Kurserholung: Die Rückkehr der alten Reflexe
Nach einem katastrophalen Jahresstart haben die Aktienmärkte in den letzten Wochen wieder deutliche Zuwächse verbucht. Keine Frage: Mit immer neuen Negativwachstumsszenarien erscheint die konjunkturelle Lage weiter düster. An den Weltbörsen keimt jedoch angesichts der enormen Rettungspakte leise Hoffnung auf. Zu Recht? An der Spitze der Erholung stehen alte Bekannte. Kehrt der Bulle zurück?
Gottfried Heller ist immer für eine Börsenweisheit gut. Überliefert ist dieses Bonmot des früheren Kostolany-Partners: “Bei Pessimismus kaufen. Der Pessimismus ist die häufigste Ursache für niedrige Börsenkurse; je größer der Pessimismus desto niedriger die Kurse”.
Und größer als in den vergangenen Monaten konnte der Pessimismus kaum sein. Die Horrormeldungen häuften sich im Tagesrhythmus – desaströse Unternehmensbilanzen, Milliardenabschreibungen, Massenentlassungen und Prognosen des konjunkturellen Einbruchs, die alles überboten, was Ökonomen jemals seit dem Zweiten Weltkrieg abgegeben hatten. Zuletzt prognostizierte die Commerzbank einen Einbruch des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) um unvorstellbare 7 Prozent in 2009. 7 Prozent Minus! Drama, Drama, Drama – mehr Drama geht eigentlich nicht.
Auffälliges Muster: Bringt der März wieder die Wende?
Fast folgerichtig verhielten sich die Aktienmärkte auf die Schreckensnachrichten. Die Kurse fielen und fielen. Bereits zwei Monate nach Jahresbeginn hatte sich das Minus bei Dow, Dax und EuroStoxx auf 20 Prozent summiert. „Wenn billig, dann richtig billig“, bringt Börsenkolumnist Bernd Niquet die Extreme der Märkte auf den Punkt. „Nutzen Sie diese Gelegenheit zum Kauf“, lautet der Ratschlag Gottfried Hellers in Phasen extremen Pessimismus.
Und tatsächlich: Diese alte Börsenregel gilt bis heute. Als gäbe es ein vorgeschriebenes Drehbuch, folgten die Aktienmärkte mit ihrem Jahrestief am 9. März in fast gespenstischer Abfolge den Vorgaben der Vergangenheit. Am 7. März 2000 erreichte der Dax seinen Gipfel bei 8065 Zählern. Am 12. März 2003 sein Dreijahrestief bei 2203 Punkten. Ist der März nun erneut der Wendemonat an den in Zyklen verlaufenden Aktienmärkten?
Marktbreite Kurserholung: 20 Prozent in drei Wochen zugelegt
Für eine solche Beurteilung ist es noch viel zu früh. Doch fest steht: Die Märkte sind exakt dem Muster von vor sechs Jahren gefolgt. Nach einem richtig miserablen Jahresstart - dem schlechtesten aller Zeiten – starteten die Märkte in den Rallye-Modus und legten bis zwei Tage vor Ende des Quartals eine beeindruckende Erholung hin. Seit dem Tiefpunkt am 9. März haben die großen Indizes wie folgt zugelegt:
• Dax (Tief bei 3589 Punkten): + 17 Prozent
• EuroStoxx: (Tief bei 1765 Punkten): + 20 Prozent
• Dow Jones (Tief bei 6470 Punkten): + 20 Prozent
• S&P 500 (Tief bei 667 Punkten): + 22 Prozent
• Nasdaq Composite (Tief bei 1266 Punkten): + 22 Prozent
Finanzwerte mit den stärksten Zugewinnen der letzten Wochen
Es gilt auch nach oben hin das alte Motto: Wenn schon, denn schon. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass sich unter der Oberfläche ein Trend zur Outperformance abgezeichnet, der aus dem Bullenmarkt bekannt ist.
