Wall Street: Bricht der Damm?
Das Börsenjahr 2009 begann so, wie 2008 endete – mit erneuten Minuszeichen. Das Ausmaß der Rückschläge überrascht: Erste Konjunkturindikatoren machen Hoffnung auf Besserung. Auch aus den USA kommen Impulse: Der Regierungswechsel ist endlich vollzogen - obwohl Barack Obama in seinem ersten Monat so viel auf den Weg gebracht hat wie kaum ein Präsident zuvor, stürzen die Aktiemärkte weiter ab. Nun drohen sogar die alten Tiefs aus dem Herbst-Crash letzten Jahres unterboten zu werden…
Man muss die Märkte nicht verstehen. Allein: Man kann ihre Sprache nicht ignorieren. Bei 4810 Zählern beendete der Dax das Börsenjahr 2008, das mit einem Minus von 40 Prozent am zweitschlechtesten aller Zeiten ausfiel. Gerade mal sechs Wochen sind in 2008 vergangen, und schon wieder zeigt das Kursbarometer steil nach unten. Bei 4413 Zählern ist der deutsche Blue Chip-Index inzwischen angekommen – erneut ein Minus von 9 Prozent gegenüber dem 31.12. letzten Jahres.
Noch schlechter sieht es dagegen in den USA aus. Bis auf 7850 Zähler wurde der traditionsreichste Index der Welt am Freitag inzwischen durchgereicht. Damit notiert der Dow Jones Industrial Average nicht nur 11 Prozent unter dem Vorjahresniveau, sondern auch auf dem schwächsten Stand des Jahres. Und mehr noch: Es ist gleichfalls der tiefste Stand seit letztem September, als wiederum die alten Tiefststände von 2003 getestet wurden.
Schwarz-rot-goldene Hiobsbotschaften: Größter Wirtschaftseinbruch seit der Wiedervereinigung
Keine Frage: Bei Börsianern herrscht weiter allertiefste Verunsicherung, wie es an den Kapitalmärkten weitergeht. Klar ist seit Ende des letzten Jahres: Die Krise hat die reale Wirtschaft längst erreicht – und das so massiv wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr.
Wie das Destatis am Freitag mitteilte, brach das deutsche BIP im vierten Quartal um krachende 2,1 Prozent gegenüber dem vorherigen Dreimonatszeitraum ein – ein echter Negativrekord. Noch schwächer als von Volkswirten erwartet, hatte sich die deutsche Konjunktur damit zwischen Oktober und Dezember entwickelt – tatsächlich so schlecht wie seit der Wiedervereinigung nicht. Gleichzeitig war es der dritte Quartalsrückgang in der Bundesrepublik in Folge. Eine schwere Rezession ist damit längst Faktum.
Corporate America: Fast vier Prozent schwächer im vierten Quartal
Das gilt erst recht für die USA. Corporate America befindet sich sogar seit Dezember 2007 offiziell im wirtschaftlichen Abschwung, der immer neue Dimensionen erreicht. Das Bruttoinlandsprodukt brach in den USA im vierten Quartal nach vorläufigen Schätzungen gar um happige 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein – Analysten hatten zuvor sogar mit einem Negativwachstum über der 5-Prozentgrenze gerechnet.
Auf Jahressicht rechnen Volkswirte mit einem Minus der US-Wirtschaftsleistung von etwa zwei Prozent – das wäre der größte Einbruch der US-Wirtschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Wall Street: Märkte honorieren Obamas Aktionismus nicht
Entsprechend couragiert sind die Bemühungen des neuen US-Präsidenten mit aller Macht der Jahrhundertkrise entgegenzutreten. So viel wie keiner zweiter Amtsneuling hat Barack Obama in den ersten vier Wochen in Washington angestoßen – darunter etwa das wegweisende Konjunkturprogramm über enorme 789 Milliarden Dollar, das die Obama-Administration letzten Mittwoch nach zähem Ringen durch den Kongress bekommen hatte.
Doch wie reagierten die Märkte? Synchron zu vorherigen Polit-Entscheidungen:
• Als George W. Bush im Oktober das „Bailout“-Programm endlich im zweiten Anlauf durchbekommen hatte, brach die Wall Street auf breiter Front ein
• Dieselbe Reaktion sowohl nach der Wahl Barack Obamas zum nächsten US-Präsidenten als auch nach seiner Inauguration – jeweils um mehr als happige 500 Punkte gab der Dow Jones nach.’
Sumner Redstone: “Vielleicht der Einzige, der sich an schlimmere Zeiten erinnern kann”
Nun also der nächste Niederschlag für den großen Hoffnungsträger unserer Zeitgeschichte. Wird der Mythos Barack Obama damit bereits von Wall Street entzaubert, wie manager-magazin.de und Spiegel Online unisono vermuten? Für diese Einschätzung erscheint es vermutlich zu früh: Fest steht jedoch: Das Ausmaß der gegenwärtigen Finanzmarktkrise ist so schwer und nachhaltig, dass die Wall Street nicht einmal bereit ist, dem entschlossen Handeln des mutmaßlich meistgewünschten Krisenmanagers dieser Tage, einen Vorschusskredit zu gewähren.
Es bleibt schwierig an den Aktienmärkten – wie im realen Wirtschaftsleben. ”Ohne jede Frage befinden wir uns im ausgeprägtesten Abschwung seit mindestens einer Generation. Wahrscheinlich bin ich hier sogar der Einzige, der sich an schlimmere Zeiten erinnern kann”, merkte vorherige Woche Viacom-Gründer Sumner Redstone bei Bekanntgabe der äußerst schwachen Quartalszahlen an. Redstone ist 85 – und hat als Kind damit die schwere Wirtschaftskrise der 30er miterlebt.
Für Aktien bleibt das Umfeld damit in der Breite weiter schwierig, wie Yeald-CEO Marcel van Leeuwen letzte Woche herausgearbeitet hat. Und doch – das ist vielleicht so etwas wie ein Hoffnungsschimmer für Anleger am Horizont –: Aktie ist nicht immer gleich Aktie. Auch im enorm herausfordernden Umfeld der letzten Wochen gab es Unternehmen, Branchen, Nationen, Regionen und Anlageklassen, die sich dem Abwärtstrend mit relativer Stärke widersetzen konnten.






Kommentare
Lars
16 Februar 2009 um 02:02
“Relative Stärke” ist ein so schönes aber absolut gesehen auch so nichtssagendes Wortkonstrukt
Ich freu mich auf nächste Woche, mal schauen wo ich überall hätte investieren können.