US-Quartalssaison: Abgründe tun sich auf


In der dieser Woche rüsten sich die USA für ein Fest, dass God’s own Country noch nicht gesehen hat. An der Wall Street herrschen dagegen umgekehrte Vorzeichen: Zeitgleich zur Inauguration von Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA müssen die Vorzeige-Unternehmen Amerikas bei Vorlage der  jüngsten Quartalszahlen Farbe bekennen. Den Auftakt hatten in der letzten Woche bereits die US-Großbanken gemacht - mit desaströsen Ergebnissen.

Das Prinzip Hoffnung währte nicht mal eine Woche. Hoffnungsvoll waren die Aktienmärkte in der vorvergangenen Woche ins neue Jahr gestartet. Doch spätestens, als die ersten schlechten Nachrichten von Corporate America  eintrafen, ergriffen Anleger reflexartig die Flucht. Intel warnte, Time Warner  warnte – und die Konjunkturdaten verschreckten. 

Damit dürfte es nun weitergehen, denn wieder einmal ist es Zeit für die führenden Unternehmen der Vereinigten Staaten bei Vorlage ihrer jüngsten Geschäftsbilanzen Farbe zu bekennen. Die kennen 
für den Dreimonatszeitraum Oktober bis Dezember, in dem die schwerste Börsenkrise der letzten zwei Jahrzehnte ihre  volle Wirkung entfaltete, jedoch bevorzugt nur eine Couleur: Dunkelrot.

Schlachtfest in der Bankenlandschaft: Citigroup vernichtet 19  Milliarden Dollar in 2008

Das ist zumindest der Anstrich, den die ersten Quartalsbilanzen trugen, die  in den letzten Tagen veröffentlicht wurden. Die Citigroup, für die längste Zeit dieses Jahrzehnts das wertvollste Geldinstitut  der Welt,  musste  ihren  Anteilseignern den fünften schweren Milliardenverlust in Folge beichten. Happige 8,29 Milliarden Dollar gingen in den 92 Tagen zwischen Anfang Oktober und  Ende Dezember verloren.  Das entspricht einem Verlust von 1,72 Dollar je Aktie. Analysten waren zuvor noch von nur 1,32 Dollar ausgegangen.   

Für das Gesamtjahr 2008 wies der Dow Jones-Konzern den enormen Verlust von fast 19 Milliarden  Dollar aus! Um der Schieflage Herr zu werden, kündigte die Citigroup als Gegenmaßnahme  eine Aufspaltung in zwei neue Unternehmensbereiche an - die  Citi Holdings und die Citicorp. Letztere bündelt das klassische Bankgeschäft in mehr als 100 Ländern, das mehr als zwei Drittel des Kerngeschäfts des Konzerns repräsentiert.  Die Sparten Brokerage und Retail-Asset-Management finden sich unterdessen in der neu geründeten Holding  wieder.

Bankverstaatlichung nimmt ihren Lauf:  Bank of America braucht weitere 20 Milliarden Dollar

Ebenfalls komplett im Umbau befindet sich ein anderes  US-Traditionsgeldhaus – die Bank of America (BoA). Wie die Quartalszahlen gar nicht einmal auf den ersten Blick verdeutlichen, schmerzt dem nicht an der Wall Street, sondern in Charlotte ansässigen Kreditinstitut in erster Linie die Übernahme des  einstigen Investmentbanking-Stars Merrill Lynch. Unglaubliche 15,3 Milliarden Dollar musste Merrill  Lynch im abgelaufenen Dreimonatszeitraum abschreiben. Die sind in der Quartalsbilanz jedoch noch gar nicht enthalten.

Einen Gesamtverlust von 2,4 Milliarden Dollar musste die BoA dennoch hinnehmen. Tatsächlich erscheinen die Probleme der – gemessen am Börsenwert -  drittgrößten amerikanischen Bank weiterhin groß - so groß, dass sich der  Dow Jones-Konzern  zum zweiten Mal von der US-Regierung mit einer massiven Finanzspritze helfen lassen muss. 20  Milliarden Dollar sollen durch Stützung aus Washington  nach Charlotte fließen – 25 Milliarden waren bereits im letzten Jahr bewilligt worden.  Die Verstaatlichung der einstigen Speerspitzen des US-Kapitalismus nimmt damit ihren Lauf: Bei zwei der renommiertesten amerikanischen Banken ist Uncle Sam damit inzwischen zum Großaktionär aufgestiegen.

