Interview mit Monika Müller: “Geld ist ein größeres Tabu als Sex”


Monika Müller ist eine der bekanntesten Finanzpsychologinnen in Deutschland. Seit fast zehn Jahren ist sie als Coach für Profis und Anleger bei Entscheidungen rund ums Geld aktiv: Sie gibt keine Tipps für die Aktienauswahl, sondern sie löst das Problem Geldanlage auf ihre Weise.

Wie kommt man als Psychologin eigentlich auf die Idee, sich mit dem Thema Geld zu beschäftigen?

Monika Müller: Nun, Ende der 90er-Jahre war ich auf der Suche nach einem neuen Thema, das mich begeistern könnte. Damals gab es den Börsenhype, für den ich mich als Psychologin aber auch als Privatmensch interessiert habe. Bei meiner Themensuche stand dann ganz plötzlich “Finanzcoaching” auf einem Zettel. Man kann also sagen, dass ich durch Intuition zu dem Thema gekommen bin. Das neue Thema: “Wie trifft der Mensch gute Finanzentscheidungen?” habe ich dann mit dem verbunden, was ich schon seit Jahren gerne gemacht habe: Coaching und Seminare für Menschen in Unternehmen, die ich auf ihrem Weg zu mehr Erfolg begleiten durfte.

Wie ging es dann weiter bis zur Gründung Ihres Unternehmens?

Müller: Ich bin sehr zielstrebig vorgegangen: Die ersten Visitenkarten waren schnell gedruckt, die zentralen Ideen und das Konzept habe ich dann bei einem Kick-off-Seminar für “Critical Friends” vorgestellt. Dabei waren Familie, Kollegen, Finanzprofis und Freunde. Diesen präsentierte ich einen ganzen Tag lang meine Vorstellungen über Geld, Börse und Psychologie. Das war eine anstrengende, aber auch wichtige Erfahrung. Danach habe ich die Anregungen aufgenommen und meine Dienstleistung auf dem Markt konsequent platziert.

Zentrales Thema bei Ihren neusten Seminaren ist Geld. Können Sie Ihre Herangehensweise kurz erläutern?

Müller: Mit Geld verbinden sich nicht nur klassische Fragen der Finanzentscheidungen, sondern es gibt auch viele andere Aspekte zu berücksichtigen. Und damit sind wir bei der Psychologie: Geld als ein Tabu. Gehen Sie beispielsweise einmal auf eine Party und führen Sie Smalltalk mit irgendeinem Gegenüber. Man beginnt das Gespräch mit Fragen wie: “Was machst du beruflich?” Oder: “Was machst du privat?” Und wenn Sie dann zum Thema Geld genauso fragen würden: “Was verdienst du, wie viel besitzt du?” Dann wäre das Ergebnis betretenes Schweigen und wahrscheinlich ein Ende des Gesprächs. Das hat mit unserem Verhältnis zum Thema Geld als Tabu zu tun. Ein Tabu löst in dem Moment, in dem es berührt wird, Spannungen zwischen den Gesprächspartnern aus.

Das kann ich bestätigen, aber woran liegt das?

Müller: Es beginnt beim Ausspruch: “Über Geld spricht man nicht.” Durch dieses Verbot ist unsere Sprache im Zusammenhang mit Geld völlig verkümmert. Dabei ist Geld mehr als nur ein Tauschmittel, sondern eine originär menschliche Kommunikationsform. Es ist ein Zeichen ? “Wer bin ich?” und “Welche Rolle möchte ich in der Gesellschaft einnehmen?” Geld war früher Schmuck oder stellte Verbindungen und Beziehungen her. Denken Sie an die Mitgift, die eine Gabe bei der Heirat war. Wir stolpern beim Forschen über Geld auch immer wieder über das Thema Religion. Es gibt keine Religion, die nicht auch etwas darüber aussagt, was Geld ist und wie wir damit umgehen sollen. Das sitzt viel tiefer, als wir es im Alltag wahrnehmen. Eine interessante Theorie besagt sogar: Geld als Tauschmittel entstand durch religiöse Rituale wie Opfergaben. Das Tabu, über Geld nicht zu sprechen, hat also auch mit Macht und Moral zu tun.

Wie macht sich dieses Bild von Geld heute noch bemerkbar?

Müller: Es wäre einfach über Geld zu sprechen, wenn es nur ein Tauschmittel wäre. Ich erlebe die Wirklichkeit anders: Beratern, Tradern oder Bankern, also Geldprofis, fällt es nicht automatisch leicht, offen über ihr Verhältnis zu Geld zu sprechen. Den beschriebenen Widerstand muss jeder erst einmal überwinden. Man kann das Thema “Geld” insofern durchaus mit dem Thema Sexualität vergleichen. Die Barrieren, über Sex zu reden, haben wir in den letzten Jahrzehnten weitgehend abgearbeitet. Bei Geld sind wir noch lange nicht so weit. Geld ist für viele Menschen noch viel intimer als Sexualität. Es gibt beispielsweise viele Ehepaare, die wissen von ihrem Partner nicht, wie viel er oder sie verdient und sein Geld anlegt.

Wie gehen Sie als Psychologin an das Problem heran?

