Zertifikate - Hart aber unfair in der ARD behandelt


Zertifikate wurden in der Sendung “Hart aber fair” als völlig unverständliche Produkte und Teufelszeug bezeichnet. Der Moderator Frank Plasberg hat sich an ein Thema gewagt, dessen Zusammenhänge er und seine Redaktion nicht verstanden haben. Leider sind auch einige seiner Gäste wenig hilfreich gewesen.

Die Sendung mit dem Titel “Börsencrash und Bankenpleite - wie sicher ist unser Geld noch?” griff ein für viele Menschen beunruhigendes Thema auf. Und natürlich sind viele der Finanzmarktprobleme kaum zu vermitteln. So ist es immer ein Aufreger, die Frage zu stellen, was hätte man mit dem Geld noch alles anstellen können? Gemeint sind über 26 Milliarden Euro für die der Bund der Hypo Real Estate eine Bürgschaft gegeben hat. Zur Darstellung hätte aber gehört: Was wäre passiert wenn der Bund genau diese Bürgschaft, die hoffentlich nicht zum Zuge kommt, nicht gegegeben hätte. Durch die Maßnahme wird nämlich eine systemische Kettenreaktion verhindert - die Kernschmelze wie Peer Steinbrück sich auszudrücken pflegt.

Mein Faktencheck zur Sendung:

Damit ich richtig verstanden werde: Die Hypo Real Estate (HRE) hat Probleme und die haben auch mit der schlechten Finanzmarktkommunikation des Unternehmens zu tun. Der fallende Aktienkurs ist kein Vertrauensbeweis auch in Verhandlungen mit anderen Banken um Finanzierungen. Auch ist die Idee, langfristige Kredite mit kurzfristigen Finanzierungen zu unterfüttern, ein schwelender Gefahrenherd. Sofern ich mich an mein Grundstudium richtig erinnere, nennt man diese Idee der Fristenkongruenz - langfristige Engagements langfristig zu finanzieren und kurzfristige kurzfristig - die Goldene Bankregel. Grundlage ist das Vorsichtsprinzip.

Norbert Röttgen (CDU) lag richtig damit, die Fälle IKB, SachsenLB, KFW, Lehman Brothers von dem Fall der Hypo Real Estate zu trennen. Die Hypo hat sich nach jetzigem Wissensstand auch in den USA verhoben. Aber dieser Teil hätte das Institut nicht ins Wanken gebracht. Es sind vielmehr die ausgetrockneten Finanzmärkte, die der Bank jetzt zuschaffen machen, da Anschlußfinanzierungen anstehen und im Markt für die HRE nicht mehr zu finden waren. Das Management der HRE hat mit dem Verstoß gegen die oben genannte Regel schlicht und einfach versagt.

Zertifikate

Zertifikate sind eine rechtliche Struktur und noch kein Finanzprodukt: Es handelt sich dabei um eine Schuldverschreibung, die bei einer Bankenpleite dazu führt, dass der Anleger sich bei fehlender Masse mit anderen Gläubigern bei seiner Schuldnerbank hinten anstellen muss. Das ist das sogenannte Emittentenrisiko. Dieser Risikofall ist jetzt bei einer Bank, die in Deutschland mit Zertifikaten aktiv war, eingetreten. Das Problem ist also real existent und nicht eine statistische Kennziffer wie der Zertifikateverband es gerne darstellt.

Unabhängig davon bieten einige Zertifikate durchaus positive Leistungen: Wer sich gegen einen fallenden Aktienmarkt versichern wollte, der konnte das mit Put-Optionsscheinen tun. Und zwar für einzelne Aktien genauso wie für ganze Märkte. Er hat dann zwar das Risiko des Emittenten, aber das Produkt an sich schützt ihn.

Fraglich ist es natürlich, sich gegen einen Kursverfall bei der Bank selbst abzusichern. Die Deutsche Bank beispielsweise bietet in ihrem Angebot bei x-markets Put- und Call-Optionsscheine auf das eigene Unternehmen. Im Falle einer Insolvenz würde der theoretische Gewinn aus einigen Produkten also gar nicht ausgezahlt werden können. Solche Produktkonstellationen müssten verboten werden. Ohne wenn und aber.

