Finanzmärkte - Weltuntergang bleibt aus
Rekordarbeitslosenzahlen in den USA. Ein neues 20 Jahres Tief beim ifo-Geschäftsklima. Opel mit Problemen und sogar BASF muss die Produktion drosseln. Dennoch geht die Welt nicht unter. Sie wird nur nach der Krise erstmal anders aussehen. Hoffentlich.
Die Krisenursachen sind im Herbst 2008 fast unbestritten: Eine zu üppige Kreditausstattung wurde durch immer neue Finanzprodukte unter die Leute gebracht. Die Notenbanken hatten die Kontrolle über die Geld- und Kreditwirtschaft verloren und ohnehin zu viel Geld in das System gepumpt. Ratingagenturen spielten nicht die Hauptrolle, sondern waren nützliche Beschleuniger eines Kreditrads, das jetzt zum Stillstand kommt und dringend zum Weiterbetrieb nötig ist.
Viele Anleger fragen sich in diesen Tagen, wann die Aktienkurse ihren Boden finden. Verständlich nach einem Jahr, das Aktienanlegern bisher Verluste von 50 Prozent und in Emerging Markets noch mehr Minus gebracht hat. Dennoch ist das gar nicht das drängendste Problem. Nachdem das Weltfinanzsystem vor seinem Kollaps stand, ist eher die Frage zu stellen, wie stark die Realwirtschaft beeinträchtigt wird durch den angerichteten Schlamassel. Zurzeit kann das Ausmaß der Redimensionierung der Weltwirtschaft nur vermutet werden. Zunächst gilt: Es wird vermutlich schlimmer kommen als die aktuellen Prognosen vorhersagen. Falls Deutschland im Jahr 2009 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von deutlich weniger als ein Prozent hinnehmen muss, dann wäre das vermutlich ein Erfolg und Zeichen der Stärke der deutschen Wirtschaft. Wer jetzt als Volkswirt mit Wachstumsprognosen auf den Markt kommt, der zeigt dadurch Wodoo-Künste, aber keine seriöse ökonometrische Analyse. Das liegt einfach daran, dass in keinem Wirtschaftsmodell dieser Welt die Wirkungen von Kreditschocks und Kettenreaktionen simulierbar sind. Sie sind nämlich gar nicht vorgesehen in der heilen Welt der Wirtschaftsrechner. Genauso versagen Ökonometriker regelmäßig an irrationalem Verhalten einiger Marktteilnehmer und Betrugsdelikten.
Kreditblase muss rückabgewickelt werden
Weltweit haben viele Nationen und auch Deutschland als exportorientiertes Land von einer expandierenden Kreditwirtschaft profitiert: Häuser wurden gebaut, Konsum finanziert und Projekte angestoßen. Das Problem ist, dass die Banken riesige Kreditpyramiden aufgetürmt haben und jetzt gegen ein Moral Hazard Verhalten innerhalb der Branche nund bei Kunden ankämpfen müssen. Denn es ist zu vermuten, dass nicht nur in den USA, sondern auch anderswo Marktteilnehmer Kreditgeschäfte getätigt haben, die ihren Verpflichtungen nie nachkommen wollten. Verstärkt wird das von Marktteilnehmern die zahlen wollen, aber wegen ihres einbrechenden Umfelds nicht zahlen können.
So zerstört sich in dem System natürlich der Glauben an ehrliche Geschäftsbeziehungen und eine Spirale des Misstrauens entfaltet ihre verheerenden Wirkungen. Dabei hätten Banker es besser wissen müssen, schließlich kommt das Wort “Kredit” vom lateinischen “credere” und das heißt “glauben” und zwar nicht im religiösen Sinne, sondern wie Treu und Glauben. Die Regierungen haben im Oktober weltweit sehr besonnen reagiert, indem sie versuchten, mangelndes Vertrauen in der Privatwirtschaft durch Staatsgarantien zu ersetzen. Das war notwendig und bei aller Kritik an Details: Die handelnden Politiker haben verantwortlich und überzeugend gehandelt. Applaus.
Obama muss die Wahrheit verpacken und verkaufen
Barack Obama wird ein großer Präsident sein, wenn es ihm gelingt, die Vereinigten Staaten auf harte Zeiten einzustellen und dennoch Hoffnung zu verbreiten. Die gesamte Verschuldung der USA beträgt mehr als die dreifache jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Die bisher vereinbarten Schritte sind nichts weiteres als ein Umtopfen von privaten und unternehmerischen Krediten in den Staatssektor. Auf Dauer kommt es aber darauf an, dass die Gesamtverschuldung aller Sektoren insgesamt zurückgeführt wird. Zum Vergleich im Jahr 1929 betrug die Gesamtverschuldung der USA etwa 260 Prozent, lag also unter dem heutigen Verschuldungsgrad.
Allerdings sollten wir Europäer nicht zu arrogant über den großen Teich schauen. Bei uns gibt es ähnliche Verschuldungsphänomene. Die gesamte Welt hat sich gegenseitig verschuldet und ihr Wachstum auf virtuellen Werten aufgebaut. Manche Nationalökonomen meinen, man müsse nur die Außenhandelsungleichgewichte bekämpfen. Das ist viel zu schlicht gedacht und nur ein Teil des Problems. Die Amerikaner waren mentalitätsbedingt natürlich etwas optimistischer und bei manchen Finanzprodukten auch etwas cleverer, da sie beispielsweise deutschen Landesbanken wie der BayernLB Wertpapiere angedreht haben, deren Wert schon beim Kauf zweifelhaft war.
