Bankenkrise: Schwarzer Montag


Es ist der vorläufige Höhepunkt einer historischen Krise: In der Nacht zum Montag musste Lehman Brothers Insolvenz beantragen, während sich Konkurrent Merrill Lynch in die Arme der Bank of America warf. AIG benötigt unterdessen eine Finanzspritze in Höhe von 40 Milliarden Dollar. Börsianer ziehen an der Wall Street die Reißleine.

Der 15. September 2008 dürfte seinen Platz in den Gesichtsbüchern sicher haben. Binnen weniger Stunden braute sich ein Sturm zusammen, den die amerikanische Bankenlandschaft seit der Weltwirtschaftkrise 1929 nicht mehr gesehen hatte.

Dabei schien mit der Fast-Pleite von Bear Stearns vor exakt einem halben Jahr der Gipfel der Finanzmarktkrise erreicht zu sein. Sechs Monate später nun der ganze große Knall, vor dem notorische Skeptiker immer wieder gewarnt hatten: Trotz fieberhafter Verhandlungen konnte die viertgrößte amerikanische Investmentbank Lehman Brothers nicht mehr gerettet werden – eine überraschende Trendwende, nachdem im März bei der Nummer Fünf, Bear Stearns, von Politik und Finanzbranche noch alle Hebel in Bewegung gesetzt worden waren, um eine Insolvenz zu verhindern.

Nicht so beim einst begehrten Filetstück des amerikanischen Investmentbankings. Nach allen erdenklichen Planspielen zum Notverkauf einzelner Unternehmensteile und nach fieberhaften Verhandlungen zur Übernahme durch die Barclays Bank oder Bank of America blieb in den Morgenstunden zum Montag nur noch die Kapitulation auf ganzer Ebene – nämlich die Beantragung des Gläubigerschutzes nach Chapter 11.

“Lehman-Pleite: Das globale Vertrauen in die Stützung und Stabilität des Finanzsystems ist erschüttert

Bei ganzen 19 US-Cent ging die Lehman-Aktie daraufhin gestern aus dem Handel. Bei knapp 86 Dollar hatte das Papier Anfang 2007 noch auf einem Allzeithoch notiert. Nun der Zusammenbruch, der gleichzeitig die größte Pleite in der US-Geschichte darstellt. Per 31. Mai hatte Lehman noch ein Vermögen von enormen 639 Milliarden Dollar in seinen Büchern geführt.

“Die Druckerschwärze unter dem Insolvenzantrag von Lehman ist noch nicht ganz trocken”, resümiert Marktstratege Hans-Jürgen Delp von der Commerzbank gegenüber der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX. “Wir hatten mit Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac die ganz klare Sicherheit, dass das Finanzsystem nicht wankt, da der Staat diesen Banken unter die Arme gegriffen hat. Lehman steht nun mit dem Rücken zur Wand, und das globale Vertrauen in die Stützung und Stabilität des Finanzsystems ist wieder einmal erschüttert”.

Schneller Merger Bank of America-Merrill Lynch: “Das führende Finanzinstitut der Welt”

Das gilt erst recht nach den nächsten Schockmeldungen, die die Märkte ebenfalls noch vor Handelseröffnung am Montag erreichten: So verschwand - buchstäblich über Nacht – auch die drittgrößte amerikanische Investmentbank, Merrill Lynch. Diesmal nicht durch eine Pleite, sondern durch einen überraschenden Verkauf an die Bank of America, der größten Bank der Vereinigten Staaten. Kaufpreis: 50 Milliarden Dollar in Aktien (0,8595 eigene Aktien für einen Merrill-Lynch-Anteilsschein).

