Mikrofinanz: Geld verdienen und Gutes tun!


Stellen Sie sich vor, Sie stehen eines Tages vor Ihrem Geldautomaten und Sie erhalten dort kein Geld. Niemand akzeptiert mehr Ihre Kreditkarte, alle Banken haben einfach geschlossen. Für Ihren Immobilienkredit gibt es keine Verlängerung und selbst das Internetportal Ihrer Bank reagiert nicht mehr auf Ihr Passwort. Wie würde sich Ihr Leben ändern, wenn Sie alles Geld, was Sie dann noch besitzen, am Leib zu tragen hätten, oder Sie es in Ihrer Wohnung verstecken müssten?

Ein solcher Alptraum ist schwer vorstellbar, oder? Die größte Finanzkrise seit 1929 führt uns derzeit vor Augen, wie leicht unser Finanzsystem aus den Fugen geraten kann. Dennoch gibt es wohl nur wenige Menschen in unserer Gesellschaft die erahnen können, was es bedeutet, sich um die Verfügbarkeit von Finanzdienstleistungen und die sichere Verwahrung seiner Gelder Gedanken machen zu müssen. Doch genau dies ist furchtbare Realität für fast die Hälfte unserer Menschheit. In 2006 hatten rund 2,7 Mrd. Menschen ein pro Kopf Einkommen von weniger als 2 USD, die Anzahl der Menschen, die „unbanked“ sind, ist weitaus höher. Natürlich ist es kein Zufall, dass genau diese bettelarmen Menschen, die durch fehlende Ressourcen wie z.B. Wasser oder Strom und geringe Ausbildung bestraft sind, auch im Finanzbereich benachteiligt sind. Statt den Banken machen Kredithaie und Wucherer ihre Geschäfte mit diesen Menschen. Durch Kreditzinsen von oft mehreren hundert Prozent werden Kleinunternehmer oder Kleinstgewerbetreibende – meist auch Frauen - letztlich in eine Lohnsklaverei getrieben.

Das Zauberwort, mit dem sich dieser Teufelskreis durchbrechen lässt, heißt Mikrofinanz. Primär durch die Bereitstellung von vergleichsweise günstigen Kleinstkrediten ermöglichen weltweit mittlerweile rund 5.000 verschiedene Mikrofinanzinstitute rund 100 Millionen Menschen einen Weg aus der Armutsfalle. Die Wachstumsraten dieser jungen Branche sind beachtlich, doch das Potenzial bis zu einer flächendeckenden Versorgung der Weltbevölkerung mit einem Zugang zu Finanzdienstleistungen ist immens.

Zu öffentlicher Geltung kam die Branche durch den Friedensnobelpreis an Prof. Muhammad Yunus im Jahr 2006. Mit unglaublicher Überzeugung, gepaart mit höchster Demut vor der menschlichen Schöpfung, reist Prof. Yunus seitdem über den Globus, um die Erfolgs- geschichte seiner Grameen Bank zu multiplizieren. Sein Ziel ist die Beseitigung der Armut, die Mittel sind dabei ökonomisch. Der Grameen Bank in Bangladesh gehört mittlerweile ein ganzes Netz von Unternehmen von der Wasserversorgung über die Textilherstellung bis hin zur landesgrößten Telefongesellschaft. Doch betont Yunus stets, dass alle diese Unternehmen den Eigentümern der Grameen Bank gehören und das sind die ehemals mittellosen Kreditnehmer dieser Bank. Meist sind es Frauen, die mit Aufnahme in eine Kreditgemeinschaft auch Anteile an der Bank erhalten. Da die Grameenbank die Gewinne stets wieder investiert, um weitere soziale Verbesserungen zu erreichen, ist sie für Prof. Yunus das Musterbeispiel eines Sozialunternehmens, das mit ökonomischen Mitteln für soziale Ziele arbeitet. Seitdem die Grameen Bank sich in Bangladesh etabliert hat, können sich pro Jahr lt. Prof. Yunus rund 2% der Bevölkerung aus der Armut befreien. Bangladesh wird damit vermutlich eines der wenigen Länder sein, die das UN Milleniumsziel erreicht, bis 2015 den Anteil der Menschen in Armut in der Bevölkerung zu halbieren.

Vor allem in Südamerika, auch aber in Osteuropa und Zentralasien gibt es ähnliche Erfolgsgeschichten im Bereich Mikrofinanz. Hier wurden meist von Hilfsorganisationen aus dem kirchlichen und philantropischen Bereich Kreditgenossenschaften aufgebaut. Immer mehr Staaten in den Schwellen- und Entwicklungsländern unterstützen zudem die Gründung von Mikrofinanzinstituten auch mit öffentlichen Geldern. Alle diese Mikrofinanzinstitute (MFI) arbeiten ertragsorientiert und sind auch auf Kapital von ausländischen Geldgebern
angewiesen.
Die interessante Mischung von sozialer und wirtschaftlicher Rendite hat dazu beigetragen, dass sich das Netz der MFIs mit Hilfe von privatem Kapital immer weiter vergrößert und sich das Kreditvolumen in dieser Branche in den letzten Jahren jeweils verdoppelt hat. Die einzelnen MFIs weisen meist zweistelliges Wachstum aus. Für die Geldgeber ein gutes Geschäft, denn ohne nennenswerte Ausfallrisiken erkaufen sie sich eine solide Verzinsung – und ein gutes Gewissen:
Auch wenn die soziale Bilanz in diesen Ländern nicht so eindrucksvoll ausfällt wie in Bangladesch, trägt das schnelle Wachstum der ertragsorientierten MFIs auch in diesen Ländern erheblich zur wirtschaftlichen Verbesserung der Bevölkerung bei.

Keine Branche weist derzeit so einen hohen Zusammenhang von sozialem Nutzen und wirtschaftlichen Profit auf, wie Mikrofinanz. Damit bringt Mikrofinanz ein über jahrhunderte geprägtes Weltbild ins Wanken, dass Ertragsorientierung mit kalter Gier und soziales Handeln mit selbstloser Philanthropie verbindet. Wir konnten in den letzten Jahrzehnten beobachten, dass wir offensichtlich nicht genug Gutmenschen auf der Welt haben, um die Ungerechtig- keiten auf diesem Globus zu beseitigen. Es ist daher höchste Zeit, die Gegensätze von Profit und Philanthropie zu verbinden, um unsere globalen sozialen Probleme mit ökonomischen Mitteln zu lösen. Dies ist die Hoffnung, die sich mit der Idee von Mikrofinanz und sozialem Unternehmertum verbindet. Doch auch bei Mikrofinanz ist dieser Zusammenhang nicht immer garantiert. Wie gut, dass es Persönlichkeiten wie Prof. Yunus gibt, der unermüdlich für diese Ideen wirbt und die Branche zugleich eindrücklich dafür sensibilisiert, dass der soziale Auftrag nicht vom Gewinnstreben verdrängt wird.

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