Buchbesprechung: Der amerikanische Virus von Rainer Hank


Rainer Hank sorgt sich in seinem neuesten Buch um den Kapitalismus moderner Prägung. In liberaler Tradition ist der Autor pessimistisch, wenn der Staat jetzt zu stark eingreift. Schutz vor künftigen Krisen verspricht Hank sich von den Rettungsmaßnahmen jedenfalls nicht.

»Der Zusammenbruch des Weltfinanzsystems im Herbst 2008 hat der Menschheit auf dramatische Weise vor Augen geführt, wie verwundbar der Kapitalismus ist: Vom amerikanischen Virus infiziert, ist in der globalen Wirtschaft das große Chaos ausgebrochen. Im Zeitraffer verschwinden Traditionsbanken. „Wo ist mein Geld noch sicher?“, heißt die Frage der Stunde. „Rette sich wer kann“, ist die Antwort hilfloser Anlageberater. Die Staaten der Welt – Amerika allen voran, dann Europa – wurden gerufen als Retter für in die Knie gegangene Finanzwelt…Rainer Hank, Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, erklärt, wie es zum Zusammenbruch des Weltfinanzsystems kommen konnte. Er entwirft das neue Bild eines politisch gezähmten Kapitalismus und nennt den Preis, den die Deutschen dafür zu zahlen haben werden.« So beschreibt der Verlag dieses Buch. Wie das mit Verlagstexten so ist: Es wird anderes versprochen als drin steht. Das ändert aber nichts an der positiven Bewertung des Buches.

 Die Schuldfrage

Völlig zu Recht weist der Autor darauf hin, dass es nicht “einen” Schuldigen gibt. Auch sind es weder nur die Banker, noch die Ratingagenturen, auf die der gesamte Schuldballast abgewälzt werden kann. Schuld trägt jeder irgendwie.

Hank stellt in seinem Buch zahlreiche Vergleiche an: So gibt es nach Ansicht des Physikers Stefan Bornholdt eine Analogie zu seinen Magnetmodellen, bei denen ein Punkt ausfindig gemacht werden kann, bei dem das ganze System nicht mehr funktioniert. Auch Anleihen aus den Verhaltenswissenschaften helfen dem Autor, das Geschehene zu erklären und die Verhaltensweisen der Akteure zu beleuchten.

Leider entwickelt der Autor etwas zu viel Verständnis für die Finanzbranche, die nur Gutes im Sinn zu haben scheint - im Sinne der wettbewerblichen Ordnung. So naiv ist Hank natürlich nicht, aber woher die Abneigung gegenüber dem Staat als Akteur kommt, der jetzt vor allem als Getriebener in das Geschehen eingreift, ist in diesem Buch nicht zu ergründen. Der Autor ist auch in Krisenzeiten eine unbändig Marktgläubiger geblieben.  

In bester liberaler Anschauung sind nicht die Marktteilnehmer, sondern vor allem ein wohlmeinender Staat ist die Ursache des Schlamassels. Hier verschenkt Rainer Hank eine Chance, sich intensiv mit seinem eigenen Weltbild kritisch auseinander zu setzen und über sein grundsätzlich vernünftiges Misstrauen gegenüber staatlichem Handeln einmal - meinetwegen nur gedanklich - hinweg zu sehen. Er hätte auch die Chance gehabt, sich mit der spannenden Frage auseinander zu setzen, wie Nationalstaaten auf Subventionen anderer Nationen reagieren sollen. Der globale Kampf um Arbeitskräfte hat schließlich begonnen und Hank erteilt »Bailouts« eine klare ordnungspolitische Absage, bleibt aber in der aktuellen Krise diesbezüglich eine ausreichende Antwort schuldig. 

Wofür Krisen gut sind

Hank ist kritisch bei der Beschreibung der Ereignisse und berichtet kenntnisreich und interessiert über die verschiedenen geisteshistorischen Entwicklungen in den USA, die von Abenteuerlust und Spekulantentum geprägt sind. Der Autor sieht die Ursachen des letztjährigen Crashes Übersee - der Titel sagt es schon. Er spricht sich in der Konsequenz nicht gegen Spekulation aus, sondern er sieht darin die Antriebsfeder für unser Wirtschaftssystem.

Auch erklärt der Autor, dass die größte Gefahr für den Kapitalismus von den Kapitalisten selbst ausgeht, die den Wettbewerb zu umgehen versuchen. Das ist scharf beobachtet und ein gutes Argument für einen starken Staat, der die Spielregeln neu justieren sollte.

Völlig richtig fordert Hank eine Verankerung von Verantwortung und Risiken auf der untersten Ebene im System. Das ist die liberale Agenda nach Bewältigung des Schadens; das Aushebeln dieses Prinzips durch Marktteilnehmer ist zu bekämpfen. Bis dahin muss aber wohl zunächst der von Hank ungeliebte Staat stärker eingreifen, ansonsten gibt es bald keinen Kapitalismus mehr, den man mit Büchern wie diesem verteidigen muss.

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