Müller: Nun, im ersten Schritt versuche ich ein Angebot zu machen, das beschriebene Tabu aufzulösen. Sprich, in meinem Seminar “Erfolg mit Geld” wird offen, klar und ausführlich über Geld und die persönliche Bedeutung, die es für jeden hat, gesprochen. Diese Auseinandersetzung beginnt schon damit, wie sich die Investition für das Seminar errechnet, nämlich individuell. Jeder kann davon profitieren, sich seiner emotionalen Verwicklungen mit Geld bewusst zu sein: Nehmen Sie einen Aktienhändler. Er weiß beispielsweise, dass er reich werden oder gut verdienen will.

Aber was ist Geld für ihn genau? Er geht davon aus, dass Geld etwas Rationales ist. Die irrationale Komponente von Geld wird dabei völlig ausgeblendet. Wenn dieser Händler unbewusst denkt “Geld ist Freiheit” ? Was ist dann, wenn er einen Verlust glattstellt und damit weniger Geld hat? Fühlt er sich dann weniger frei? Und was heißt das für weitere Tradingentscheidungen? Diese Wirkungen muss man kennen, um ein gesundes Verhältnis zum Geld zu entwickeln und um besonders als Profi überhaupt in der Lage zu sein, irrationale Fallen bei Anlageentscheidungen zu umgehen. Vermögensberater erkennen durch unsere Gespräche oder in Seminaren, dass sie keine Geldgeschäfte, sondern Beziehungsgeschäfte betreiben. Und das ist auch der Ursprung von “Geld”: nicht das Tauschmittel, sondern das Beziehungsmittel stand am Anfang.

Sie berechnen die Kosten für Ihr Seminar “Erfolg mit Geld” nach einer interessanten Formel. Dabei spielen Lebensalter und Jahresbruttoeinkommen eine Rolle. Warum?

Müller: Das Ziel ist, über Geld ins Gespräch zu kommen. Durch die Formel stecken wir direkt im Thema und in den Emotionen, die Geld bei uns und in unseren Beziehungen auslösen. Das ist gewollt. Auch entspricht das meinem Motto offen darüber zu reden, was meine Leistung kostet und ich will dazu beitragen, dass wir lustvoller und kreativer mit dem Thema umgehen. Schließlich will ich, dass meine Seminarteilnehmer ihre Scham verlieren, über Geld und was es für sie bedeutet zu sprechen.

Nun noch ein anderer Aspekt: Immer wieder tritt bei Anlegern das Problem der Gier auf. Was ist Ihre Sicht der Dinge?

Müller: Schon in Ihrer Frage unterstellen Sie, dass Gier ein Problem ist. Als Finanzpsychologin sehe ich das anders: Gier kommt von Begehren und Begierde. Hinter Gier steckt also nicht nur etwas Schlechtes, sondern auch Lust auf Leben. Das würde ich betonen. Allerdings ist es ein weit verbreiteter Trugschluss zu glauben, dass man mit genügend Geld diesen Zustand erreicht. Sind Menschen mit viel Geld glücklicher? Jeder weiß: So einfach gesagt stimmt das nicht, und Studien bestätigen dies.

Jedem von uns muss klar sein, was er oder sie im und vom Leben will. Dann geht es im Kern nur noch darum, zu tun, was wir wirklich tun möchten. Natürlich helfe ich mit meiner Arbeit als Coach auch Anlegern, zu lernen, mit Begierden gut umzugehen. Aber das erreicht man am besten, indem man diese genau anschaut und hinterfragt, statt sie zu verleugnen.

Die Gier ist also gar nicht das Problem der Anleger. Wie steht es denn mit anderen Gefühlen bei der Geldanlage?

Müller: Andere Gefühle stehen uns in der Tat oft im Wege. Wir verlieben uns zum Beispiel in Entscheidungen. Das äußert sich dann darin, dass Anleger, ob Profis oder Private, Bestätigungen für ihre Kaufentscheidungen suchen und kritische Informationen unter den Tisch fallen lassen. Die Aufgabe besteht dann beispielsweise darin, das Muster zu durchbrechen und einige geliebte Aktien abzugeben.

Was ist für Sie erfolgreiche Geldanlage?

Müller: Das fängt mit dem Treffen von guten Entscheidungen in allen Lebensbereichen an. Ziel ist es: Das zu tun, was wir wirklich tun wollen. Dann erst kann Geld richtig gut für uns arbeiten.

Monika Müller ist Diplom-Psychologin und Master Certified Coach (ICF).

Sie war viele Jahre in einem Beratungs- und Weiterbildungsinstitut tätig, bevor sie sich 1999 mit ihrer Firma FCM Finanz Coaching ganz auf das Feld der Finanzentscheidungen und der Finanzpsychologie konzentrierte. Die Bedeutung von Geld im Leben von Menschen und ganzheitliche Finanzkompetenz nimmt dabei in ihrer Arbeit eine zentrale Stellung ein.

Die Kunden von Monika Müller sind Finanzprofis ebenso wie Privatanleger. Neben öffentlichen Vorträgen und Seminaren setzt sie maßgeschneiderte Coachingprozesse für zahlreiche Trader, Portfoliomanager und Bankkundenberater um.

Weitere Informationen zu Seminaren von Monika Müller finden Sie hier.

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