Mit dem Rallye-Modus sind nämlich auch die alten Reflexe zurück: Besonders stark fiel im Crash, was davor über Jahre besonders stark gestiegen war – mit Ausnahme der Banken. Nun stiegen vor allem jene Werte überdurchschnittlich, die zuvor überproportional heruntergeprügelt worden waren – inklusive der Banken. Seit den Tiefen am 9. März legten folgende Werte im Dax am stärksten zu:
• Commerzbank: + 100 Prozent
• Deutsche Bank: + 69 Prozent
• Deutsche Börse: + 44 Prozent
Outperformer: Starke Zugewinne von alten Bekannten
Im TecDax konnte Solarworld wie auch Q-Cells oder SMA Solar oder in drei Wochen unterdessen um rund 50 Prozent zulegen. An der Nadaq, die am Donnerstag sogar kurzzeitig für 2009 wieder im positiven Terrain notierte, gibt es nicht nur starke Kurserholungen, sondern seit Januar sogar Kursgewinner zu vermelden: So liegt Google seit den Jahrestiefs etwa 25 Prozent und seit Januar um 13 Prozent vorne – Apple gar um 35 Prozent (Tief) bzw. 25 Prozent (seit Januar)!
Die chinesische Suchmaschine Baidu, die ebenfalls an der Nasdaq gelistet ist, kann seit Januar gar Zugewinn von mehr als 40 Prozent verbuchen, während der E-Commerce-Anbieter Alibaba.com 2009 synchron zur Erholung an den chinesischen Aktienmärkten 35 Prozent an Wert gewonnen hat.
Und auch Rohstoff-Konzerne wie BHP Billiton (+17 Prozent), CVRD (+25 Prozent) und vor allem Rio Tinto (+76 Prozent) haben ihren Anlegern gegen den allgemeinen Markttrend Gewinne beschwert. Damit wird deutlich: Die alten Outperformance-Gewinner des letzten Bullenmarktes – China, Rohstoff-Konzerne und Technologiewerte – hätten ihren Anteilseignern 2009 reflexartig die meisten Gewinne bereitet – Solarwerte zumindest in der jüngsten Erholung.
„Eigentlich müssten wir in den Jahren 2009 bis 2011 die größte Hausse aller Zeiten erleben“
Ob die Zugewinne nur eine Momentaufnahme sind und schnell wieder abgegeben werden müssen, werden die nächsten Wochen und Monate entscheiden. Glaubt man den Marktexperten, stehen die Chancen auf eine Fortsetzung der Erholung nicht schlecht. „Es ist erstaunlich, wie viele Aktien inzwischen um 50, 60 oder gar 80 Prozent gestiegen sind“, rechnete CNBC-Moderator James Cramer am Freitag in „Mad Money“ vor. „Das Erstaunlichere: Wie weit unten die Aktien trotzdem immer noch stehen. Deswegen ist der Lauf noch nicht zu Ende. Der Bull ruht sich nur aus“, legt sich Cramer fest.
Bernd Niquet sieht unterdessen fundamental gute Gründe für eine massive Aufwärtsbewegung: „11 Billionen Dollar Konjunkturhilfe und Geldmengensteigerungen, das ist weit mehr als das US-BIP in einem Jahr. Die US-Volkswirtschaft wird vielleicht um 5 % sinken, doch diesen 5 % stehen 110 % Direkteinschuss entgegen. Eigentlich müssten wir in den Jahren 2009 bis 2011 die größte Hausse aller Zeiten erleben“, mutmaßt der Berliner Börsenkolumnist, bleibt aber bewusst im Konjunktiv: „Ich schreibe hier bewusst stets „müssten“.
Ob nun nur eine Bärenmarktrallye oder der Beginn eines neuen Bullenmarktes: Anleger sind gut beraten, bei ihrer Kaufenterscheidung genau hinauszuschauen – Aktie ist nie gleich Aktie. Die Kunst des Stockpickings ist gerade in so turbulenten Märkten wie diesen gefragter denn je.
Disclosure: Der Autor hält Positionen in Alibaba.com und der Commerzbank






