Gezerre um das US-Rettungspaket - Finanzkrise trifft den Dax


Das US-Rettungspaket stand vor unerwarteten Hürden im US-Kongress. Sowohl Demokraten als auch Republikaner übten Kritik daran. Zum Ende der Woche gab es eine neue Schreckensnachricht: Die größte US-Sparkasse, Washington Mutual (WaMU) gibt auf und wird übernommen.

Die US-Parlamentarier wollten von US-Finanzminister Henry Paulson und US-Notenbankchef Ben Bernanke Antworten darauf, ob die jetzige Rettungsaktion Erfolg bringen werde. Soweit wollte aber niemand gehen: Bernanke argumentierte andersrum: Die Märkte seien so ” fragil“, dass der vorgestellte 700-Milliarden-Dollar-Plan notwendig ist. Paulson malte Anfang der Woche weitere Bankpleiten und ausgetrocknete Kreditmärkte an die Wand.

Viele Fragezeichen

Der Name des Projekts Finanzmarktrettung lautet TARP, was für Troubled Asset Relief Programme steht. Genau dieses Programm wurde in der letzten Woche kontrovers diskutiert: Die Kongressabgeordneten waren nicht überzeugt und stellten parteiübergreifend Fragen, die wir in Deutschland gelegentlich gehört haben: Warum hilft man den Bankern und nicht denjenigen, die jetzt vor der Insolvenz stehen? Müssen Managergehälter nicht in ihrer Höhe beschränkt werden? Welche Garantien übernehmen die Banken?

Die Analyse war düster: Ben Bernanke berichtete, dass Banken nicht in der Lage sind, Geld einzusammeln und sich untereinander Geld zu leihen. Und das obwohl die Notenbanken inzwischen weltweit mehr als eine Billion US-Dollar in die Märkte gepumpt haben.

Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, stellte die Frage, warum eine einzelne Person das Recht hatte, die 85-Millionen-Dollar-Finanzspritze für die Rettung von AIG zu bewilligen. Es ging in der Diskussion also auch um prinzipielle Fragen der Kompetenzen von Legislative und Exekutive in finanziellen Belangen.

Und natürlich lautet eine weitere Frage, wie man die Hilfsaktion anlegt: Denn so klar ist es nicht und vermutlich muss der Staat sofort erfolgreich operieren und kann sich Fehler nicht erlauben. Zumindest wären diese ziemlich teuer. Neben den 700 Milliarden US-Dollar, die diesmal angepackt werden sollen, gibt es in den USA noch mehrere ähnliche Baustellen: Autokredite, Kreditkartenkredite und Studentenkredite. Eric Mindich, ein US-Hedgefondsmanager weißt auf die Risiken hin, die ein Präzedenzfall haben könnte. Denn es könnte für die Individuen sinnvoll sein, ihre Schulden nicht zu begleichen und auf ein Rettungspaket im eigenen Schuldverhältnis zu setzen.

Rekordpleite im US-Bankensektor

Drei Tage nach der ersten Anhörung bewahrheiteten sich die Worte von Paulson: Nach einer Nachtaktion gab JP Morgan Chase bekannt, dass große Teile der Washington Mutual für 1,9 Milliarden Dollar übernommen werden sollen. Immerhin ist das die größte Bankenpleite der US-Geschichte: Washington Mutual ist unter den Lasten der Kreditkrise kollabiert. 16,7 Milliarden US-Dollar waren in kurzer Frist von verunsicherten Kunden abgehoben worden. Die Einlagen in Höhe von 190 Milliarden US-Dollar sollen nicht gefährdet sein. Zuvor hatte die Bankenaufsicht das Institut geschlossen.

Finanzkrise erreicht den US-Wahlkampf

John McCain versuchte sich Mitte der Woche durch einen geschickten Schachzug zum verantwortlichen Staatsmann zu machen. Er unterbrach werbewirksam die eigene Kampagne und schlug seinem Kontrahenten Obama vor, die geplante Fernsehdebatte zu verschieben und sich mit der Finanzmarktkrise zu beschäftigen.

