Märkte nach dem Crash: Die Zeit des Erwachens
Es tut sich etwas an den Aktienmärkten. Seit nunmehr fünf Wochen erleben Anleger, was sie in der Finanzmarktkrise lange Zeit vergessen hatten: steigende Kurse. Steil ziehen einige Notierungen an und lassen sich auch von zwischenzeitlichen Rückgängen nicht von ihrem Aufwärtstrend abbringen – zumindest für den Moment. Die plötzliche Kehrtwende beweist einmal mehr, warum der Aktienmarkt sich vielen Anlegern als suspekt erweist: die Börse bleibt ein Hort der Irrationalitäten – auf den ersten Blick zumindest.
Man muss es so deutlich sagen: Die Märkte lieben das Abnorme. Es scheint wirklich nur diese beiden Richtungen zu geben – ganz euphorisch oder komplett in Moll. Rückblende um sechs Wochen: Scheinbar unaufhörlich gaben die Notierungen an den Weltbörsen nach und hatten nach zwei Monaten schon wieder Verluste von mehr als 20 Prozent in den großen Indizes in Frankfurt und New York angehäuft.
Bis auf 3563 Zähler wurde der Dax am 9. März durchgereicht. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits wieder die Jahrzehnt-Tiefs bei 2200 Zählern, aufgestellt im März 2003, diskutiert. Am 9. April, dem vorerst letzten Handelstag vor dem Osterwochenende, stand der deutsche Bluechip-Index indes wieder fast 1000 Punkte höher. 25 Prozent Plus in fünf Wochen, was ist da passiert?
Frühlingsrallye: Aufschwung ohne gute Nachrichten
Fundamental rein gar nichts – zumindest nicht, was zur Verbesserung der Stimmung beitragen könnte. Im Gegenteil: Die gesamtvolkswirtschaftliche Lage sieht weiter höchst beunruhigend aus. Die Prognosen der Volkswirte, wie schwer die Rezession die Wirtschaftswelt treffen wird, fallen immer drastischer aus, die Arbeitslosenmeldungen ziehen immer kräftiger an, während die Schieflagen aus der Unternehmenslandschaft kein Ende nehmen. Warum also die Rallye?
Weil die Marktteilnehmer erkennen, dass der Weltuntergang, der möglicherweise zu einem Gutteil in den Kursen eingepreist worden ist, nun vermutlich doch nicht eintritt. Rückblende um sechs Monate: Das Ende – das totale Ende des modernen Kapitalismus schien denkbar. Eine US-Investmentbank nach der anderen ging pleite. Island wurde über Nacht zahlungsunfähig. Die Kanzlerin musste den historischen Satz sprechen: Das Geld ist sicher. Gestandene Bürger übten Bankrun. Gold war für einige Wochen in Großstädten physisch nicht mehr erhältlich.
Staats-Intervention nach Lehman: Mit 1929 vergleichbaren Erdrutsch verhindert
Mit einem Wort: Was sich in den Wochen nach der Lehmann-Pleite abgespielt hat, war der big one – der once in a generation crash, von dem wir noch in den nächsten Jahrzehnten erzählen werden. Wäre es noch schlimmer gekommen, wären nach Lehman auch andere Grundpfeiler der US-Finanzwelt – etwa die Citigroup oder AIG – kollabiert: es hätte den Märkten gänzlich den Boden weggerissen.
Doch zu einem mit dem Herbst 1929 vergleichbaren Erdrutsch kam es nicht. Nicht mehr nach Lehman. Stattdessen kam es anders: Es wurden die größten finanziellen Anstrengungen in der Menschheit – in Form von Stützungs-Paketen in Billionenhöhe - unternommen, um den mehr als zwei Jahrhunderte währenden Wirtschaftskreislauf des Kapitalismus zu retten.
Das erscheint zwar angesichts der Steuerschulden, die noch von künftigen Generationen bedient werden müssen, moralisch mitunter fragwürdig, fest steht jedoch: das System hat weiter Bestand. Sieben Monate nach Lehman kann man sagen: Das komplette Desaster, das die Weltwirtschaft hätte aus den Angeln heben können, scheint abgewendet, auch wenn in der realen Wirtschaft die Zeit des Leidens – in Form von Mega- Unternehmenspleiten, wie sie sich nun etwa bei GM abzeichnet – noch lange nicht vorbei sein dürfte.
Lehrbuchmäßige Erholung mitten in der tiefsten Krise
“Man kann die Dinge einfach nicht mehr so negativ beurteilen”, findet etwa der CNBC-Marktkommenator James Cramer (”Mad Money”). Tatsächlich funktioniert es genau anders herum: “Gute Nachrichten führen nun zu höheren Kurse. So einfach ist das.” Der renommierte Hedgefondsmanger Doug Kass teilt diese Einschätzung: ”Die Märkte haben im März ein Tief markiert - vielleicht sogar das Tief einer ganzen Generation”, legt sich Kass fest, der sonst aufs Shortselling spezialisiert ist.
Zu dieser Einsicht scheinen nun auch immer mehr Anleger zu kommen. Für viele Börsianer scheint das viel zitierte Frühlingserwachen dieses Jahr mit einer Wiederentdeckung der Aktienmärkte zusammenzufallen. Auch hier sind in diesen Tagen regelrechte Wiederauferstehungen zu beobachten. Damit folgen die Aktienmärkte nur allzu sehr dem Lehrbuch der Märkte, das der Grandseigneur der Börse André Kostolany einst in seiner viel zitierten Parabel zwischen “zittrigen Händen” und “Hartgesottenen” auf den Punkt gebracht hatte: “Die Hartgesottenen decken sich zu Ausverkaufspreisen mit Aktien ein, zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachrichten aus der Wirtschaft noch extrem schlecht sind.”
Nach dem Sturm der Verwüstung: Vieles beschädigt, aber nicht alles verloren
Das Muster erkennt man in diesen Tagen nur allzu gut wieder. So düfte, rein wirtschaftlich betrachtet, noch eine lange Talsohle vor uns liegen. Vorausgesetzt, die Rettungsmaßnahmen in Billionenhöhe zeigen á la longue ihre Wirkung, wird ein Ende des freien Falls jedoch zumindest diskussionswürdig. Genau das tun Börsianer in diesen Tagen: Sie überblicken das Feld nach dem Sturm der Verwüstung und stellen dabei fest, dass zwar vieles beschädigt, aber nicht alles verloren.
An der Börse fällt mit dieser Erkenntnis oft die Geburtsstunde einer neuen Hausse zusammen. Vielleicht werden wir gerade in diesen Tagen ihr Zeuge. Einen ersten Realitätscheck bietet die turnusmäßige Quartalssaison, die in dieser Woche wieder richtig an Fahrt aufnimmt.





