Krise der Autoindustrie: Sollen Politiker helfen?
Die Aktien von General Motors notierten zu Wochenbeginn auf dem Kursniveau Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Das zeigt die Probleme des vor genau Hundert Jahren gegründeten Autoriesen. Inzwischen haben sich Barack Obama, der “President elected”, und Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, für eine staatliche Rettung ausgesprochen. Was ist ökonomisch davon zu halten?
Die Situation ist dramatisch. Barack Obama brachte das in einer Rede durch nur eine Zahl zum Ausdruck: Jeder zehnte Arbeitsplatz in den USA hängt am Tropf der Autoindustrie. Würde General Motors fallen, dann würde die US-Arbeitslosigkeit in einer Nacht von 6,5 auf 9,5 ansteigen, da viele Zulieferbetriebe von GM abhängig sind. Das kann nach meiner Einschätzung nicht einmal der neue Messias am US-Himmel politisch verkraften. Die Politik ist also in Sachzwängen gefangen. Die Folge ist ein ordnungspolitischer Drahtseilakt, da ein Wettlauf der Subventionen zu befürchten ist. Chrysler und Ford werden vermutlich folgen. Auch in Europa schnürt die EU Hilfspakete.
Ursachen für die Autokrise momentan nicht gefragt, aber wichtig
Die Krise in der US-Automobilindustrie ist nicht neu: Bereits im Herbst letzten Jahres kündigten die US-Autobauer Verzweiflungstaten an, die an die Methoden in der Subprime-Branche erinnern: “Kaufe heute und zahle in zwei Jahren”. Durch dieses Kreditmodell kauften die Unternehmen sich Zeit ein. Diese letzte Errungenschaft der US-Autobanken ist ein typisches Zeichen für das Ende einer auf Kredit finanzierten Autokonjunktur. Immerhin will GMAC, der Finanzierungsarm von General Motors in Europa die Zahl der Kredite reduzieren. Vermutlich nicht aus Einsicht, aber für die Zukunft ist ein Umdenken sinnvoll. Allein aus Wettbewerbsgründen dürften Subventionen für Ford und Chrysler in Kürze ebenfalls anstehen. Ein Detail am Rande: GMAC verlor Geld vor allem durch die erst 1985 gegründete Hypothekensparte, die jetzt die Probleme noch verschärft.
Ein anderer Indikator für eine ungesunde Entwicklung ist der ruinöse Rabattwettbewerb im Handel, der inzwischen auch in Deutschland zu spüren ist. Denn natürlich müssen beispielsweise in Zahlung genommene Altfahrzeuge von irgendjemandem bilanziert werden. Der Preiskampf drückt auf die Marge, wenn die angenommenen Listenwerte am Markt nicht erzielt werden können. Auch sind Angebote wie Null-Leasing nichts anderes als die Umwandlung von Preisnachlässen in eine andere Zahlungsreihe.
Verdeckte Arbeitslosigkeit
In Zeiten der DDR hatten viele Menschen Arbeit, ohne genügend produktiv zu sein. Für Ökonomen ist das eine Form der verdeckten (statistisch nicht erfassten) Arbeitslosigkeit. In gewisser Weise sind auch Mitarbeiter in der US-Autobaumobilindustrie verdeckt arbeitslos. Das will nur niemand hören - zurzeit schon gar nicht. Die Branche hätte sich in den USA schon viel früher gesundschrumpfen müssen, um im internationalen Vergleich mithalten zu können. Es mag viele Gründe geben, warum ein Manager solche Redimensionierungsschritte nicht geht. Hier liegt ein eindeutiger Fall von Managerversagen vor. Aber wir müssen gar nicht auf die US-Manager mit dem Finger zeigen: Daimler hat dem Top3-Riesen Chrysler einige Jahre Luft verschafft und sich selbst dadurch allerlei Probleme eingehandelt. Auch das gehört nicht zu den Sternstunden von Managerleistungen. Nicht nur wurden Milliarden in der US-Wirtschaft versenkt, sondern zusätzlich wurde zum Nachteil aller Automobilhersteller der Strukturwandel in den USA aufgehalten.
In der Situation jetzt wird ein solcher Strukturwandel in der US-Automobilindustrie nicht mehr gelingen können. Für die Zukunft müssen alle Beteiligten und auch Anleger lernen, dass nationale Champions und nicht der Global Player das unternehmerische Leitbild der Zukunft sein sollte. General Motors ist vermutlich “to big to fail”, zumal die Auswirkungen weltweit weiter krisenverstärkend wirken würden. GM hat mehrere Tranchen von Anleihen mit einigen Hundert Milliarden US-Dollar emittiert. Hundert Milliarden etwa sind durch Credit Default Swaps (CDS) abgesichert, was das Problem nicht löst, sondern die mögliche Kettenreaktion beschreibt. Es wäre interessant zu sehen, welche Bank wie hoch bei GM noch engagiert ist. Hoffen wir nur, dass wir es nie erfahren und GM von der US-Regierung gestützt wird. Allen ordnungspolitischen Bedenken zum Trotz.
Für die Zukunft
Europa muss sich jetzt zwangsläufig auf Hilfen der eigenen Automobilhersteller einlassen, obwohl die europäische Autoindustrie weitaus besser dasteht als die US-Konkurrenz. Hierzulande stehen die Montagebänder in vielen Städten still und Zeitarbeiter trifft die Arbeitslosigkeit zuerst. Der schwächste europäische Hersteller ist bei Betrachtung des Volumens der Anleiheversicherung durch CDS die italienische Fiat Gruppe, die aber immer noch auf Investmentgrad-Niveau eingestuft ist. Deutsche Autobanken prüfen schon jetzt, ob man unter den Schutzschirm des Bankenpaketes schlüpfen soll. Wer die Hilfen nicht annimmt, muss im Wettbewerb Nachteile befürchten. So sieht ein lupenreiner Subventionswettlauf aus. Eine absurde Entwicklung, da die Autoindustrie noch vor wenigen Jahren durchaus optimistisch nach Osteuropa und China geschielt hat. Inzwischen scheint sich die Bundesregierung auf einen Steuerbonus beim Neuwagenkauf geeinigt zu haben.
Wären Verantwortliche dem Kredithunger der USA und seiner Verbraucher rechtzeitig entgegen getreten oder hätten Anleger GM die massive Aufnahme von Fremdkapital verweigert, dann würde die Krise jetzt nicht so schlimm in der Autoindustrie zuschlagen.
Fazit: Ökonomisch falsche Entscheidungen haben in Zeiten der Globalisierung dramatische Folgen. Manchmal könnte auch die Zerschlagung zu großer Marktteilnehmer erforderlich sein. Dazu ist nicht nur von Managern ein Umdenken gefordert, sondern auch Gewerkschaften müssen Globalisierung vermutlich neu denken.