Frankfurter Bankenbeben:  „Unfassbares Missmanagement“ 

Der Trend ist auch diesseits des Atlantiks zu beobachten. Erst eine Woche ist es her, dass die Commerzbank unter den Rettungsschirm der  Bundesregierung schlüpfte.  10 Milliarden  Euro stellte Berlin bereit, um gegen drohende Risiken  eine größere Kapitaldecke  zu haben – und wohl auch, um die Dresdner Bank-Übernahme nicht zu gefährden.

„Dass die Commerzbank mit der Dresdner Bank zu einer Art Sparkasse von Berliner Gnaden schrumpft, ist keine Gottesstrafe, sondern auch Folge unfassbaren Missmanagements, das in der Krise nur jeder Tarnung beraubt wurde“,  kommentierte der  „Wirtschaftswoche“-Chefredakteur Roland Tichy die Entwicklung  im Editorial der aktuellen Ausgabe mit dem Titel “Vorwärts in die DDR“ mit gewohnt spitzer Feder.

Deutsche Bank mit schwerstem Quartalsverlust der Geschichte – und einem neuen Großaktionär

Der meiste Kopfschütteln blieb jedoch in den vergangenen Tagen dem größten Kreditinstitut  des Landes vorbehalten. Den Rekordverlust von enormen 4,8 Milliarden Euro musste die Deutsche Bank im zu Ende gegangenen Quartal ihren Anteilseignern offenbaren. “Sehr enttäuscht” sei er über das Zahlenwerk, erklärte Deutsche Bank-Chef Ackermann während der Ergebnisverkündung  - und hatte gleich noch mehr Überraschendes mitzuteilen.

Um die Kapitaldecke des Dax-Konzerns zu schonen, wird die Übernahme der Deutschen Postbank nicht aus eigenen Mitteln, sondern per Aktientausch erfolgen. Damit wird aber nicht nur der Mutterkonzern, die Deutsche Post, mit 8 Prozent Großaktionär der Deutschen Bank, sondern auch der Bund selbst, weil er schließlich noch mit 31 Prozent an der ehemaligen Bundespost beteiligt ist. Nach der Kalkulation ist die Bundesrepublik damit mit  3 Prozent an der Deutschen Bank beteiligt – und damit neuer Großaktionär.

Kommende Woche:  US-Techologiebranche im Fokus

Ebenfalls unerfreuliche Nachrichten kamen in der  vergangenen Woche aus der amerikanischen Technologiebranche. Als erstes Schwergewicht der Branche eröffnete der weltgrößte Chiphersteller  Intel  den Quartalsreigen. Was  Intel jedoch zu verkünden hatte, schockte Marktbeobachter. Nicht nur,  dass die Umsätze  - wie bereits in der Vorwoche angekündigt  - um fast ein Viertel  zurückgegangen  waren – die  Gewinne  brachen gar um 90 Prozent  von 2,04 Milliarden auf 234 Millionen Dollar ein. Einen Ausblick auf das laufende Geschäft wollte der Dow Jones-Konzern Anlegern unterdessen  nicht mehr   geben.

Entsprechend  sorgenvoll blicken Anleger dann auch auf die kommende Woche, wenn die Quartalssaison der US-Technologiebranche richtig an Fahrt gewinnt. Im Gegensatz zu den Festlichkeiten anlässlich der Amtseinführung von Barack Obama  dürfte  Anlegern angesichts der neuen Hiobsbotschaften kaum zum  Feiern zu Mute sein. Zeitgleich zur Inauguration von Barack Obama verkündet IBM nach Intel als erstes großes Technologie-Unternehmen am Dienstag seine Bilanz. Ebay folgt am nächsten Tag ebenso wie Apple. Microsoft und Google runden die Woche am Donnerstag mit ihrem Zahlenwerk ab.

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