Börsenjahr 2008: Ein Albtraum erster Klasse


Wenn alles gesagt, geschrieben und analysiert ist, zählt an den Märkten nur noch die einfache Mathematik. Und die spricht für die abgelaufenen 365 Tage eine ernüchternde Sprache:  2008, das war für viele Leitindizes das schlechteste Börsenjahr seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die deutschen Aktienmärkte verloren zwischen 40 und 48 Prozent ihres Wertes - und damit mehr als die Wall Street, an der die Krise ihren Ursprung genommen hatte.

Der Spuk ist vorbei, die Folgen bleiben: 2008 wird als das Börsenjahr in die Geschichte eingehen, in dem eine langsam herannahende Krise an dem US-Immobilienmarkt zum Tsunami heranwuchs, der erst den Kreditmarkt, dann die Kapitalmärkte erreichte und schließlich die Konjunktur mit einer Wucht traf, wie seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren nicht mehr.

Keine Frage: Es war ein schwieriges Jahr, vom ersten Handelstag an, der mit extrem schwachen Arbeitsmarktdaten aus den USA begann, die einen Absturz in die Rezession befürchten ließen. Die sollte faktisch jedoch erst drei Quartale später festgestellt werden, als die eigentliche Bombe längst detonierte.

Sie wurde am Wochenende des 13. und 14. gesichtet und entfaltete am 15. September an den Weltbörsen schließlich ihre vernichtende Wirkung: Die völlig unerwartete Pleite der renommierten US-Investmentbank Lehman Brothers, die über 80 Jahre lang zu den erfolgreichsten und meistrespektierten  Finanzinstitutionen der Wall Street gezählt hatte, traf die Weltbörsen im Mark.  „Wenn wir auf 2008 zurückblicken, gab es den Augenblick vor und nach der Lehman-Pleite“, bringt CNBC-Starmoderator James Cramer das Ausmaß dieser historischen Insolvenz auf den Punkt.

Das Jahr des Bankencrashs: US-Investmentszene bricht im September zusammen

„Too big to fail“, lautete die Einschätzung fast aller Bankenexperten zum Schicksal der durch Spekulationen im Subprime-Sektor in Schieflage geratenen Wall Street-Institution. Es kam anders. Lehman stürzte über Nacht – und zog die gesamte  US-Investmentszene mit sich. Praktisch im Tagesrhythmus taumelten die anderen Banken: Merrill Lynch wurde von der Bank of America übernommen, 21 Prozent von Morgan Stanley wurden von der japanischen Großbank Mitsubishi UFJ Financial Group aufgekauft - das Traditionshaus musste ebenso wie Goldman Sachs als letzte unabhängige Investmentbank ihren Sonderstatus aufgeben. Die Citigroup verlor fast 80 Prozent an Wert und notierte gestern bei rund 6 Dollar auf dem tiefsten Stand seit den frühen 90er-Jahren.

JP Morgan wurde indes zum regelrechten  Krisengewinner: Die Wall Street-Ikone  rettete erst im März Bear Stearns in einem „Firesale“ kurz vor der Pleite, um dann im Herbst erneut den Retter zu spielen – diesmal bei der Washington Mutual. Zum Jahresende war JP Morgan wieder zur Nummer eins in der amerikanischen Bankenlandschaft aufgestiegen und hatte mit 28 Prozent gar weniger verloren als der US-Leitindex.    

Dax:  40 Prozent Minus – deutscher Leitindex  knapp besser als in 2002

Die deutschen Aktienmärkte indes kollabierten im Herbst schließlich, nachdem sie 2005, 2006 und 2007 noch mit Gewinnen von mehr als 20 Prozent das Jahr beendet hatten. Allein in der ersten Oktoberwoche brachen die Dämme komplett: Aus Angst vor einer umfassenden Pleitewelle in  der Bankenlandschaft entzogen Sparer massiv Einlagen – und den Aktienmärkten gleichzeitig Kapital. Zwischen dem 6. und 10. Oktober verlor der Deutsche Aktienindex (Dax) mehr als 1500 Punkte und stürzte von über 6000 deutlich unter die 5000-Punktemarke ab – ein einmaliger Wertverlust von 22 Prozent in einer Handelswoche.

Nach einem wahren Rekordjahr 2007, in dem der Dax mit einem Kursplus von 22 Prozent als europäischer Champion aus dem Handel gegangen war, folgte der harte Absturz. Exakt 40,37 Prozent seines Wertes büßte der deutsche Bluechip-Index in den vergangenen 365 Tagen ein, um damit am Dienstag bei 4810 Zählern das Jahr zu beenden. Zum Jahresstart notierte die erste deutsche Aktienliga noch bei 8067 Zählern.

Nur durch die Kurskapriolen um die VW-Aktie, die durch Optionsgeschäfte in erstaunliche Höhen getrieben wurde und den Wolfsburger Autobauer im Oktober sogar für einen Handelstag  zum wertvollsten Unternehmen der Welt machte, konnte ein neuerliches Rekordminus im Dax verhindert werden. Das resultiert weiter aus dem tiefen Bärenmarkt des Jahres 2002 bei Minus 44 Prozent.   

Deutsche Aktienmärkte:  Kleinere Indizes verlieren so stark wie nie

Neue Rekordtiefen wurden dagegen in allen kleineren deutschen Indizes erkundet. Die deutschen Nebenwerte wurden ebenso in einen drastischen Abwärtssog gezogen, der 43 Prozent ihres Wertes einkassierte – nach 9865 Punkten im Vorjahr blieb der MDax am Dienstag nur noch bei 5602 Zählern stehen. 

