US-Dollar: Bald nur noch Toilettenpapier?


Vor zwei Wochen sagte ein Devisenhändler mir, dass der US-Dollar bald nur noch eine andere Verwendung finden könnte. Er beschrieb dadurch eindrucksvoll den stetigen Wertverlust der wichtigsten Währung der Welt und die Aussichten des US-Dollar. Was ist dran an der Toilettenpapier-Theorie?

Gestern gab es einen Vorgeschmack auf die zukünftige Entwicklung des US-Dollar: Die US-Fed kündigte den Aufkauf von US-Wertpapieren von bis zu einer Billion US-Dollar an. Dadurch wird neues Geld ins System gepumpt. Die USA sind damit faktisch All-In gegangen und retten das US-Finanzsystem - was auch immer es kostet. Die US-Notenbank kann inzwischen ohnehin nur noch über die Mengenkomponente die Konditionen für die Geldüberlassung beeinflussen und darauf hoffen, dass der Geldstrom aus dem Ausland nicht nachlässt.

Vorboten eines schwachen US-Dollar

Ein Vorgeschmack auf die künftige Entwicklung ist an den Devisenmärkten zu beobachten: Der Euro sprang nach der überraschenden Nachricht zum brutalen «Quantitative Easing» der US-Fed auf das Niveau von 1,35 US-Dollar. Langfristig ist das der vorgezeichnete Weg für die nächsten Jahre. In der globalen Welt der Devisenkämpfe wird die USA den Rest der Welt weiter an seiner Malaise beteiligen und den US-Dollar immer weiter abwerten. Die Folge ist eine riesige Geldentwertung - Inflation -, die Aktienanteilseigner und Anleihengläubiger via Devisenkurs bezahlen.

Letztlich ist es egal, ob die US-Notenbank Geld einfach druckt und an den Staat weiterreicht oder Wertpapiere des Staates aufkauft. Nur würde der erste Fall die Gefahr eines dramatischen internationalen Ansichtsverlust mit sich bringen und weitere Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der USA. Zwar ist die Dollar-Entwertung langfristig im US-Interesse, aber kurzfristig sieht das Bild anders aus. Im Januar verzeichneten US-Anleihen und Aktien einen Abverkauf in Höhe von fast 150 Milliarden US-Dollar, wie das US-Finanzministerium vor kurzem bekanntgab.

Aber: Nur durch eine massive Geldentwertung kann die US-Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen. Über den Devisenkurs geht es ohnehin schneller als durch Entwicklung neuer Produkte oder Services. Auf der anderen Seite benötigt die USA immer wieder frisches Geld aus dem Ausland und ist daher zu einem Spagat gezwungen. Denn natürlich wollen die Amerikaner möglichst wenig für geliehenes Geld zahlen. Sollte sich die plausible Toilettenpapier-Theorie an den Märkten jedoch durchsetzen, dann würden zumindest die Zinsen für US-Treasuries wieder anziehen; schließlich müssen unzuverlässige oder stark überschuldete Schuldner einen höheren Preis für die Geldüberlassung zahlen. Langfristig wäre es daher sinnvoll, wenn die USA den neuen Sparwillen ihrer Bürger zum Verkauf von Staatsanleihen nutzt.

Schon vor einem Jahr begannen die Chinesen und arabische Investoren ihre weltweiten Anlagen in den Euroraum umzuschichten. Insofern sind die aus dem angelsächsischen Raum immer wieder gestreuten Gerüchte verständlich, dass der Euro als Währungssystem mit Ausscheiden von Griechenland oder Irland auseinanderbrechen könnte. So will man das eigene Währungsgebiet attraktiver erscheinen lassen. Diese Herangehensweise ist durchsichtig und wird auf Dauer die Milliarden an Kapitalströmen nicht beeinflussen. Die Europäische Zentralbank wird übrigens aus genau den gleichen Motiven von den US-Verantwortlichen zu einer anderen, expansiveren Zinspolitik gedrängt, denn im Euroraum verspricht die Anlage attraktivere Konditionen bei einer langfristig stabileren Devisenkursprognose.

