Aktienmärkte: Die Woche der Abrechnung
Im Ergebnis gab der Dow Jones in der letzten Woche knapp 0,3 Prozent ab. S&P 500 und Nasdaq konnten sogar etwas hinzugewinnen. Diese Summensicht ist jedoch verkürzt: Das System stand vor dem Kollaps.
Eigentlich wollte ich einen Kommentar schreiben, der verschiedene Indexentwicklungen auflistet: in Industriestaaten und Emerging Markets. Die Ereignisse lassen solch einen Kommentar aber nicht zu: Die Aktienmärkte der Welt tauchten zu Wochenbeginn bis Donnerstag bei unglaublicher Volatilität gemeinsam ab. Auslöser war einmal mehr die Bankenkrise in den USA. Am Freitag rettete dann die US-Regierung die Märkte vor dem Kollaps. Vorerst.
Die Ereignisse der letzten Tage im Zeitraffer
Die Investmentbank Lehman Brothers verschwindet von der Finanzlandkarte. Eine Rettungsaktion scheiterte am vorigen Wochenende. Jetzt wird das Unternehmen filettiert und einige Tausend Investmentbanker verlieren ihren Job. Barclays kauft einen US-Teil und auch in Japan gibt es Kaufinteressenten für Teile des Wallstreet-Traditionsunternehmens. Überraschend kam für hiesige Beobachter die Botschaft, dass neben den Banken ein Versicherungsriese angeschlagen war und um Hilfe bitten musste: Die American International Group (AIG) erhält einen Notfallkredit von der US-Notenbank Fed. Diese gewährte AIG einen Kredit von fast 60 Milliarden Euro und übernimmt dafür 79,9 Prozent der AIG-Aktien. Ebenfalls am Montag wurde bekannt, dass Merrill Lynch in die Arme der Bank of America flieht.
Befreiung schien in Sicht, als mehrere Banken einen Rettungsschirm von etwa 70 Milliarden US-Dollar aufspannen wollten. Unter den Bankinstituten befand sich auch die Deutsche Bank.
Die vielen Meldungen führten zu einem unglaublichen Auf und Ab an den Aktienmärkten. Indexbewegungen von einem Prozent wurden in zehn Minuten in die eine oder andere Richtung vollzogen: an normalen Tagen ist das die ungefähre Tagesrange. Morgan Stanley (MS) meldete Anfang der Woche eigentlich überraschend gute Gewinnzahlen. Wer jetzt dachte, dass hierdurch etwas Ruhe einkehren würde, der hatte die Rechnung ohne die Marktteilnehmer gemacht. MS brach förmlich ein. Die Aktie verlor binnen drei Tagen von 35 US-Dollar bis knapp unter 12 US-Dollar. Das entspricht einem Wertverlust von fast zwei Dritteln. Die Bank sah sich gezwungen zu handeln und Gerüchte über eine weitere Bankenfusion machten schnell die Runde: Kandidat ist Wachovia, die viertgrößte US-Bank. Aber es soll auch andere Kandidaten geben, hieß es. Washington Mutual, die größte Sparkassengesellschaft der USA sucht ebenfalls einen Partner.
Auch andernorts kommt es zu einer großen Bankenfusion: In Grossbritannien übernimmt die Bank Lloyds TBS die in Bedrängnis geratene HBOS.
Der “Retter” Henry Paulson
Der US-Finanzminister Paulson konnte das Debakel nicht weiter mitansehen und holte zum großen Schlag aus, der die vielen Einzellösungen umgehen soll. Er entwickelt zusammen mit Ben Bernanke einen Rettungsplan: Angedacht ist eine riesige Auffanggesellschaft, die den Banken problematische Wertpapiere, Commercial Paper, abnehmen soll. Zuvor waren auch US-Geldmarktfonds in Schwierigkeiten geraten, da immer mehr Anleger ihr Geld zurückhaben wollten, für die von Paulson eine Lösung verkündet wurde, die 50 Milliarden kostet und die eine weitere Flucht der Kapitalanleger verhindert.
Fannie Mae und Freddie Mac - wir erinnern uns, das sind zwei erst vor Wochenfrist verstaatlichte Hypothekenfinanzierer - sollen in großem Stil weitere Hypothekenpapiere aufkaufen. Schnell machten Gerüchte die Runde, welche die Kosten der Maßnahmen auf 700 bis zu 1.000 Milliarden US-Dollar schätzten.
Konzertierte Aktionen gegen Shortseller
Die eigentliche Rettung vor dem großen Ausverkauf ist aber nicht auf die angekündigte Rettungsaktion des US-Finanzministers zurückzuführen. Wichtiger war ein neues Artenschutzabkommen, das in kürzester Zeit umgesetzt werden konnte: Finanzwerte stehen in den USA vorerst bis zum 2. Oktober und in Großbritannien sogar bis Ende des Jahres unter besonderem Schutz vor Shortsellern. Später schlossen sich auch die BAFin und die schweizerische Börsenaufsicht an.
