US-Subprime-Krise: Bankaktien vor einer Neubewertung?
In den letzten Wochen wurden Bankaktien wegen der US-Subprime-Krise besonders stark abgestraft. Wen trifft es in Zukunft stärker ? und wer bleibt ungeschoren? Wie so oft gilt: Es kommt darauf an. Denn die Börsenwelt ist eine relative Welt…
Die Krise hat zwei wesentliche Effekte ausgelöst, die eine Neubewertung des gesamten Aktienuniversums notwendig machen: Zum einen sind die Kosten für Kredite mindestens kurzfristig angestiegen - vermutlich bleibt das auch zumindest mittelfristig so. Denn Banken vergeben nicht mehr so freigebig Geld an andere Banken oder an Kundenunternehmen. Die Geldinstitute müssen erst mal die Auswirkungen der Vertrauenskrise genauer begutachten und Abschreibungen auf vermutlich geringerwertige Forderungen vornehmen.
Zum anderen sind durch die überraschend starke Zinssenkung der US-Notenbank die Wechselkurse wieder in Bewegung geraten. Zwar dürften viele Unternehmen bei uns auf einen steigenden Euro eingestellt gewesen sein, aber erinnern wir uns an Unternehmen wie Airbus Industries, die noch vor wenigen Monaten den Wechselkurs als Grund für die geplante Umstrukturierung genannt haben. Was noch vor einigen Monaten bei einem Wechselkurs von 1 Euro = 1,32 US-Dollar galt, ist bei einem Wechselkurs von 1:1,40 oder 1:1,50 sicher noch dramatischer.
Banken mit hohen Abschlägen
Beinahe jede Bank auf dieser Welt scheint von der Kreditkrise irgendwie betroffen zu sein. Nur keiner weiß, wer am Ende wie viel zahlt. Dieser globale Effekt ist natürlich nicht nur negativ zu bewerten, sondern er beruhigt auch, da das System so eine Art Pufferfunktion übernimmt ? nach dem Motto: geteiltes Leid ist halbes Leid.
Durch die weltweiten Verflechtungen sind Abschläge für den gesamten Sektor durchaus gerechtfertigt. Es gibt aber schon jetzt Unterschiede im Ausmaß: Die Northern Rock verzeichnet inzwischen auf Jahressicht einen Abschlag von satten 85 Prozent. Das liegt an einem Geschäftsmodell, das plötzlich nicht mehr zukunftsfähig ist. Die englische Hypothekenbank verkauft Kredite und bündelt diese dann, um sie am Kapitalmarkt unterzubringen. Das funktioniert bei Northern Rock genau wie im Segment für US-Subprime.
Die Deutsche Bank will im dritten Quartal hohe Abschreibungen vornehmen. Das plauderte Josef Ackermann in einer Fernsehsendung aus. Inzwischen wird über die ungenannte Größenordnung der Forderungsabschreibungen spekuliert, die von Quellen der Nachrichtenagentur Reuters auf zwischen 1,2 und 1,7 Milliarden Euro taxiert wurden. Ein verkraftbare Größenordnung für die Deutsche Bank.
Die Kursabschläge des deutschen Branchenprimus bewegen sich mit ungefähr einem Viertel noch im Rahmen. Mit Spannung darf daher der 30. Oktober erwartet werden, denn an dem Tag veröffentlicht die Bank ihr Quartalsergebnis. Die Commerzbank verlor in einer vergleichbaren Größenordnung und die Postbank musste sogar noch etwas mehr einbüßen. Das Prinzip hieß Sippenhaft, obwohl das Engagement der Banken durchaus unterschiedlich ist.
Geschäftsmodelle unter der Lupe
Naheliegenderweise sind als Opfer der aktuellen Krise auch diejenigen Aktienunternehmen auszumachen, die ein Geschäftsmodell betreiben, das stark auf den Einsatz von Fremdkapital setzt. Zum Beispiel Unternehmen der Private Equity-Branche. Als Abschreckung mag der Aktienkursverlauf von Blackstone dienen.
Das Unternehmen ist erst vor wenigen Monaten an der Börse gestartet und notiert jetzt über ein Viertel unter dem Ausgabekurs. Das ist überaus ärgerlich für einen Spezialisten, der andere Unternehmen auch bei Börsentransaktionen berät. Der Abschlag ist verständlich, denn die Branche muss jetzt Teile ihres Geschäftsmodells neu erfinden - das geplante Wachstum könnte dadurch ins Stocken geraten.
Sicherlich finden sich betroffene Unternehmen auch im Immobiliensektor. Hier könnten sich für Anleger allerdings sogar Chancen bieten, da praktisch sämtliche Unternehmen in Gemeinschaftsverdacht geraten sind. Das Wort Immobilie reichte häufig schon aus, um einen Kursabschlag zu rechtfertigen. Man wird genauer hinschauen müssen, um herauszufinden, ob ein Unternehmen direkt im US-Markt engagiert ist und ob das Unternehmen einen hohen Fremdkapitalbedarf zu decken hat. Genau diese Überlegungen treiben zurzeit die Analystenzunft weltweit.
Bilanzzahlen zählen wieder
Die Märkte mussten in den letzten Wochen weltweit pauschale Abschläge von mehr als zehn Prozent hinnehmen - auch wenn zuletzt durch die überraschende Zinssenkung durch die US-Notenbank wieder kurzfristig etwas Optimismus zurückkehrte. In den nächsten Wochen wird der Prozess der Umbewertungen sicherlich weiter fundiert: Anleger sollten sich auf einige Reduktionen von Kurszielen der Analysehäuser vorbereiten. Dabei trifft es im Peer-Vergleich - meist Branchenvergleich - besonders diejenigen Unternehmen, deren Geschäftsmodell direkt betroffen ist, aber auch andere Unternehmen müssen mit Abschlägen rechnen.
Dabei gilt: Besonders negativ wirken sich hohe Verbindlichkeiten auf die Bewertung aus, da die Schulden das Jahresergebnis zukünftig stärker belasten. Außerdem wird gefragt, ob ein Unternehmen organisch oder durch Akquisitionen wachsen will. Expansion durch Zukauf ist in der nächsten Zeit sicherlich schwieriger durchzuführen. Unternehmen mit einer starken Wachstumsausrichtung müssen zusätzlich jetzt die Frage beantworten, wie sie dieses Wachstum in Zukunft finanzieren wollen. Unternehmen mit einem hohen Cashflow dürften die Analysten das angestrebte Wachstum eher zutrauen als einem Unternehmen mit knapperen liquiden Möglichkeiten.
Das bedeutet nicht, dass es an den Aktienmärkten zukünftig nicht mehr bergauf geht, aber die Chancenrelationen sind neu verteilt: In der aktuellen Krise bleiben einige Unternehmen auf halber Höhe stehen; andere verlangsamen ihr Tempo. Darüber hinaus gibt es Unternehmen mit starken Branchenabschlägen: Die Banken starten demnach von einem niedrigeren Niveau neu. Die Northern Rock befindet sich zurzeit bereits unterhalb des Basislagers und ist sogar auf dem Weg Richtung Tal.






