Risiko verteilen - einige Gedanken für Arbeitnehmer


Gelegentlich hört und liest man absurd klingende Nachrichten: Auf der Commerzbank-Hauptversammlung ging es in diesem Jahr hoch her, da einige Aktionäre sich um ihr Erspartes gebracht sahen. Was bei manchen Bankenvorständen passierte, ist durch nichts zu entschuldigen, aber Anleger sollten Aktien auch nicht als Wertaufbewahrungsmittel betrachten.

Zu einem wohl strukturierten privaten Depot gehört neben unterschiedlichen Aktien auch immer ein ordentlicher Anteil an festverzinslichen Wertpapieren. Und: ein geringerer Anteil an Bar- oder Termingeld. Nur mit einem solchen Portfolio ausgestattet können Anleger flexibel reagieren oder bei geringen Renditeerwartungen ihrer aktuellen Wertpapiere, notwendige Umstrukturierungen vornehmen.

Aktienprogramme

Eine Frage ist aus Beratersicht immer zu stellen: Wie ist ein Aktionär zu seinen Wertpapieren gekommen. Hat er die Wertpapiere zusammengekauft oder sind sie Teil seines Vergütungssystems? In diesen Tagen machen sich viele Arbeitnehmer zu Recht Gedanken über ihre Eigenanlagen. Selbst Anteilsscheine, die mit Vorteilen aus Aktienkaufprogrammen erworben wurden, sind inzwischen deutlich weniger wert und der Preisvorteil beim Erwerb ist als Risikopuffer oft schnell aufgebraucht.

Was auf der einen Seite sinnvoll erscheint, nämlich Aktienbesitz in Arbeitnehmerhand, kann also zu einem Bumerang werden, wenn ein börsennotiertes Unternehmen in der Krise steckt. Gleichzeitig ist nicht nur das Kapital, sondern auch der eigene Arbeitsplatz bedroht. Wenn man Geld und Sicherheit am meisten benötigt, lässt einen das eigene Unternehmen doppelt in Stich.

Geschichte wiederholt sich eben doch: In den guten alten Goldgräberzeiten der “New Economy” mussten viele Arbeitnehmer erleben, wie aus Aktienoptionen wertlose Versprechen wurden.  Der variable Teil der eigenen Vergütung fiel bei vielen Aktienarbeitnehmern später ziemlich mager aus. Dabei hätten jene Mitarbeiter besser möglichst schnell “auscashen” sollen - sofern sie denn zur ersten Generation gehörten.

Lebensleistung in Aktien

Wer Aktien von seinem Unternehmen angeboten erhält, der sollte bei den meisten internen Programmen zugreifen, aber auch gelegentlich Kasse machen, denn im eigenen Depot zu loyal zum Arbeitgeber zu stehen kann teuer sein. Wer als Rentner fast ausschließlich auf die Dividenden seines alten Arbeitgebers - oft mit Vorzugsaktien -  setzt, der handelt fahrlässig und ist mitschuldig an der eigene Misere. Man könnte auch die Hälfte des Wertes der eigenen Aktien in Wertpapiere des größten Konkurrenten investieren. Das mag unsolidarisch, ja sogar verräterisch klingen und ist dennoch nur eine gedankliche Provokation. Jedenfalls wäre das besser als auf der jährlichen Hauptversammlung einen Scherbenhaufen zu betrachten. Noch besser wäre freilich eine Streuung über andere Branchen hinweg.

Dauerhaftes Aktienengagement bei “seinem” Unternehmen ist wie beschrieben nicht nur von Vorteil: Denn nach einigen Jahren Betriebszugehörigkeit kann das Aktienpaket schnell die Hälfte des angelegten Kapitals ausmachen. Natürlich ist es Geschmackssache, welchen Anteil an einem Unternehmen man als Maximum definiert. Ich persönlich denke: Mehr als ein Viertel ist wegen der beschriebenen Problematik eindeutig zu viel.