Auch haben Plasberg und seine Gäste durchaus Recht: Zertifikate sind inzwischen sehr komplex geworden. Die Vielzahl an Produkten braucht niemand und das Spielmotiv ist bei vielen Anlegern unverkennbar vorhanden. Tausende Produkte sind wirtschaftlich unnötig: Mit der jetzigen Finanzkrise haben diese Dinge aber wenig zu tun. Auch sind derivate (abgeleitete) Produkte nicht mit Zertifikaten gleichzusetzen. Zertifikate auf einzelne Anlagethemen und -länder können als Beimischung durchaus positive Beiträge leisten, wenn eine andere Alternative nicht vorhanden ist. Unterscheiden muss man Produkte mit einer 1:1 Partizipation von Hebelprodukten. Das Wort Hebel oder neudeutsch Leverage kam in der Sendung aber nie zur Sprache.

Investmentfonds sind zu bevorzugen

Wer das rechtliche Problem im Insolvenzfall von Zertifikaten vermeiden will, der sollte auf Investmentfonds zurückgreifen. Diese sind durch ihre Struktur naturgemäß etwas teurer für Anleger und Betreiber. Aber der Anleger erhält einen Anteil an einem Sondervermögen. Sollte eine Investmentgesellschaft eine Pleite hinlegen, dann ist sein Kapital geschützt und wandert nicht in die Masse. Auch dieser Hinweis wäre in der ARD-Sendung hilfreich gewesen.

Der Fall der 70-jährigen Frau

Wer Wertpapiere kauft, der muss vorher bei seiner Bank eine entsprechende Erklärung abgeben, dass er gewisse Bankprodukte versteht und kaufen will. Das wird in diesem Fall vermutlich auch passiert sein. Aber die Praxis in den Banken sieht oft anders aus: Anlegern wird ein Papier vorgelegt und als notwendiges Übel präsentiert. Dennoch: Die Frau hat selbst bei einer Unterschrift vermutlich Chancen, gegen die beratende Bank erfolgreich vorzugehen und ihren Schaden ersetzt zu bekommen. In einer anderen Fernsehsendung wurde ein Fall dargestellt, dass ein Mitarbeiter einer Bank ein Lehman-Zertifikat anpries, während die Muttergesellschaft in ihren eigenen Produkten Lehman-Produkte schon mied. Falls das wirklich so ist, hat in diesem Fall der Anleger eine Zusatzchance, sich rechtlich gegen seine Bank durchzusetzen.

Es wäre sinnvoll gewesen, wenn die Sendung auch diesen Aspekt genauer herausgearbeitet hätte.

Intransparenz bei Zertifikaten

Das eigentliche Problem bei Zertifikaten ist die mangelnde Transparenz: Eine Bank, die vernünftig handelt, sichert sich an den Terminmärkten gegen die eigenen Produkte ab. Dadurch verdient sie einen vergleichsweise kleinen, aber sicheren Betrag, da die Bankprodukte für Retailkunden natürlich teurer sind als die Versicherung an den Terminmärkten. Will eine Bank mehr Geld verdienen, dann nimmt sie es mit der Absicherung nicht so genau. Eine Bank, die in der Vergangenheit dieses so getan hat, wird in der jetzigen Phase belohnt. Das ist der eigentliche Aufreger, da unsolides Handeln belohnt wird.

Zunächst: Die meisten Produkte der Finanzindustrie setzen auf steigende Kurse. Anleger, die entsprechende Call-Optionsscheine oder Indexprodukte kaufen, wetten genau darauf. Nehmen wir mal an: Eine von mir jetzt erfundene Bank bietet nur eine Index-Produktgattung zu einem Basispreis an. Man kann bei der Bank auf steigende und fallende Kurse setzen. 80 Prozent haben auf steigende Kurse gesetzt. 20 Prozent auf fallende Notierungen (das entspricht ungefähr der Aufteilung von Put- und Call-Optionscheinen im Markt). Die Bank könnte sich für den Fall des Steigens am Markt versichern. Sie muss das nur für 60 Prozent des Volumens tun, da der Rest durch die anderen Kunden abgesichert ist. Statt sich zu versichern, kann die Bank aber auch für die gesamte Summe Staatsanleihen kaufen und Zinsgewinne erwirtschaften. Nach den massiv gefallenen Kursen versichert die Einprodukt-Bank jetzt auf niedrigerem Niveau die 60 Prozent mehr, die auf steigende Kurse setzen. Sie erzielt riesige Gewinne, hat aber dafür ein unverhältnissmäßiges Risiko in Kauf genommen.