Durch diese Maßnahme kam es zu einer riesigen Shortsqueeze: Das sind Eindeckungskäufe von Shortsellern, die durch die Nachricht auf dem falschen Fuß erwischt wurden und ihre Positionen auflösen mussten, um nicht zu hohe Verluste zu erleiden. Auch kündigte die US-Börsenaufsicht SEC Untersuchungen bei Hedgefonds an, da von Bankenvertretern häufig Marktmanipulationen vermutet wurden.
Verstaatlichung in den USA
Den wohl spannendsten Gedanken der Woche äußerte Finanzminister Peer Steinbrück in der Haushaltsdebatte - noch bevor die Verstaatlichungsorgie der Amerikaner bekannt wurde: Steinbrück wollte sich nicht ausmalen, was geschehen würde, “wenn ein sozialdemokratischer Finanzminister die Verstaatlichung von Banken vorgeschlagen hätte.” Steinbrück kann geholfen werden: Er wäre geteert und aus dem Amt gejagt worden.
Die Ironie der Geschichte verlangte jetzt ausgerechnet von der US-Regierung eine Verstaatlichungsorgie, die jeden Kommunisten mit der Zunge schnalzen lassen würde. Niemand sollte dem US-Präsidenten und seinem Finanzminister jetzt Lob aussprechen, angesichts ihrer Tatkraft in den letzten Tagen: Sie haben vermutlich Schlimmeres verhindert. Georg W. Bush war es höchstpersönlich, zusammen mit Alan Greenspan, der die US-Bauaktivitäten anheizte. Ziel damals war es, die US-Konjunktur zu retten. Heute weiß man: Er hat damit nur einen Zeitaufschub erreicht und die Grundfesten des Finanzsystems in Gefahr gebracht. Rechtzeitig, noch vor seinem Amtsende, steht Bush jetzt nicht nur außenpolitisch vor einem Scherbenhaufen. Auch die US-Wirtschaft wird leiden und vermutlich Jahrzehnte benötigen, um die Scherben wieder einzusammeln: Das Staatsdefizit explodiert in diesem Jahr und die Inflation dürfte weiter zunehmen. Es wäre angesichts der jüngsten Entwicklungen vermessen anzunehmen, dass der US-Dollar auf lange Sicht die Weltleitwährung bleibt. Viele professionelle Anleger dürften jetzt das jüngste Zeitfenster nutzen, um ihr Kapital in währungsstabiliere Räume zu investieren. Der Euroraum und seine Währung jedenfalls sind jetzt relativ auf dem Vormarsch.
Ausblick und Folgen
Das Modell von reinen Investmentbanken ist offensichtlich gescheitert. Universalbanken europäischen Zuschnitts haben sich als deutlich robuster erwiesen. In den USA gibt es daneben noch sogenannte Monoliner, das sind Finanzinstitute die in der Klemme stecken, wenn ihre Branche unter Druck gerät. Die Lehre sollte sein: Eine Bank muss breit aufgestellt sein.
Aber es gibt auch an europäischen Banken Kritik zu üben: Eine Ausrichtung von Geldinstituten am kurzfristigen Profit- und abenteurliche Margenvorgaben wirken in Kombination wie eine unternehmerische Zeitbombe. Das Bezahlsystem der Banker muss stattdessen auf nachhaltigen Erfolg ausgerichtet sein. Eine weitere Kritik trifft Banken auf der ganzen Welt: Es ist unverständlich, warum Banken immer erst in der Schwäche zu Fusionen bereit sind, anstatt sich vorher zusammenzuschließen.
Aber man darf auch nicht überziehen und jetzt eine Verstaatlichung des Bankensystems fordern: Die Beispiele SachsenLB, WestLB, BayernLB, KfW und IKB haben gezeigt, dass auch Banken in öffentlicher Trägerschaft keine Garantie für ein funktionierendes System gewährleisten.
Mit etwas Glück gelingt dem SPD-Finanzminister Steinbrück jetzt das Durchsetzen von Regeln für die internationalen Finanzmärkte. Er hat ein begrenztes Zeitfenster dafür. Für die Finanzmarktstabilität wäre ein solches Regelwerk ganz wichtig.
Arbeitsplätze sind auch schon verloren gegangen: Zumindest sofern es Investmentbanker trifft, muss niemand traurig sein. Diese haben in den Jahren zuvor überzogene Bonuszahlungen erhalten und sind als Gruppe an dem jetzigen Desaster nicht ganz unbeteiligt gewesen. Vielleicht reduzieren die Banken jetzt die Zahl der Finanzprodukte und versuchen diese erklärbar zu gestalten - auch das wäre keine schlechte Entwicklung. Ach ja: In den Finanzzentren London und New York City werden jetzt die Steuereinnahmen wegbrechen und manches Luxusappartment wird für einen Schnäpchenpreis zu haben sein. Also nichts wirklich Schlimmes.
Wochenergebnisse: Dax30 = 0,73%; MDax = -3,61%; Eurostoxx 50 = -0,75%; FTSE = -1,74%; Hang Seng = -0,13%; Nikkei = -2,41%; Dow Jones = -0,29%.