Obama entscheidet
Für Schuldnerländer ist es sehr einfach: Man wirft die Notenpresse an und die Schulden werden weginflationiert. Die Last tragen so letztlich die Armen einer Gesellschaft. Diese Gefahr besteht bei den Amerikanern natürlich, da es die einfachste Lösung ist. Hoffnung macht nur der neue Präsident.
Der Präsident ist noch nicht im Amt, da hört man erste Stimmen von Deflationsängsten und vermutet dahinter vermutlich zurecht die gleichen Ratgeber, die für den Großteil der Probleme zuständig waren. Probleme werden traditionell in den USA durch Immer mehr gedrucktes Geld gelöst. Als Weltwährung exportierte die USA sogar Inflation. Und wenn gar nichts mehr hilft, wirft Ben Bernanke die Dollarnoten aus dem Hubschrauber höchstpersönlich ab. Jede geplatzte Vermögensblase wurde unter Alan Greenspan übertüncht durch die falsche Politik des günstigen Geldes. Hier muss es eine Kehrtwende der Vernunft geben, sonst wird die nächste Finanzkrise noch schlimmer ausfallen. Europäer sollten auf einen Präsidenten Barack Obama hoffen, der die US-Wirtschaft zu einer ökologischen Marktführerschaft führt und dadurch die Exportnation USA stärkt. Das wäre ein echtes Zeichen der Stärke. Der National Intelligence Council, eine Art Denkfabrik der US-Geheimdienste, sieht einen politischen Abstieg der USA und der US-Währung bis zum Jahr 2025 voraus.
Egal welchen Weg Obama letztlich einschlägt: Es wäre nicht verwunderlich, wenn wir uns auf Dauer auf einen deutlich schwächeren US-Dollar einstellen müssen. Dann trifft es die europäische Exportwirtschaft - und zuvorderst die deutsche Industrie. Wir werden in den nächsten Jahren erleben, was mit Globalisierungsrisiken tatsächlich gemeint ist. Auch gesellschaftlich müssen wir uns auf neue nationalistische Tendenzen einstellen: Beim Kampf um Subventionen ist das schon auf politischer Ebene zu erkennen. Vergessen ist bereits, dass General Motors Opel vor ca. 20 Jahren aus einer unternehmerischen Krise befreit hatte.
Weltbilder stürzen ein. Manchmal unbemerkt.
Es ist bemerkenswert wie manche Politiker und Wirtschaftsführer ihrem alten Denken verhaftet sind. Manche reden immer noch von Staatsversagen in Verkennung der Ereignisse und in fehlerhafter Analyse. Der freie Markt hat sich Mittel und Wege gesucht, um die freiheitliche Gesellschaft in der wir leben, in Frage zu stellen. Umgesetzt wurden die falschen Grundideen und die Bankenbranche verlor jegliche Bodenhaftung. Jetzt müssen Bankvorstände Buße tun und sich an den Aufräumarbeiten beteiligen. Der Mittelstand braucht nicht in Schönwetterzeiten Kredite, sondern jetzt.
Bundespräsident Horst Köhler hat in dieser Amtsperiode tatsächlich noch eine bemerkenswerte Rede gehalten. Auf dem European Banking Congress 2008 appellierte Köhler in Frankurt an die Bankerehre:
“Stellen Sie sich dem Gespräch mit Ihren Kunden, die verunsichert sind. Bemühen Sie sich um diejenigen, die durch die Krise Verluste erlitten haben. Seien Sie ehrlich, wenn bei der Beratung Fehler gemacht wurden. Weichen Sie den berechtigten Fragen der Öffentlichkeit nicht aus. Ihre wichtigste Aufgabe besteht jetzt darin, Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist Ihre Arbeit.
Denken Sie auch darüber nach, Härtefälle aufzufangen. Es kann nicht im Interesse des Bankgewerbes sein, wenn die private Altersvorsorge in Verruf gerät. Diejenigen aus Ihrer Branche, die durch die Entwicklung der vergangenen Jahre viel Geld gemacht haben, könnten durch einen eigenen Beitrag in einen Fonds ein besonderes Zeichen der Solidarität setzen.
Besinnen Sie sich auch wieder auf Ihre Funktion als Dienstleister für Ihre Firmenkunden. Lassen Sie vor allem unsere Mittelständler nicht im Stich. Das sind Leute, die hart arbeiten. Ihre Produkte sind weltweit gefragt. Sie verdienen Vertrauen. Gerade in der Krise. Eine panikartige Verkürzung der Bankbilanzen hilft jetzt niemandem. Das sollte auch die Bankaufsicht berücksichtigen.”
Wichtiger als richtige globale Worte sind klare Regeln im Detail, die nicht nur das Beraten von Kunden erschweren, sondern die Produktqualität nachhaltig erhöhen und unsinnigen Verkaufskonzepten einen Riegel vorschieben.






