Wachstumsdelle: Mikrofinanz in der globalen Finanzkrise!
Ein Fazit aus dem Annual Meeting 2009 des European Fund for Southeast Europe (EFSE)
DIE WIRTSCHAFTSKRISE TRIFFT DIE SCHWELLENLÄNDER
Während die aktuellen Presseberichte sich noch mit den Auswirkungen der Finanzkrise auf die Bilanzen der Industriestaaten befassten, brachen in den letzten Monate mehrere Schockwellen gleichzeitig über viele Schwellenländer herein. Der Einbruch der globalen Nachfrage führte vor allem auf den Werkbänken der Niedriglohnländer zu einem harten Produktionseinbruch. Ohne Arbeitsmarktregulierungen verursacht dies unmittelbar steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne in diesen Regionen. Durch die allgemeine Vertrauenskrise wurden erhebliche Gelder aus den Schwellenländern abgezogen und wieder in Hartwährungsländern geparkt. Zugleich erfasste die lokalen Banken eine massive Vertrauenskrise durch die eigene Bevölkerung. Ein deutlicher Abzug der Spareinlagen ist die Folge.
Dies verschärft die Kreditklemme gerade in den Schwellenländern und belastet den Mittelstand und die lokalen Unternehmen. Hinzu kam, dass viele Währungen massive Abwertungen erfuhren. Die billigen Auslandskredite in Hartwährungen, die vielfach das Wachstum der letzten Jahre angefeuert hatten, werden für diese Länder nun zu einer schweren Hypothek. Zu guter Letzt brechen im Zuge der globalen Rezession derzeit auch die Rücküberweisungen der Emigranten aus den Industriestaaten in ihre Heimat ein. Für einige Länder machen diese Rücküberweisungen einen zweistelligen Anteil am Bruttosozialprodukt aus. Im Ergebnis ist die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung, rund 4 Mrd. Menschen mit einem täglichen Einkommen von weniger als 4 Euro, durch die Finanzkrise am härtesten betroffen.
SCHLÜSSELFAKTOR MIKROFINANZ
Ein Silberstreif am Horizont des Sozialen Friedens war bislang die Entwicklung des Mikrofinanzsektors, der bereits Millionen von Menschen mit Kleinkrediten den Weg in eine wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichte. Diese Wohltaten waren auch für die Geldgeber bislang ein gutes Geschäft. Über Jahre hinweg hat sich die Anlageklasse Mikrofinanz von den globalen Finanzmärkten abkoppeln können und seinen Anlegern stabile Erträge bei geringen Schwankungsrisiken beschert. Wie bewährt sich dieser Sektor nun inmitten der globalen Wirtschaftskrise? Kann die Mikrofinanzbranche das dynamische Wachstum der vergangenen Jahre ungestört weiter fortsetzen? Der größte europäische Mikrofinanzfonds EFSE, der sich mit einem Volumen von rd. 600 Mio. Euro dem ökonomischen Aufbau unserer armen Nachbarn in Südosteuropa verschrieben hat, diskutierte im serbischen Novi Sad mit internationalen Experten der Mikrofinanzbranche über diese Fragen.
NEUE HERAUSFORDERUNG FÜR MIKROFINANZIERER
Das robuste Selbstvertrauen der dynamischen Mikrokreditgeber ist einem kritischeren Selbstbild gewichen. Je stärker das regionale Wachstum in den letzten Jahren, desto größer ist nun das konjunkturelle Rückschlagspotenzial mit entsprechenden Risiken auch für die Mikrounternehmer. Die vielfältigen Belastungen machen auch vor den Tausenden von Kleinstunternehmern gerade in Schwellenländern nicht mehr halt. Die bislang extrem niedrige Kreditausfallrate zeigt in der Konsequenz bei ersten Instituten nach oben. Nun müssen auch die sozial orientierten Mikrobanken ihre Kreditvergabepolitik einem stärkerem Risikomanagement unterwerfen, um den Qualitätsanforderungen Rechnung zu tragen. Wo Zahlungsausfälle drohen, muss die bisherige Krediteinschätzung vor Ort überprüft werden, um die Kleinkredite entweder zu restrukturieren oder ggf. auch abzuschreiben. War die Bewältigung des meist zweistelligen Wachstums der Kleinkreditbranche bislang der dominierende Engpass, ist es nun die Umsetzung von Risikomanagementsystemen und der Spagat zwischen sozialem Auftrag und dem Schutz des gesamten Finanzierungssystems. In einigen Ländern droht den Kleinkreditfinanzierern zusätzliches Ungemach durch die enorme Verteuerung der Fremdwährungskredite, ausgelöst durch die ungeahnte Schwäche der Landeswährungen.