Vor einem Scheinargument sollten Arbeitnehmer sich schützen: »Ich kenne den Laden schließlich und weiß wie gut unser Unternehmen aufgestellt ist.« Der Aktienkurs eines Unternehmens ist vor allem von der Konjunktur abhängig. Der Vorstand der Hypo Real Estate hatte kurz vor dem letztjährigen Desaster noch Aktien hinzugekauft. Mein These lautet: Wenn nicht mal ein Bankvorstand die Lage und eigene Positionierung seines Instituts richtig einschätzen kann, dann wohl sicher niemand anderer mit vermeintlichen “Insider”-Kenntnissen. Was übrigens gegen manche unnütze Insiderregel spricht.

Bei Arbeitnehmern entsteht oft so etwas wie Betriebsblindheit. Opelianer denken natürlich ihre Autos seien tolle Autos - sind sie ja auch - und eine Rettung ihrer Arbeitsplätze sei sinnvoll. Aber mal Hand aufs Herz: Wer ist nicht alles für die Opel-Rettung zurzeit und würde dennoch niemals einen Opel kaufen, sondern fährt privat lieber BMW, VW, Mercedes oder Audi. Und in einer Marktwirtschaft entscheiden Kaufprozesse darüber, ob ein Unternehmen Bestand hat oder nicht.

Beispiel Arcandor

Die Aktie von Arcandor (das Unternehmen hat eine erstklassige Homepage) notierte vor etwas mehr als zwei Jahren bei knapp 28 Euro und war zuletzt unter zwei Euro zu haben. Das ist ein dramatischer Wertverlust, den kein privates Depot mit einem hohen Anteil an einer Einzelaktie einigermaßen unbeschadet übersteht.

Welche Folgerungen sind daraus zu ziehen? Es ist jetzt einfach, die Manager des Unternehmens als Versager hinzustellen: Diese haben sicherlich Fehler gemacht, möglicherweise sogar viele, aber viele Anteilseigner haben fahrlässig gehandelt, wenn sie ihren Anteil am Unternehmen nicht rechtzeitig reduziert haben. Ich will möglichst Sätze wie »Anleger sehen sich um ihr gesamtes Erspartes gebracht« im Zusammenhang mit Aktienbesitz nicht mehr lesen müssen. Wer sparen will, der sollte keine Aktien kaufen und seine Vorzugsaktien schnellstmöglich verkaufen.

Deutschlandfonds

Der Begriff des Deutschlandsfonds ist leider schon besetzt durch einen Investmentfonds und durch die neuere Idee, deutsche Unternehmen zu retten und die Aktivitäten in einem Fonds zu bündeln.

Unter dem Begriff Deutschlandsfonds hatte ich immer eine völlig andere Vorstellung: Gewerkschaften sollten unter einem gemeinsamen Dach praktische Solidarität organisieren: Jeder der will, kann seine Anteile in einen Pool einbringen, der dann gemeinschaftlich von einem Ausschuß verwaltet wird. Dabei erhalten die Anteilseigner gleich hohe Ausschüttungen pro Anteil und teilen sich das Risiko der Einzelinsolvenz. Der Fonds betreibt eine gemäßigte Anlagepolitik und reduziert Einzelbranchenanteile gelegentlich, um das Risiko für alle möglichst gering zu halten. Er mengt sich nicht in die Unternehmenspolitik ein, wie Pensionsfonds in den USA, dafür wären die Ausschüttungen aus diesem Fonds allerdings mit Steuervorteilen zu versehen.

Die Sache wäre natürlich freiwillig zu organisieren. Vermutlich wären vor einigen Monaten in dem Fonds Banken geringer vertreten gewesen, da deren Mitarbeiter auf die hohen Ausschüttungen der eigenen Institute vertraut hatten. Heute würden viele Banker gerne Risiken teilen, brächten aber gleichzeitig deulich reduziertes Kapital ein. Damit nicht nur bankrottgefährdete Unternehmenseigner einzahlen, bedürfte es einiger Regeln wie Sperrfristen und so weiter. Das wäre aus meiner Sicht ein sinnvolles Projekt für eine Gewerkschaftsorganisation.

Bis dahin sollte jeder Arbeitnehmer die Diversifizierung seiner Kapitalanlagen selbst in die Hand nehmen und gelegentlich seine Loyalität zum eigenen Unternehmen hintanstellen, wenn es um das eigene Depot geht.

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