Dass beide Unternehmen erklärten, sie würden nunmehr “das führende Finanzinstitut der Welt” bilden, wirkt in diesem Marktumfeld da eher wie schlechter Treppenwitz, zu desaströs ist die Stimmung an den globalen Finanzmärkten. Tatsächlich munkeln Marktbeobachter, das Traditionshaus Merrill Lynch, das im Zuge der Subprime-Krise ebenfalls heftig unter die Räder gekommen war, wollte einem ähnlichen Schicksal wie Lehman und Bear Stearns zuvorkommen und habe daher die Gunst der Stunde zu einer noch standesgemäßen Übernahme genutzt.

Nächster Krisenherd AIG: 40 Milliarden Dollar zum Überleben benötigt

Doch das war immer noch nicht alles: Auch der vor ein paar Monaten noch weltgrößte Versicherer AIG steht mit dem Rücken zur Wand. Und wie: Die American International Group musste in der Nacht zum Montag eingestehen, dass sie dringend frisches Kapital benötige. Nach Berichten der “New York Times” drohe eine Herabstufung des Kreditratings, wodurch reflexartig immense Mittelabflüsse losgetreten werden könnten. “AIG hätte nur noch 48 bis 72 Stunden zu leben gehabt”, wurde ein Insider in der Zeitung zitiert.

Durch eine Lockerung der Kreditregeln kann der Dow Jones-Konzern nun Vermögen von Tochterunternehmen in Höhe von 20 Milliarden Dollar zur Stützung der Muttergesellschaft verwenden. Weitere 20 Milliarden Dollar sollen folgen. Anleger reagierten auf die Not-Transaktion indes panisch und flüchteten aus dem ohnehin schon leckgeschlagenen Traditionskonzern. Gegen Handelsende stand ein tiefrotes Minus von mehr als 60 Prozent auf der Kurstafel.

Wall Street: “Der denkbar schlechteste Handelsschluss. Ein komplett hoffnungsloser Handelsschluss”

Auch in der Breite quittierten die Anleger das Desaster an den Finanzmärkten mit den stärksten Abschlägen seit dem 11. September 2001. Der Dow Jones Industrial Average schloss am Montagabend nur noch bei 10.917 Punkten. Das entsprach einem Verlust von 504 Punkten oder 4,4 Prozent. Damit notierte der Dow auf dem tiefsten Stand seit Juli 2006. Der marktbreite S&P-500 verlor sogar 4,6 Prozent auf 1193 Zähler, während die Technologiebörse Nasdaq mit einem Minus von 3,6 Prozent auf 2179 Punkte abtauchte.

Die Märkte schlossen damit allesamt auf Tagestiefs. Wall Street-Haudegen James Cramer schlägt dann auch in schrillsten Tönen Alarm: “Der denkbar schlechteste Handelsschluss. Ein komplett hoffnungsloser Handelsschluss. Ich will keine Hoffnung machen, wenn es keine gibt”, erklärte der CNBC-Marktkommentator.

“Das US-Finanzsystem befindet sich in seiner größten Krise seit 1929″

Andere Marktexperten sehen die amerikanische Bankenlandschaft dann auch bereits in der schwierigsten Lage seit der Weltwirtschaftskrise. “Fakt ist, das US-Finanzsystem befindet sich in seiner größten Krise seit 1929. Ohne die Intervention der US-Regierung sowie der US-Notenbank wäre das System sehr wahrscheinlich schon längst kollabiert”, erklärt Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank, gegenüber manager-magazin.de “Sie versuchen das Schlimmste abzuwenden, um den Schaden für die Realwirtschaft in Grenzen zu halten.”

Wie das noch gelingen könnte, erklärt James Cramer: “Wir brauchen – noch in dieser Woche – eine Lösung für AIG, eine große Zinssenkung und einen weiteren Merger im Stile Bank of America-Merrill Lynch, um einen weiteren strauchelnden Player aufzufangen. Und wir brauchen die Liquiditätssicherung durch die Fed, um einen Crash zu vermeiden.” Damit ist das hässliche C-Wort ausgesprochen: Ein veritabler Crash – das wäre noch eine Steigerung des Schwarzen Montags vom 15. September 2008.

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