Nein: Ich sage nicht, dass Banken das so getan haben, aber die Gefahr besteht, da die Aufsicht im Zertifikatebereich praktisch nicht existent ist. Hier muss der Gesetzgeber handeln, um die nächste mögliche Finanzkrise zu vermeiden. Denn vernünftiges Verhalten kann man Bankern angesichts der Krise wohl kaum weiterhin unterstellen - oder?

Hebel sind der Grund für die aktuellen Probleme

Das Problem, das jetzt auf die gesamte Welt zurückfällt, liegt in einer expansiven Finanzindustrie, die gigantische Hebel eingesetzt hat. Das passierte mit Zustimmung der US-Notenbank, aber auch anderer Zentralbanken, die sich genötigt sahen, dem Beispiel der Angelsachsen zu folgen. Richtig wäre es, die gute alte Mindestreservepolitik wiederzuentdecken und Banken zu einem höheren Vorsichtsgrad zu zwingen. Und natürlich: Auf-Pump-Geschäfte aller Art zu erschweren, da hierdurch neue Blasen in Gang gesetzt werden.

Verbriefungsmarkt

In der ARD-Sendung ging es munter hin und her zwischen Zertifikaten und Verbriefungen als wären diese identisch miteinander. Der Moderator warf noch Derivate hinein und rührte mehrfach kräftig um. Richtig ist: Die Probleme der jetzigen Krise entstanden durch unsolide Bankgeschäfte in den USA und anschließender Verbriefung der Kredite, die dadurch weitergereicht werden konnten. Auch dieses Instrument ist keineswegs schlecht. Nur warum diejenigen Rating-Agenturen solche Pakete schnüren und danach selbst bewerten duften ist natürlich fraglich. Dadurch haben die Banken neue Kreditmöglichkeiten geschaffen und weiter expandiert. Diese Kette ist jetzt zusammengebrochen und erschüttert das System. Das hat nichts mit Shortsellern, Hedgefonds oder Zertifikaten zu tun, sondern ist ein Versagen der Ratingsysteme. Nach herrschender Lehre muss man viele Risiken bündeln, um das Gesamtrisiko zu verringern. Wenn man aber zu viele gleich gerichtete Risiken eingeht, dann führt das natürlich nicht zu einer signifikanten Risikoverringerung.

Das Thema Gold

Irgendjemand in der Redaktion von “Hart aber fair” findet Gold als Anlageobjekt unheimlich sexy. Gold wurde innerhalb von zwei Wochen zweimal thematisiert. Hilmar Kopper hat das in der Vorwoche richtig kommentiert: Gold bringt keine Zinsen. Der Finanztest-Chefredakteur Tenhagen erwähnte glücklicherweise, dass der Goldpreis in den letzten Monaten eine riesige Volatilität aufwies von 1.000 US-Dollar in der Spitze bis 750 US-Dollar im Tief. Der Aktienmarkt ist nicht wirklich volatiler als der Goldpreis. Das Thema Währungsschwankungen gehört bei einem solchen Tippversuch auch dazu: Um dieses Phänomen abzusichern, müsste man wieder “Teufelszeug”, nämlich Derivate, einsetzen. Schade Frank Plasberg - die Sendung war kein Highlight und auch wenig nutzbringend informativ. Stattdessen wurden viele Vorurteile bedient.

Heiner Geißler ist mein Gewinner der Sendung gewesen: Die Probleme mit der Kapitalmärkten sind auf eine fehlende Ethik zurückzuführen, sagte er. Ich kann seinen Hinweisen meist nur zustimmen und nenne das Problem die Leere des Liberalismus.

Kommentare


berlin

27 Februar 2009 um 07:02

Gut!

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