Ein halbes Jahr nach dem Herbst-Crash: Licht am Ende des Tunnels?
Genau sechs Monate nach dem dramatischen Bankenbeben des vergangenen Herbstes schöpfen Börsianer wieder die zarte Hoffnung auf Erholung. Obwohl die Lage fundamental weiter alles andere als erbaulich aussieht, könnten Anleger mit dieser antizyklischen Einstellung nicht falsch liegen, glauben immer mehr Börsenexperten.
Der Frühling ist da –und mit ihm die Hoffnung auf einen neuen Anfang. Das ist an der Börse nicht anders: Ein halbes Jahr ist es her, als der seinerzeit für nicht möglich gehaltene Absturz an den Weltbörsen mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vom 14. auf den 15. September seinen Lauf nahm.
Mit dieser Pleite erreicht die über ein Jahr schwelende Finanzkrise eine komplett neue Dimension, die in den darauf folgenden Tagen zu einer nie dagewesenen Pleitewelle im Bankensektor führte – am Ende wackelte das ganze Wirtschaftssystem der Moderne.
Crash-Bilanz: Die Hälfte ist weg – an fast allen Indizes
Ein halbes Jahr später hält sich die Aufregung mittlerweile fast in Grenzen. Die Finanzmarktkrise ist längst zum übermächtigen Dauergast dieser Tage geworden: Es ist praktisch unmöglich, seinem langen Schatten zu entkommen – sei es im Alltag oder beim Blick auf die Aktienmärkte.
Mit Ach und Krach über der 4000-Punktemarke hielt sich der Dax in der vergangenen Woche, während der Dow Jones nach einer angestrengten Klettertour das 7000-Punktlevel zurückeroberte. Verglichen mit dem Ausgangsniveau des Jahres, als auch mit dem Kursniveau
zu Beginn oder während des Herbst-Crashs als auch natürlich mit den Allzeithochs, sind die Verluste der großen Indizes erheblich:
• Dax (4069 Punkte): – 50 Prozent
• Dow Jones (7278 Punkte): – 48 Prozent
• Nasdaq Composite (1457 Punkte): – 48 Prozent (2007er Hoch ) / – 72 Prozent (Allzeit)
• EuroStoxx (2051 Punkte): – 57 Prozent (2007er Hoch ) / – 62 Prozent (Allzeit)
Brutale Märkte: Wenn billig, dann richtig billig
Angesichts eines so massiven Kursverlustes in so kurzer Zeit diskutieren immer mehr Börsenexperten, ob die Märkte – gemäß ihrer Natur, weiter zu laufen als man denkt – nicht über das Ziel hinausgeschossen sind. „Jetzt ist es, wie es immer ist. Wenn teuer, dann richtig teuer. Und wenn billig, dann richtig billig“, schrieb der Börsenkolumnist Bernd Niquet vor wenigen Wochen bei “Wallstreet Online“.
“Vor exakt zehn Jahren notierten viele große Aktiengesellschaften auf einem höheren Niveau als ihr Jahresumsatz ausmachte. Heute hingegen gibt es das gesamte Geschäft multinationaler Konzerne zum Nullwert. Die meisten deutschen Aktiengesellschaften sind gerade noch so viel wert wie die Grundstücke, Immobilien und Maschinen, die sie besitzen. Fällt der Dax jetzt so signifikant weiter, fallen viele Aktien unter den Liquidationswert.“
Kaldemorgen: Risiko lohnt sich wieder
Niquet zieht daraus die Folge: „Der halbe Weltuntergang ist bereits eingepreist. Ob es sich jetzt noch lohnt, für die andere Hälfte Rückstellungen zu bilden? Mein Vorschlag: Alle Männer über 80 Jahre Lebensalter, sowie Frauen über 90 Jahre, sollten jetzt noch verkaufen. Die anderen hingegen nicht.“
Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt auch der DWS-Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen. „Wer ein hohes Risikobudget hat, der kann heute wieder Aktien und Unternehmensanleihen kaufen“, erklärte Kaldemorgen am Freitag gegenüber manager-magazin.de die gegenwärtigen Kurse zu Einstiegsniveaus. „Es kann durchaus sein, dass sich solche Papiere nochmals ordentlich Richtung Süden bewegen. Aber wichtig ist auch, dass das Risiko entsprechend belohnt wird.“
Heißt übersetzt: Die Märkte sind angesichts der weiterhin kaum einzuschätzenden Gesamtsituation zwar immer gut für einen Rückschlag, bieten andersherum betrachtet bei einem Ende der Krise jedoch auch einiges Aufwärtspotenzial.
Kass und Cramer: Tief gesehen
Auch jenseits des Atlantiks formieren sich die ersten Bullen, die eine Bodenbildung, wenn nicht gar bereits ein Ende des Bärenmarktes ausmachen wollen. „Es könnte gut sein, dass wir ein signifikantes, wenn nicht gar das Tief einer ganzen Anlegergeneration am US-Aktienmarkt gesehen haben“, erklärte der renommierte Vermögensverwalter Doug Kass.
Wall Street-Veteran James Cramer pflichtet seinem TheStreet.com-Kollegen bei: „Die Wirtschaft hat ihr Tief im letzten Monat gesehen und springt jetzt wieder an. Die gegenwärtige Rallye ist die logische Folge der Bodenbildung – dieser Boden wird bald allen sehr offensichtlich werden. Eine zweite große Depression ist damit vom Tisch“. Starke Worte. Anleger werden hoffen, dass ihnen an den Märkten in den kommenden Wochen und Monaten auch Taten folgen…