KRISE ERHÖHT QUALITÄT DER MIKROFINANZBANKEN
Was bedeutet diese neue Entwicklung für die Geldgeber der Mikrofinanzbranche? Die Experten sind sich einig, dass die aktuelle Krise die Qualität der Mikrofinanzbranche stärken wird und damit die notwendige Grundlage für nachhaltiges Wachstum der sozialen Banken geschaffen wird. Kurzfristig werden die ertragsverwöhnten Mikrofinanzierer ihre meist gut dotierten Kapitalreserven benötigen, um krisenbedingte Ausfälle und Währungsverluste zu kompensieren. In Einzelfällen wird dies zu Konsolidierungen und Übernahmen einzelner Institute durch Banken oder stärkere Marktteilnehmer führen. Dass auch diese Entwicklungen geräuschlos und geordnet erfolgen können, bewies jüngst die krisenbedingte Übernahme des Mikrofinanziers Opportunity Montenegro durch die Österreichische Erste Bank. Neben den wirtschaftlichen Reserven der Mikrofinanzbanken gibt es noch einen weiteren wichtigen Stabilisierungsfaktor: Lt. CGAP waren per Ende 2007 die 6 größten Geldgeber für Mikrofinanz staatliche oder multilaterale Institutionen wie die KfW oder die Weltbank. Zusammen stellen diese Investoren demnach über 50% der Refinanzierungsmittel für die Mikrofinanzfonds. Es gibt keine andere Branche, in der staatliche und private Cofinanzierung so intensiv betrieben wird, wie im Bereich Mikrofinanz. Das gesellschaftliche Interesse an dem Erfolg der Mikrofinanzbanken kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass mittlerweile durch die internationale Staatengemeinschaft ein Rettungsschirm mit einem Volumen von 500 Mio. Euro aufgespannt wurde. Schulter an Schulter mit den staatlichen Institutionen brauchen private Geldgeber in der Anlageklasse Mikrofinanz weiterhin keine Angst um ihre Einlagen zu haben. Auch wenn z.B. die Währungsschwankungen in Einzelfällen die Renditen schmälern können, empfehlen sich Mikrofinanzinvestments unverändert als wertstabiles Investment mit angemessener Verzinsung und hoher sozialer Rendite.
SOLIDARITÄT IST WICHTIGER DENN JE
Die Last der globalen Krise tragen nach aktueller Analyse die Menschen, die am wenigsten besitzen und die geringste Verantwortung bei der Entstehung der Krise tragen. Gerade in diesen Marktphasen sollte jeder Kleinentrepreneur, der einen Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung in seinem Dorf oder seiner Umgebung leisten kann, den Zugang zu Mikrokrediten erhalten. Ein Grund mehr für westliche Investoren, bei der Geldanlage Solidarität zu zeigen und die Mikrofinanzbanken jetzt durch zusätzliche Mittel zu unterstützen. Auch wenn es in Deutschland bedauerlicherweise keine Publikumsfonds gibt, die zu 100% in Mikrofinanz investieren; zumindest über eine kleine Zahl nachhaltiger Mischfonds steht diese Anlageklasse allen Privatinvestoren sogar mit geringen Anlagesummen und Sparplänen zur Verfügung.






Kommentare
Daniel
15 Juni 2009 um 12:06
Auffällig ist, dass selbst nach neun Monaten heißer Finanz- und mittlerweile Wirtschaftskrise die öffentliche Darstellung der Banken mit ganz wenigen Ausnahmen weiter im Nebel verharrt. Eine echte Neupositionierung traditioneller Institute und Geschäftsfelder bleibt entweder einer breiteren Öffentlichkeit verborgen oder findet gar nicht statt. Immerhin wird in Fachkreisen intensiver über eine Neuausrichtung diskutiert. Aber aus Gesprächen mit Bankern höre ich weiterhin eine relativ große Zurückhaltung, neue Wege zu gehen. Vielfach ist man mit der Stabilisierung gegenwärtiger Geschäftsmodelle beschäftigt.
Zu den ständig wiederholten Vorschlägen aus Politik und Banksektor gehört die Anforderung, das Vertrauen wieder herzustellen und dies durch mehr Transparenz zu erreichen. Dabei bleibt es meist bei dieser gut klingenden Forderung, die mittlerweile zu einer inhaltsleeren Floskel verkommen ist, weil sie nicht einmal in Ansätzen erfüllt wird.
Hier noch mehr dazu gefunden:
http://tr.im/ow9Z