hat: John Maynard Keynes.
Daher hier eine Erinnerung: Keynes erfuhr im letzten Jahr eine Ehrung durch die Realität. Der Staat muss offenkundig stärker in den Wirtschaftskreislauf eingreifen als bisher von vielen Volkswirten in den deutschen Instituten befürwortet. »Le Figaro« erklärte Keynes folgerichtig zum Mann des Jahres 2009. Das muss selbst anerkennen, wer aus guten Gründen gegen zu viel Konjunktursteuerung durch den Staat ist.
Den Einwand es sei bekannt, dass der Begriff Kasino-Kapitalismus von Keynes stamme, gilt nicht. Denn wer das Buch und seine Fußnoten liest, der stellt schnell fest, wie akribisch Sinn sich selbst ins rechte Licht rückt und anmerkt, wann er welchen aus seiner Sicht wichtigen Beitrag zur Diskussion über die Krise geleistet hat. Anderen gönnt der »Professor aus München« wenig.
Etwas Geschichtsklitterung
In den USA gab es eine Gesetzgebung, die mit dem Community Reinvestment Act (CRA) im Jahr 1977 begann. 1995 behob Bill Clinton eine Praxis der Banken, die als »Redlining« bezeichnet wird. Damit ist die Diskrimminierung von Bevölkerungsteilen bei der Vergabe von Krediten gemeint. Diese Praxis, die Besitzstände manifestiert hätte, wurde durch eine Gesetzesanpassung verändert. Dort ist lediglich eine Selbstverständlichkeit geregelt: Nicht die Herkunft oder die ethnische Zugehörigkeit darf über die Vergabe eines Kredits entscheiden.
Professor Sinn macht daraus die Aufforderung des Staates, das Subprime-Geschäft auszuweiten. Er blendet völlig aus, welche Rolle die privaten Geldinstitute spielten und welche Möglichkeiten bestanden, ein vernünftiges Geschäft aufzuziehen. Die Banken verdienten mit den Krediten viel Geld und wandten fragliche Methoden an: Wells Fargo vergab solche Ramschkredite.
Genüßlich erwähnt Sinn, dass der neue Präsident beteiligt war: Barack Obama hatte lediglich die Rechte der Diskriminierten verteidigt und ein bestehendes Gesetz zur Anwendung gebracht. Das ist gemeinhin der Job eines Anwalts. Daraus einen Zusammenhang oder gar Verantwortlichkeit herzustellen, wurde bereits im US-Wahlkampf versucht. Man suchte einen Schuldigen für die Krise im anderen Lager und da war man bei dem Gesetz aus dem Jahr 1977 scheinbar fündig geworden. Diese Logik ist eindeutig zu schlicht und oberflächlich. Sinn verwendet sie trotzdem und prominent in seinem Buch.
Stattdessen ist er bei der Kritik an dem Ökonomen “Mr. Bubble” Greenspan vorsichtiger. Dabei war es die übertriebene Senkung der Leitzinsen, die nach dem Anschlag des 11. September 2001, die einen gehörigen Anteil an der Preisblase im Immobiliensektor verursacht hat.
Ein kleiner Einwurf an dieser Stelle: Im Jahr 2001 meldete sich ein wenig begabter Philosoph zu Wort: »Häuser werden Jobs und Jobs Häuser gebären.« Kurze Zeit später explodierten die Subprime-Kredite in den USA und versechsfachten sich von 2001 bis 2007 (Abbildung 5.4 bei Sinn). Während er die Clinton-Novelle aus 1995 noch als Ursache ausgemacht haben will, vergisst Sinn den oben zitierten Philosophen zu benennen oder eine Ursache für die 2001 explodierenden Subprime-Kredite zu geben. Der Philosoph war übrigens der konservative Georg W. Bush, in dessen Amtszeit die Subprime-Kredite explodierten und das war - siehe Zitat - politisch gewünscht.
Ich glaube nicht an die Schuldtheorie einzelner Akteure - nicht mal im Falle von George W. Bush oder Alan Greenspan. Aber der Punkt ist: Wenn man als Wissenschaftler Ursachen benennt, dann muss man präzise sein. Sinn ist es offenkundig nur wenn es ihm gefällt. Er verteidigt mit dem Buch sein eigenes ökonomisches Weltbild. Sinn sieht eine gehörige Portion Schuld bei Politikern, die in den USA Sozialpolitik betreiben wollten (Clinton), und die armen Banken dadurch in ihr Verderben schickten. Dieser Art von Wirtschaftsgeschichtsklitterung sollte kein Leser einem Autor durchgehen lassen und das ist eine Art »Persil-Schein« für Bankenvorstände - und das ist auf der anderen Seite der Schuld-Skala sicher nicht akzeptabel.
Was Wissenschaft leisten sollte und kann
»Animal Spirits« (George Akerlof und Robert Shillers) sind eine wichtige Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Analyserahmens. Statt dem Ideal des rationalen Wirtschaftssubjektes weiter nachzulaufen und dadurch wenig praktische Analysen zu liefern, sollten Wissenschaftler ihr Analyseinstrumentarium erweitern. Denn bestimmte Verhaltensweisen, die im besten Fall eine Marktstörung bedeuten, gehen in volkswirtschaftlicher Draufsicht derzeit noch unter, dürften aber in der Praxis die Regel und nicht die Ausnahme sein.
Statt rechthaberisch deskriptive Analysen zu liefern, sollten Wissenschaftler einen praktischeren Ansatz verfolgen, eigene Fehler eingestehen und ein Regelwerk entwickeln, das Unternehmen Schutz vor spekulativen Preisbewegungen bietet (Rohstoff- und Währungsmärkte). Auch wäre es die Aufgabe der Volkswirte, die reine Lehre zu Gunsten einer praktisch orientierten Empfehlungswissenschaft beiseite zu legen. Unter deutschen Volkswirten ist man leider noch längst nicht so weit. In Deutschland gibt es in der Wissenschaft vor allem Gralshüter, die wenig praktische Hilfen anbieten.
Sinn gibt selbst regelmäßig den Croupier
Auch verschweigt Professor Sinn, der natürlich den ifo-Geschäftsklimaindex und seine Aussagekraft ausführlich erläutert, dass er einmal im Monat höchstpersönlich die Roulette-Kugel für die Finanzmärkte wirft. Das geschieht immer dann, wenn das Institut den selbst berechneten Index veröffentlicht. Glaubwürdiger wäre der Wissenschaftler jedenfalls wenn er den Index bereits vor Öffnung der Börsen veröffentlichte. Dann würde aber die Aufmerksamkeit der geliebten Öffentlichkeit vermutlich deutlich geringer ausfallen und das will Sinn dann wohl sicher nicht.
In eigener Sache
Mein Buchangebot »Neue Spielregeln für das Finanzkasino - die Rückkehr des Anlegers zum gesunden Menschenverstand« will ich nicht weiter kommentieren und überlasse es jedem selbst, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Praktisch sollte das Buch werden und für eine Zielgruppe gedacht: Das sind aus meiner Sicht vor allem Menschen, die ihr Geld unter den erschwerten Bedingungen anlegen wollen und die einer Orientierung für die Zukunft bedürfen. Daher habe ich die Akteure auf dem Finanzmarkt, ihr Treiben und ihre Motivation beleuchtet - ich hoffe für jedermann verständlich und genügend kritisch. Die Finanzkrise hat den notwendigen Rahmen dafür geliefert und einige Schwächen beispielsweise im Risikomanagement und Risikoverständnis der Akteure offenbart.
Zum Verlagstext
Leseprobe (Neue Spielregeln für das Finanzkasino)






