Börsencrash: Die Woche, in der der Himmel einstürzte


Dies ist der schlimmste Markt unserer Generation. Der schlimmste Markt seit 1987, der gegen das Desaster dieser Tage eine Episode war. Genau wie die Einbrüche nach 9/11, die rückblickend betrachtet eher Korrekturen waren. Genau wie das letzte Ende des großen Bärenmarktes 2002 - 2003 mit seinen endlosen Einbrüchen. Und genau wie das Ende der Dot.com-Blase 2000. Der Crash von 2008 wird in die Geschichte eingehen - doch der Ausgang ist offener denn je.


Man muss die Dinge beim Namen nennen, wie sie sind. Dies ist keine Korrektur, kein Einbruch, kein Kurssturz. Es ist ein Crash - der Crash. Und zwar der schlimmste, brutalste Crash unserer Zeit. Nie, wirklich nie in den vergangenen zwei Jahrzehnten sind die globalen Aktienmärkte so hemmungslos, so willenlos und so panisch zusammengebrochen wie in den vergangenen fünf Handelstagen. Das hier ist der big one - der Crash einer Ära.

Historische Kursverluste: Weltbörsen verlieren mehr als 20 Prozent in einer Woche
Wie im schlimmsten Albtraum kollabierten die Aktienindizes in seit 1929 nicht da gewesener Weise - die Märkte verloren wie folgt:

• Dow Jones: - 18 Prozent
• Nasdaq Composite: - 16 Prozent
• Dax: - 22 Prozent
• MDax: - 21 Prozent
• SDax: - 22 Prozent
• TecDax: - 24 Prozent
• EuroStoxx50: - 23 Prozent
• Nikkei: - 24 Prozent

Wohlgemerkt: Das sind nicht die Endstände des Börsenjahres, das bis dato noch viel desaströser verlaufen ist - es sind die Endstände einer Börsenwoche, der Börsenwoche vom 6. bis 10. Oktober 2008, die in die Annalen eingehen wird als die Woche, in der die Finanzmarktkrise ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.
Nichts half am Ende: Keine endlosen Liquiditätsspritzen, keine warmen Worte der Politik, keine Staatsgarantien für Sparkonten - nicht einmal die konzertierten Zinssenkungen der Notenbanken. Dieser Markt kannte im wörtlichen Sinne nur eine Richtung: Er wollte, er drängte, er musste nach unten. Raus, raus, raus - das war die einzige Order, die Aktionäre zu Beginn und Ende eines Handelstages kannten, wie es Dirk Müller, der wohl bekannteste Händler des Frankfurter Börsenparketts am Donnerstag gegenüber manager-magazin.de so metaphorisch auf den Punkt brachte: “Verkaufswellen rollen über uns hinweg - und niemand, niemand scheint dagegen zu halten. In früheren Krisen konnte man darauf fast immer zählen. Jetzt gibt es kein Aufbäumen. Und das ist es, was dieses Desaster so zermürbend macht.”

Schwarzer Freitag: 10 Prozent Minus zum Handelsstart im Dax

Am Freitagmorgen war es schließlich nicht mehr zermürbend: Es war ein einziges Blutbad. Im Gegensatz zur Börse in Wien und Moskau hatte die Deutsche Börse nämlich kein Erbarmen mit dem Massaker und entschied sich dafür, den Handel nicht zu unterbrechen: Der Markt sollte seine eigenen Grenzen testen und finden.

“Wer jetzt noch Positionen besitzt, dürfte mit diesen Vorgaben in Panik verfallen und zu jedem Kurs versuchen, aus dem Markt zu kommen”, erklärte ein Börsianer zum Handelsstart am Freitag, als der Dax in den ersten Handelsminuten um unfassbare 10 Prozent einbrach - ein schier unglaubliches Niveau, wenn man bedenkt, dass der Deutsche Leitindex in den letzten vier Handelstagen bereits 1000 Punkte verloren hatte. Wie ein angeschlagener Boxer nahm der deutsche Bluechip-Index jeden Treffer, aber auch wirklich jeden Treffer, den Aktionäre ihm mit ihren Verkaufsorders erteilten.

Tags zuvor hatten sich an der New Yorker Börse unglaubliche Szenen abgespielt: In der letzten Handelsstunde brach der Dow Jones um mehr als 500 Punkte ein, nachdem er sich schon die ganze Woche über im freien Fall bewegt hatte. Wie ein heißes Messer durch die Butter glitten die Verkäufer und durchbrachen erst die 9000-Punktemarke, um dann bei gerade 8594 einzuhalten.

Dow Jones: 10.000-, 9.000- und 8.000-Punktemarke in einer Woche durchbrochen

Wer jedoch gedachte hatte, damit wäre der Bärenüberfall endlich beendet, durfte am Freitag seinen Augen nicht trauen: Die Kurse brachen schon wieder im großen Stil zusammen. Nachdem im Dow im Wochenverlauf erst die magische Schwelle von 10.000 Punkten gefallen war, fielen binnen 20 Stunden die 9000er- und 8000er-Marke.
Bis auf 7883 Zähler wurde der traditionsreichste Index der Welt in den ersten Handelsminuten heruntergeprügelt - so tief wie seit dem Kurssturz im Zuge des Irak-Kriegs im April 2003 nicht mehr. Fast 2500 Punkte innerhalb von fünf Handelstagen gingen damit in der Spitze verloren - das sind Superlative, die zu keinem, aber auch wirklich keinem Zeitpunkt in der Börsengeschichte erreicht worden sind.

18 Prozent: Die schlechteste Handelswoche aller Zeiten im Dow

Selbst nach einer moderaten Intraday-Erholung bleiben die Negativrekorde bestehen: Mit einem Minus von 1874 Punkten oder absolut 18,15 Prozent verzeichnete der Dow den größten Wochenverlust aller Zeiten. In anderen Worten: Nie hat der traditionsreichste Index der Welt in seiner 134-jährigen Geschichte mehr in einer Woche verloren als in den letzten fünf Handelstagen! Nie: Nicht im dramatischen Ausverkauf von 1929, als der Dow einmal um 12 Prozent kollabierte - und auch nicht am Schwarzen Freitag von 1987, die sich beide übrigens ebenfalls im Oktober ereigneten. In dieser Handelswoche jedoch gab es keine Erholung, keine Gegenwehr - mit einem Wort: keine Käufer. Acht mal in Folge hat der Dow nunmehr im Minus geschlossen. Acht mal Käuferstreik, niedergeschlagene Erholungsversuche, acht mal Ausverkauf - zum Großteil: den totalen.

Was Ende dieser - in jeder Hinsicht - historischen Börsenwoche bleibt, ist die Hoffung, dass Börsianer mitten im dramatischsten Absturz aller Zeiten über das Ziel hinausgeschossen sind. Immerhin: Der Handelsschluss am Freitag hätte noch dramatischer ausfallen können. In der Spitze bemerkenswerte 1018 Punkte konnten die Bullen den Dow am Freitag noch nach oben treiben, ehe sie in den letzten 20 Handelminuten erneut der Mut verließ und wieder mehr als 450 Zähler abgegeben werden mussten. Auch wenn es ein ganz schwacher Trost ist: So etwas wie eine Gegenreaktion war erkennbar…

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