Obama reagierte souverän: Wer sich nicht auf mehrere Themen einlassen könnte, der könne das Land nicht als Präsident regieren. Ein Einlenken hätte dem Kontrahenten in die Hände gespielt. Jedenfalls saßen die beiden Präsidentschaftskandidaten kurz darauf am Tisch des Noch-Präsidenten und berieten mit über den Rettungsplan. Auch das brachte trotz einer dramatischen Rede von Georg W. Bush keine Fortschritte. Allerdings betonten alle Beteiligten seit Tagen, dass man sich im Grundsatz einig sei.

Obama gewann dann auch zu Wochenschluss das Fernsehduell in Wirtschaftsfragen, wohingegen McCain außenpolitisch gepunktet haben soll.

Der US-Plan soll jüngsten Meldungen zufolge in Stufen umgesetzt werden und zunächst nur 350 Milliarden US-Dollar umfassen. Das 110-Seiten-Programm des US-Kongresses heißt: “Emergency Economic Stabilization Act of 2008“.

Der Plan sieht eine Deckelung von Managergehältern vor und soll in mehreren Milliarden-Tranchen zum Einsatz kommen. Der Plan wurde am späten Sonntagabend europäischer Zeit verabschiedet. Vertreter beide Parteien betonten, man habe den Bush-Paulson-Plan deutlich verbessert.

Europas Finanzwelt jetzt auch betroffen

Am Wochenende erschütterten zwei Ereignisse die europäische Finanzwelt: Der Finanzkonzern Fortis wurde für 4,7 Milliarden Euro zu 49 Prozent vom belgischen Staat übernommen. Die Anteile des Konzerns an ABN Amro sollen Gerüchten zufolge verkauft werden. Der Chef des Konzerns hatte bereits am Freitag seinen Posten aufgegeben.

Das britische Finanzministerium bestätigte am Montag die Übernahme fauler Kredite des Instituts Bradford & Bingley in Höhe von 50 Milliarden Pfund.

Dramatisch ist auch die Situation bei der Hypo Real Estate (HRE) zu nennen: Das Unternehmen wurde durch ein Bankenkonsortium mit einer Kreditlinie in zweistelliger Milliardenhöhe gestützt. Die Aktie brach schon vorbörslich um gut ein Drittel ein. Die Probleme des Konzerns sind durch die 2007 erworbene Depfa-Bank entstanden. Das Institut hatte Refinanzierungsprobleme, die dem von Bernanke beschriebenen Squeeze-Phänomen entsprechen. Das Unternehmen sieht den durchgeführten Schritt als Befreiungsschlag.

Auch die Bundesbank und die BAFin versuchten in einer Mitteilung zu beruhigen. Der Kurs der HRE-Aktie wurde von der Börse in Frankfurt um 9.16 Uhr mit 5,33 Euro taxiert (Tagestief: 4.61 Euro im Xetra-Handel Stand: 11.15 Uhr).

Im Laufe des Tages bestätigte das Bundesfinanzministerium eine Bürgschaft für HRE. Der Bund haftet demnach für 35 Milliarden Euro mit.

Weltweit hatten die Aktienmärkte in der Vorwoche eine Ruhepause eingelegt. Nach den jüngsten Ereignissen steht den Marktteilnehmern eine weitere unruhige Woche bevor. Dax-Stand um 9.51.19 Uhr: 5.868 Punkte. Um 13.30 Uhr hat sich der Markt wieder etwas beruhigt und notiert nur etwa 2,5 Prozent niedriger als zu Wochenschluss am letzten Freitag. (Letztes Update: 17.45): Der Dax schloss am Montag bei 5.818 Punkten und damit mit einem Minus von 245 Punkten. Die Schlussauktion ergab sogar einen um 10 Punkte niedrigeren Indexstand. Der deutsche Leitindex gab etwas mehr als vier Prozent ab. Verlierer des Tages im Dax war die Aktie der Hypo Real Estate mit einem absoluten Kursminus von 10.46 Euro. Das Papier kostete zu Börsenschluss (Xetra) etwa 3,50 Euro. Das entspricht einem Tagesminus von knapp 75 Prozent.

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