Wirtschaft neu denken: Über das Sein des Exportweltmeisters


Es gibt kaum etwas worauf Deutsche so stolz sind wie auf ihre Exporterfolge. Leider ist das nur eine Seite der Medaille: Wir verwalten riesige Exportüberschüsse und andere Länder verschulden sich mittelbar bei uns. Genau dieses Phänomen war eine Teilursache der aktuellen Krise.

Wir Deutschen sind stolz darauf, mehr als jedes andere Land der Welt auszuführen. Im Bundestag wird von Abgeordneten kaum ein anderer Begriff derart häufig benutzt, um die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu unterstreichen, wie der des »Exportweltmeisters«. Das Statistische Bundesamt ermittelte, dass im Jahr 2008 von Deutschland Waren im Wert von knapp 995 Milliarden Euro ausgeführt und Waren im Wert von fast 819 Milliarden Euro eingeführt wurden. Der resultierende Außenhandelsüberschuss betrug also etwa 176 Milliarden Euro.

Von den Leiden der Exportnationen

In der aktuellen Krise erweist sich die resultierende Exportabhängigkeit jetzt als Problem. Logischerweise spüren vor allem Deutschland, China und Japan den Wegfall der weltweiten Nachfrage besonders stark. In Deutschland sind viele Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Export abhängig und stehen jetzt angeblich auf der Kippe. Dabei sieht es anderswo viel dramatischer aus als bei uns: In China sollen bereits 20 Millionen Wanderarbeiter ihren Job verloren haben. Bezogen auf die Arbeitsbevölkerung von China entspricht das ungefähr einem schnellen Wegfall von einer Million Jobs hierzulande.

Trotz dieser Relativierung der Zahlen sollte man sich die Dimension vor Augen führen: Fünf Städte der Größe von Berlin (Einwohnerzahl = 3,8 Millionen) werden mal eben entvölkert. Jedem dürfte klar sein, welche Verwerfungen und Instabilitäten dadurch in einer Region entstehen. Japan und Deutschland leiden auch, sind aber weiterentwickelt und mit besseren Sozial-Leistungen ausgestattet. Manche Debatte um soziale Unruhen hierzulande klingt aus ausländischer Perspektive daher sicherlich lächerlich.

In Deutschland hingegen ist noch Zeit für einen bizarren Kampf, der medial um den Titel der größten Exportwirtschaft geführt wird. Zuletzt kam es zu Überlegungen, dass Deutschland eventuell 2009 trotz sinkender Exportnachfrage den prestigeträchtigen Titel behalten könnte, da in China der Export stärker einbricht als bei uns. Solche Überlegungen sind genauso dumm wie gefährlich. Sie lenken nämlich ab von der wichtigen Diskussion, die wir hierzulande führen müssten: Ein Land, das besonders viel exportiert, sollte auf der anderen Seite dauerhaft besonders emsig importieren, um die Weltwirtschaft in einem stabileren Gleichgewicht zu halten.

Was bedeutet das für eine neue Zehnjahres-Agenda?

Angela Merkel kam jüngst auf einer Pressekonferenz ins Schwitzen: Ein amerikanischer Journalist fragte die Bundeskanzlerin, ob Deutschland angesichts seines Außenhandelsüberschusses nicht auch zur Problementstehung beigetragen hätte. Barack Obama sprang ihr bei: Deutschland könne nichts dafür, dass das Land so wettbewerbsfähig sei. Das war zunächst galant gelöst.

Bezogen auf Amerika liegt der neue US-Präsident sicher richtig. Die USA haben über Jahrzehnte “bewusst” auf Pump gelebt (Außenhandelsdefizit 2008 ungefähr 820 Milliarden USD) und können sich jetzt kaum über ihre selbst herbeigeführte Situation beklagen. Nimmt man eine etwas weitere Perspektive ein, dann bleibt an der Kritik der Frage ein wahrer Kern: Deutschland hat sich über einen längeren Zeitraum national-egoistisch fit für die Globalisierungskämpfe gemacht und immer größere Außenhandelsüberschüsse aufgehäuft. Was bei uns Überschüsse sind, sind Defizite bei anderen Nationen. Nach einem Jahrzehnt des Strebens nach immer mehr Leistungskraft, die auch durch Lohnzurückhaltung und soziale Einschnitte erreicht wurden, gilt es jetzt das eigene Denken neu zu justieren und auf die entstandenen Langfristprobleme zu reagieren.

Eine vernünftige Agenda, die zur Stabilität der Welt beiträgt, würde Deutschlands alleiniges Streben nach mehr Wettbewerbsfähigkeit hintanstellen. Für die nächsten zehn Jahre wäre vermutlich in politischer Diktion eine “ursozialdemokratische” Politik der Umverteilung angebracht. Die eigene Binnennachfrage sollte gesteigert werden und Deutsche sollten damit auch im Ausland vermehrt Waren statt Wertpapiere erwerben, um den eigenen Überschuss auf niedrigerem Niveau zu stabilisieren. Das ist in der Tat ein Balance-Akt: Denn wir müssen auf der einen Seite gar nicht auf unsere Wettbewerbsfähigkeit verzichten - schon heute sind Exportarbeitsplätze bei uns am besten bezahlt und wünschenswert. Die Überschüsse gilt es dennoch konsequent abzubauen. Wer das durch sein Programm am besten hinbekommt, der hat im Herbst die Stimmen der Mehrheit bei der nächsten Bundestagswahl verdient. Ob das die Sozialdemokraten von der CDU, der SPD oder bei den Grünen sind, ist eine andere Frage. Steuersenkungen für konsumferne Schichten - gemeint sind die so genannten Leistungsträger der Gesellschaft (früher hieß es mal ehrlicher Besserverdienende) -, wie sie von einer seit Monaten wirtschaftspolitisch orientierungslosen FDP vorgeschlagen werden, mögen aus anderen Gründen sinnvoll sein; zur Stabilität der Weltwirtschaft tragen sie unter den genannten Überlegungen wenig bei.

Surf-Empfehlung: Interaktive Aussenhandels-Weltkarte des Statistischen Bundesamtes.

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