Deflationstheorie ist lächerlich

Die Deflation schwebte bislang als Gespenst in diversen, völlig belanglosen Theorien einiger interessierter US-Protagonisten herum. So wurde zunächst das Absenken der US-Zinsen auf «nahe null» begründet. Man wolle eine Deflationsspirale verhindern. Dabei ist Deflation in Zeiten der Globalisierung ein völlig anderes Phänomen als noch vor 80 Jahren.

In Wirklichkeit ging es natürlich nur um die Rettung des US-Finanzsystems, das gleich an mehreren Fronten zu zerbrechen drohte: So waren in den letzten Jahren die Hypothekenausgaben der US-Haushalte auf zuletzt 11,46 Prozent des verfügbaren Einkommens angestiegen. Eine andere US-Baustelle sind die Kreditkartenschulden der Privaten, die sich auf 900 Milliarden US-Dollar summiert haben und deren Rückzahlung mit der Krisenverschärfung immer unwahrscheinlicher wurde. Man musste also zunächst die Konditionen verbessern, um den privaten Haushalten wieder etwas Luft zum Atmen zu geben und die Katastrophe zu verhindern.

Um Deflation als ernsthaftes wirtschaftliches Phänomen ging es nie. Natürlich gibt es die statistische Form der Deflation, die durch sinkende Energiepreise oder eine Reduktion der Produktpreise ausgelöst wird. Hierbei ist aber nur ein statistisches Konzept die Ursache und nicht die Kaufzurückhaltung der Protagonisten. Ärgerlich ist natürlich, dass zuletzt die US-Sparquote angezogen ist, also zum genau verkehrten Zeitpunkt besinnen sich US-Bürger auf eine solidere Denkweise. Was langfristig wichtig wäre, sorgt jetzt für Kaufzurückhaltung in den USA. Also schürte Ben Bernanke jetzt die Inflationsangst, die als Erwartungshaltung Sparvorgänge weniger attraktiv macht.

China ist sauer

Die Chinesen sind inzwischen größter Nettogläubiger der USA und werden gedrängt ihre Währung immer weiter aufzuwerten: Wir sind es durch die Berichterstattung gewohnt, ständig die amerikanische Brille zu verwenden, verändern wir die Perspektive aber nur einen Moment, dann ist die Haltung der Chinesen verständlicher: Jede Aufwertung der eigenen Währung bedeutet einen Verlust an eigener Wettbewerbsfähigkeit. Die Chinesen haben zudem Milliardenbeträge an US-Devisen und Staatsanleihen aufgehäuft und sind der größte Gläubiger des US-Staates. Eine Aufwertung um sagen wir 30 Prozent der eigenen Währung würde aus chinesischer Sicht einem Kaufkraftverlust des eigenen Geldes entsprechen; und zwar: im Kaufkraftwert von mehreren Hundert Milliarden US-Dollar.

Die USA zahlen mit einem schwächeren Dollar zurück als sie ihn erhalten haben. Jetzt kann man sagen, dass dies der Deal gewesen sei, aber die Chinesen wehren sich verständlicherweise gegen eine geforderte starke weitere Aufwertung des Renminbi.

Wir zahlen - die Frage ist nur wie stark

Europa wird durch eine weitere Stärkung des Euro mit einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit die US-Probleme mitbezahlen. Auf der anderen Seite dürfte der Zustrom an asiatischem Kapital die Wirtschaft im Euroraum stützen. Auch werden langfristig orientierte US-Anleger wie Warren Buffet in Europa neue Chancen für ihr Kapital suchen. Im Umkehrschluss sollten europäische Anleger in langfristiger Perspektive US-Anlagen - sei es am Aktienmarkt oder bei Bonds - meiden.

Übrigens: Toilettenpapier ist ein hoch-qualitatives Produkt und Geld darf unter Strafe nicht zweckentfremdet oder vernichtet werden. Dieser Artikel verwendet nur ein einprägsames Bild und ist keine Aufforderung zur Geldvernichtung.

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