Ein fast synchrones Bild war beim SDax zu beobachten: Der deutsche  Smallcap-Index beendete den Handel 2008 bei 2801 Punkten. Im Vorjahr wurden noch 5192 Punkte festgestellt – ein Minus von 46 Prozent.  Klassenletzter wurde dagegen der TecDax. Der Nemax-50-Nachfolger halbierte sich gar fast – nach 974 Punkten 2007 blieb die Kurstafel nunmehr bei nur noch 508 Zählern stehen – ein Minus von 48 Prozent.   

Epizentrum Wall Street:  Dow Jones hält sich am besten

Sogar noch etwas weniger drastisch fielen die Verluste an der Wall Street, dem eigentlichen Epizentrum des Börsenbebens aus. Im schwärzesten Jahr seit 1931 musste der technologielastige Nasdaq Composite, der das Jahr bei 1577 Punkten beendete, ein Minus von 41 Prozent verkraften – so viel wie nie. Der Traditionsindex Dow Jones hielt sich dagegen noch vergleichsweise gut. Bei 8776 Zählern blieb ein Minus von 34 Prozent.

Damit konnte sich die Wall Street um mehr als 10 Prozent besser schlagen als die europäischen Märkte in der Breite.  Der maßgebliche EuroStoxx50 beendete 2008 bei 2451  nach exakt 4400 Zählern im Vorjahr – ein Minus von 44 Prozent. Ähnlich massiv verloren auch die ohnehin seit fast zwei Jahrzehnten im Abwärtstrend befindlichen japanischen Aktienmärkte: Nach 15.308 Zählern im Vorjahr ging der Nikkei gestern bei 8860 Punkten aus dem Handel – ein Minus von 42 Prozent. Der Börsencrash 2008: Er ging in den vergangenen zwölf Monaten buchstäblich um die ganze Welt. Noch höher waren die Verluste auf der Halbinsel Hongkong. Der Hangseng-Index, der 2007 noch bei 27.370 Zählern beendet hatte,  wurde bis auf 14.235 Punkte durchgereicht – ein Minus von 48 Prozent. 

BRICs unter Feuer: Russischer Aktienmarkt verliert mehr als 70 Prozent an Wert

Gar noch härter kamen die Emerging Markets unter die Räder.  Der brasilianische Bovespa konnte sich am besten behaupten und büßte 42 Prozent ein – ein Absturz von 63.826 auf 37.553 Zähler. Wesentlich härter wurde unter den BRIC-Märkten dagegen der Leitindex der Börse Moskau getroffen. Der RTS ging auf einem Niveau von nur noch 625 Zählern aus dem Handel – im Vorjahr waren es noch 2291 Punkte. Das entspricht einem enormen Minus von 72 Prozent. 

Mehr als halbiert hat sich indes auch der indische Sensex, der das Jahr 2007 noch bei 20.207 Punkten beendet hatte. Gestern blieb der Leitindex der Börse im Mumbai bei nur noch 9716 Punkten stehen – ein Minus von 53 Prozent. Deutlicher härter traf es jedoch noch die Überflieger der letzten Jahre – die Festlandbörsen in Shanghai und Shenzhen, die 2007 noch als unangefochtener Champion der BRIC-Märkte aus dem Börsenjahr gegangen waren. Zwölf Monate später blieb für den Shanghai Composite bei 1821 Punkten nur der vorletzte Platz – ein happiges Minus gegenüber dem Vorjahresniveau bei 5262 Punkten von 66 Prozent. Der Börsencrash 2008: Er ging in den vergangenen zwölf Monaten buchstäblich um die ganze Welt.  

Auch Rohstoffmärkte unter Druck: Öl mit Kurssturz

Lediglich das Edelmetall Gold konnte der Erosion an den Kapitalmärkten noch halbwegs trotzen.  Bei 868 Dollar ging die Feinunze Gold am Montag aus dem Handel – immerhin 4 Prozent höher als noch im Vorjahr. Damit wurde das edle Metall immerhin seinem Ruf als Krisenwährung gerecht – das Jahreshoch jenseits der 1000 Dollarmarke wurde jedoch auch mitten im Ausverkauf an den Aktienmärkten nicht mehr erreicht. Selbst beständig im Ausverkaufsmodus befand sich das andere edle Metall: So gab der Silberpreis 2008 um 26 Prozent nach, um das Jahr auf einem Niveau von 10,91 Dollar zu beenden.

Einen regelrecht crashartigen Absturz erlebte dagegen der Ölpreis.  Nachdem das schwarze Gold zum Ende der ersten Jahreshälfte noch auf einem fast epochalen Hoch bei 147 Dollar notiert hatte, wurden für ein Barrel (159 Liter) der amerikanischen Leichtölsorte Light Sweet Crude an der Warenterminbörse Nymex gestern fast 110 Dollar weniger gezahlt.  Das Barrel Rohöl ging gestern  bei mehr als 38 Dollar aus dem Handel – ein Minus von 61 Prozent. Selbst der Euro, der als Krisenwährung seinen Höhenflug fortgesetzt hatte, rutschte in den Krisenwirren der Herbsttage mächtig ab, konnte sich aber zum Jahresende wieder erholen. Dennoch blieb bei 1,40 Euro ein Minus von 5 Prozent. 

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